Ferisa springt vom Heuballen auf die Tellerschaukel und wirbelt herum. „Ich könnte das den ganzen Tag lang machen“, ruft sie und lacht. „Wenn ich hier wohnen würde, würde ich nichts anderes machen.“ Für die Sechsjährige sind die Nachmittage auf dem Haettelihof im Hockgraben in Egg jedes Mal ein Erlebnis.

Für ihre Mutter bedeutet das auch eine Auszeit: „Ich genieße es, wenn die Kinder hier beschäftigt sind“, sagt Stefanie Mädel. Auch Ferisas vierjährige Schwester Tamina ist mit zur Auszeit in die Heukiste gekommen, wie der Nachmittag genannt wird. „Die Kinder fühlen sich hier richtig wohl“, sagt Mädel.

"Viele Mütter bringt die Auszeit in der Heukiste auch runter"

Die Heukiste ist ein früherer Ponyunterstand auf der Wiese des Haettelihof. Hier sollen Mütter und Kinder zwei Stunden in der Woche entspannen können. Für die Unterhaltung sorgen große Strohballen, ein Sandkasten sowie Schaukel- und Klettermöglichkeiten.

Ferisa beim Spielen in der Heukiste.
Ferisa beim Spielen in der Heukiste. | Bild: Wetschera, Wiebke

„Es geht um Spielentwicklung für Kinder“, sagt Ute Elise Paluch, die den Haettelihof gemeinsam mit ihrem Mann führt und die Heukiste betreut.

Viele Konstanzer Kinder kennen den Hof schon von Besuchen mit dem Kindergarten oder der Schule. Zwei Mal die Woche für jeweils eineinhalb Stunden dürfen sie auch mit ihren Müttern oder Vätern vorbeikommen: „Viele Mütter bringt die Auszeit in der Heukiste auch runter“, sagt Paluch. In der Heukiste gibt es für alle Kinder und Mütter drei Regeln. Erstens: Handys werden nur zum Fotografieren benutzt. Zweitens: Während der Zeit in der Heukiste dürfen die Kinder nichts essen, um Ablenkung zu vermeiden. Drittens: Die Kinder können nur machen, was sie alleine machen können.

Das Verhalten der Kinder wird nicht bewertet

Das erfordert von den begleitenden Müttern Zurückhaltung. Etwas, das Birgit Lattner erst lernen musste: „Man muss sich da als Mutter schon zügeln“, sagt die 47-Jährige. Sie ist an diesem Nachmittag mit ihrem einjährigen Sohn Jonathan da – schon zum fünften Mal. Von Mal zu Mal taue Jonathan etwas mehr auf, „es tut ihm richtig gut“, sagt Lattner. Das kann sie auch von sich selbst sagen: „Für mich ist es eine Stärkung für den Alltag.“ Denn so wie Ute Elise Paluch die Kinder in der Heukiste betreut, erzieht auch Lattner Jonathan Zuhause.

Reformpädagogik nennt sich der erzieherische Ansatz, den Paluch verfolgt. Die Erziehung geht dabei vom Kind aus. „Die Kinder fühlen sich total gesehen, das geht in der Gesellschaft oft unter“, sagt sie. Paluch benennt den Kindern, was sie in diesem Moment tun, bewertet es allerdings nicht – selbst wenn sie eine Schaufel werfen. In der Heukiste sollen die Kinder betreut spielen, ohne die ganze Zeit gemaßregelt zu werden: „Das Spielen ist das Wichtigste, das Kinder machen können“, sagt sie.

Entspannen und den Kindern zusehen

Die Zwillinge Jakob und Raphael sind schon seit über einem Jahr bei der Heukiste dabei. Mit ihrer Mutter Sarah Hornstein kommen sie deshalb regelmäßig auf den Haettelihof. „Den pädagogischen Ansatz finde ich total angenehm“, sagt Hornstein. Die 33-Jährige kann sich während der zwei Stunden am Nachmittag sogar ein bisschen erholen: „Das funktioniert, ich kann mich entspannen und den Kindern zuschauen.“ Gemeinsam mit den anderen Müttern sitzt sie an einem Holztisch. "Ich finde es gut, draußen zu sein und das für jedes Kind etwas dabei ist", sagt Hornstein.

Während die Mütter sich unterhalten und den Kindern zuschauen, ist Ute Elise Paluch mit den Kindern mitten im Heu am Spielen. Sie spielen im Sandkasten, mit Heu oder turnen auf den Strohballen herum – je nachdem, wozu die Kinder Lust haben.

Während Ute Elise Paluch mit den Kindern Spielt, haben die Mütter mal Pause und schauen den Kindern zu oder unterhalten sich.
Während Ute Elise Paluch mit den Kindern Spielt, haben die Mütter mal Pause und schauen den Kindern zu oder unterhalten sich. | Bild: Wetschera, Wiebke

"Für mich ist es auch immer spannend zu sehen, wie unterschiedlich die Kinder sind", sagt Paluch. Eine pädagogische Ausbildung hat sie nicht, ist aber Mutter von drei Kindern. "Dadurch habe ich viele Erfahrungen gemacht", sagt sie.

Deshalb weiß sie um die Aufgaben einer Mutter und will sie mit der Heukiste bewusst entlasten: "Frauen müssen sich gegenseitig viel mehr unterstützen", sagt sie. Dafür möchte sie mit der Heukiste einen Raum öffnen. "Viele Mütter kommen, weil sie neugierig sind oder einfach einen netten Nachmittag haben möchten." So wie Birgit Lattner: "Ich freue mich jedes Mal wieder darauf", sagt sie. Ihr Sohn Jonathan will am Ende der eineinhalb Stunden am liebsten gar nicht nach Hause gehen – für ihn könnte jederzeit Heukisten-Zeit sein.

Die Heukiste ist für Kinder von etwa zwei bis sechs Jahren geeignet. Sie findet zwei Mal die Woche, am Dienstag von 15.30 bis 17 Uhr, und am Donnerstag, von 14.45 bis 16.15 Uhr statt. Für Erwachsene kostet ein Besuch fünf Euro, für jedes Kind sieben Euro.