Es sieht auf den ersten Blick aus, wie ein U-Bahn-Plan. Feine Linien verbinden einzelne Quadrate miteinander. Kleinteilig und unübersichtlich winden sich weitere Abzweigungen, weitere Linien führen zu einem neuen Quadrat. In diesen Quadraten sind Gesichter zu erkennen. Bilder von Männern, von denen neue Linien wegführen, hin zu anderen Bildern von anderen Männern. Jedes kleine Quadrat steht für einen Händler in Konstanz, einen Kurier aus Amsterdam oder ein anderes Mitglied dieser Vereinigung, die den Kreis Konstanz seit Jahren mit Kokain versorgt. Fast zwei Jahre haben Ermittler des Polizeipräsidiums Konstanz daran gearbeitet, die Strukturen dieser Organisation aufzudecken, die im verborgenen Kokain aus Südamerika bis an den Bodensee gebracht hat. 30 Tatverdächtige, 26 Festnahmen, 9,1 Kilogramm Kokain und 300 Gramm Heroin mit einem Verkaufswert von etwa 720 000 Euro sowie Haftstrafen in Höhe von mittlerweile 65 Jahren sind die beachtliche Bilanz dieser Ermittlung. Und noch immer warten Verdächtige auf ihren Prozess.

In dem kleinen Büro im Gebäude der Kriminalpolizei in Friedrichshafen türmen sich die Akten. An den Wänden hängen neben dem Übersichtsplan des Drogenrings weitere Bilder der Verdächtigen mit Steckbriefen. Gesichter, Namen, Geschichten, die die Ermittler bestens kennen, ohne die Personen länger als ein paar Minuten persönlich gesprochen zu haben. "Wir wissen meistens mehr über die Verdächtigen als ihre eigene Ehefrau", sagt einer der Ermittler. Seinen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen, zu seinem Beruf gehört es, Drogenhändler zu überführen.

Mehr als neun Kilogramm Kokain sind in den vergangenen zwei Jahren im Kreis Konstanz sichergestellt worden. <em>bilder: fotolia, Seitengestaltung: Felix Streibert</em>
Mehr als neun Kilogramm Kokain sind in den vergangenen zwei Jahren im Kreis Konstanz sichergestellt worden. bilder: fotolia, Seitengestaltung: Felix Streibert

Das ist nicht ungefährlich. Er hört mit, wenn sie telefonieren, er weiß, wann sie wo ein- und ausgehen. Und noch steckt er in den Ermittlungen zu dem Drogenkartell aus Konstanz. Noch gilt es, den Prozess gegen einen Hauptverdächtigen vorzubereiten.

Angefangen hatte alles im April 2015. Da erhielt die Kriminalpolizei den Hinweis über einen Konstanzer, der einen regen Kokainhandel betreiben soll. Was die Ermittler in den folgenden zwei Jahren zu Tage brachten, erinnert an einen Mafiafilm. Über kleine Portionen gut verpacktes Kokain, auch Fingerlinge genannt, brachten Mitglieder der Organisation große Mengen der Droge in die Region. Diese Fingerlinge wurden geschluckt und im Körper transportiert. Die Kuriere, die die Ware aus Amsterdam bezogen hatten, brachten sie zu Personen, die die Polizei Residenten nennt. Das sind Mitglieder, die seit Jahren in Konstanz leben, oft mit deutschen Frauen verheiratet sind, Kinder haben, ein bürgerliches, unauffälliges Leben führen. Von diesen Zwischenhändlern wurden die Drogen anschließend weiterverteilt.

Kuriere stehen auf der untersten Stufe der Hierarchie. Sie tragen das größte Risiko und bekommen vergleichsweise wenig ab vom großen Kuchen. Darüber stehen die Residenten, darüber die Mittelsmänner in Amsterdam, die die Drogen aus Südamerika oder Afrika in Empfang nehmen. Alle Mitglieder der Organisation stammen aus Nigeria. In den vergangenen zwei Jahren gingen der Polizei so zwölf Kuriere, sieben Zwischenhändler, acht ihrer Helfer sowie ein international agierender Hauptorganisator der oberen Hierarchiestufe ins Netz.

Gefüllt mit jeweils etwa 10 Gramm Kokain: 30 bis 120 dieser sichergestellten "Fingerlinge" schluckten Kuriere, um die Betäubungsmittel auf diese Art als Bodypacker in den süddeutschen Raum zu verbringen.
Gefüllt mit jeweils etwa 10 Gramm Kokain: 30 bis 120 dieser sichergestellten "Fingerlinge" schluckten Kuriere, um die Betäubungsmittel auf diese Art als Bodypacker in den süddeutschen Raum zu verbringen. | Bild: Polizei

"So einen großen und umfangreichen Fall organisierter Bandenkriminalität hatten wir in der Region noch nie", sagt der Ermittler. Die Ermittlungen haben auch internationale Bezüge, die in der Zusammenarbeit über Europol und Interpol mündeten.

Hinter der Ermittlungsgruppe, die aus einer Handvoll Mitarbeitern besteht, liegen unzählige Stunden Arbeit. Etliche Telefone wurden abgehört, die Gespräche transkribiert, übersetzt und ausgewertet. Die Drogenhändler haben sich auf Igbo, einer der vier Landessprachen in Nigeria unterhalten. "Es ist eine sehr blumige Sprache mit vielen Sprachbildern. Das macht einen guten Dolmetscher umso wichtiger", erklärt der Ermittler. Oft gehe es darum, zwischen den Zeilen zu lesen. Nicht was gesagt wird, sondern wie, in welcher Tonlage. Auch die Metaphern habe man erst entschlüsseln müssen. So bedeute die Formulierung in Igbo "die Schönheit des Mannes" auf deutsch einfach Geld. Diese Telefon-Überwachung sei besonders zeitintensiv gewesen.

Nicht nur für die Ermittler, auch für die Staatsanwaltschaft bedeutete das nigerianische Drogenkartell viel Arbeit. "Für einen Fall brauchten wir für die Ermittlung sogar 60 Gerichtsbeschlüsse", sagt Andreas Mathy, Pressesprecher der Konstanzer Staatsanwaltschaft und neben anderen Staatsanwälten für die juristische Aufbereitung der Ermittlung zuständig. Der Tatverdächtige hatte häufig die Telefonnummer gewechselt. Für jede neue Nummer musste ein neuer Gerichtsbeschluss her. Für zusätzliche Observationen, Hausdurchsuchungen und Festnahmen waren weitere notwendig. Drogendelikte laufen unter dem Begriff Hol-Kriminalität, erklärt Staatsanwalt Robert Aichele.

Keiner erstatte Anzeige, die Polizei und Staatsanwaltschaft muss sich alle Beweise selbst holen. Und das möglichst schnell. Die Staatsanwaltschaft ist verpflichtet, nach der Festnahme eines Verdächtigen, so schnell wie möglich Anklage zu erheben. In der Regel darf dies nicht länger als sechs Monate dauern.

Doch bevor Anklage erhoben werden kann, muss der Verdächtige eindeutig überführt werden. "Wir arbeiten auf den Tag X hin, dann, wenn wir manchmal nach monatelanger Observation den Zugriff planen", sagt der Ermittler der Kriminalpolizei. Für diesen Tag sind zum Teil mehr als 100 Beamte im Einsatz. Im Fall der Drogenkuriere war es auch wichtig, eine medizinische Betreuung zu veranlassen. Für den Verdächtigen ging es nicht aufs Revier, sondern ins Krankenhaus. Die 9,1 Kilogramm Kokain wurden in den Körpern der Drogenkuriere gefunden. Nachdem sie mit einem Computertomografen durchleuchtet wurden, stehen die Männer so lange unter Beobachtung, bis alle Drogen wieder aus dem Körper gelangen. Die Kosten für die Behandlung trägt die Staatskasse. Für die aufwendige Ermittlung sind bereits einige Zehntausend Euro ausgegeben worden. Die Arbeitszeit der Beamten nicht einberechnet.

Hoffnung, dass mit diesem Ermittlungserfolg die Drogenkriminalität am Bodensee Einhalt geboten werden kann, hat der Kripo-Ermittler nicht. "Über jeden, den wir festnehmen, kommen wir auf neue verdächtige Personen", sagt er. Heißt: Zieht man einen Drogendealer aus dem Geschäft, rückt ein anderer einfach nach und macht weiter. Die Spur des Kokains wird sich im Kreis Konstanz immer weiter fortziehen.

Verschärfte Abschieberegelungen und das lukrative Geschäft mit der Droge

  • Zuständigkeit: Abschiebungen liegen in der Verantwortung der Bundesländer. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) führt hingegen das Asylverfahren durch. Das bedeutet, die Asylantragstellung, persönliche Anhörung und die Entscheidung, ob Schutz zu gewähren oder der Asylantrag abzulehnen ist, erfolgen beim Bundesamt. Der Vollzug der Abschiebeanordnung geht dann aber anschließend über die Ausländerbehörde des jeweiligen Bundeslandes.
  • Asylverfahren: Das Asylverfahren muss gesondert vom Strafverfahren gesehen werden. Sollte ein Antragssteller jedoch während des Asylverfahrens staffällig werden, so wird sein Antrag vom Bundesamt prioritär behandelt.
  • Subsidiären Schutz erhalten Menschen, in deren Situation weder Schutz durch Asyl noch durch die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft gewährt werden kann, welche aber aus humanitären Gründen nicht abgeschoben werden sollen, weil ihnen in ihrem Heimatland zum Beispiel die Todesstrafe oder Folter drohen.
  • Das  Asylpaket II: Das Aufenthaltsgesetz ist im März 2016 um das Asylpaket II erweitert worden. Ein Ausländer darf demnach ausgewiesen werden, wenn er eine der folgenden Straftaten begeht: Wenn er eine Gefahr für die Allgemeinheit bedeutet, weil er wegen einer oder mehrerer vorsätzlicher Straftaten gegen das Leben, die körperliche Unversehrtheit, die sexuelle Selbstbestimmung, das Eigentum oder wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte rechtskräftig zu einer Freiheits- oder Jugendstrafe von mindestens einem Jahr verurteilt worden ist.
  • Bei Straffälligkeit vor dem Asylpaket II: Hier galt noch das Aufenthaltsgesetz aus dem Jahr 1951, welches besagt, dass der Ausländer aus schwerwiegenden Gründen als eine Gefahr für die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland anzusehen ist oder eine Gefahr für die Allgemeinheit bedeutet, weil er wegen eines Verbrechens oder besonders schweren Vergehens rechtskräftig zu einer Freiheitsstrafe von mindestens drei Jahren verurteilt worden ist. Dann durfte er ausgewiesen werden.
  • Kokain hat in der Region Konstanz laut Carmen Knäbler von der Drogenberatung Konstanz einen Verkaufswert von 70 bis 80 Euro pro Gramm. Produziert wird die Droge in Südamerika, hauptsächlich in Kolumbien und Brasilien. Von dort nimmt es seinen Weg direkt nach Europa auf großen Frachtschiffen, oder über den afrikanischen Kontinent. Hauptumschlagplatz in Europa für die Droge ist Amsterdam. Von dort wird das Kokain in ganz Europa verteilt. (ans)