Konstanz Das Wetter maschinell unter Beobachtung: Deutscher Wetterdienst zieht Mitarbeiter von Konstanzer Station ab

Die Wetterstation im Silvanerweg 6 wird voraussichtlich im Lauf des Jahre 2019 vollständig automatisiert sein. Die Daten über Niederschlag, Sonnenscheindauer und Luftdruck werden weiterhin vor Ort erhoben, aber ohne die Beobachtung durch den Menschen. Die Mitarbeiter der Wetterwarte versehen ihren Dienst in Zukunft an anderen Standorten in Deutschland

Seit Beginn dieses Jahres gibt es die Wetterwarte in Konstanz nicht mehr in der ursprünglichen Form. Zwar sind alle Geräte am Silvanerweg 6 noch in Betrieb, doch die acht Mitarbeiter, die dort für den Deutschen Wetterdienst ihre Arbeit verrichteten, sind bis auf zwei Personen abgezogen worden.

Diese Maßnahme geht auf einen Beschluss des DWD zurück, der vorsieht, das Wetter-Messnetz in Deutschland bis 2021 vollständig zu automatisieren. Damit werde die Wetterbeobachtung in Konstanz fortgesetzt, es werden Daten zu Temperatur, Niederschlag und Sonnenscheindauer gesammelt, wie Uwe Kirsche, Pressesprecher beim DWD, berichtet. Die Daten werden aber ausschließlich maschinell erhoben. Mit der flächendeckenden Automatisierung trage der DWD den Vorgaben der Politik, Geld zu sparen, Rechnung, heißt es in der Pressemitteilung. Die 183 Messstationen in Deutschland blieben erhalten, das Personal, das dort arbeitete, werde jedoch für andere Aufgaben eingesetzt.

Mitarbeiter an neuen Einsatzorten

Vorerst sind an der Konstanzer Wetterwarte jedoch noch Menschen im Dienst, deren Arbeit noch nicht von Geräten ersetzt wird. Constantin Kandler und ein Kollege kümmern sich um die Messung der künstlichen Radioaktivität in Luft und im Niederschlag. Es geht darum, festzustellen, ob aus umliegenden Atomkraftwerken, etwa in Leibstadt, Radioaktivität austritt. Das sei aber nicht der Fall, "wir haben noch nie einen erhöhten Wert gemessen", sagt Kandler.

Für die Messung wird Regenwasser verdampft, das Sediment wird auf mögliche Radioaktivität geprüft. Das Verdampfen des Wassers erfolgt nach wie vor manuell, danach prüft ein Gerät auf Alpha-, Beta und Gamma-Strahlung. Auch in diesem Bereich soll der Mensch durch die Maschine ersetzt werden: "Prototypen von Geräten, die die Radioaktivitätsmessung vornehmen, gibt es schon", erläutert Kandler. Geplant ist, dass die Messungen ab 2019 automatisiert werden. "Wir sind alle über die Automatisierung unglücklich gewesen", berichtet Constantin Kandler im Rückblick. Allerdings sei ihr Arbeitgeber ihnen in der Neuorientierung sehr entgegen gekommen. Er selbst werde später nach Stuttgart wechseln und auch von zuhause arbeiten können.

Die Wetterdiensttechniker Christian Kerkhoff und Wolfgang von Nessen sind offiziell bereits von der Wetterstation Konstanz abgezogen. "Es ist schon Wehmut dabei", sagt Wolfgang von Nessen. Er ist der Dienststelle in Hamburg zugeordnet, darf seine Arbeit aber von zuhause aus versehen. Er hat die Aufgabe übernommen, alte Wetterdaten zu digitalisieren, plant aber, in Frührente zu gehen. Kerkhoff hat in die Medizinmeteorologie gewechselt. Er ist in Freiburg tätig und mit Pollen- und Feinstaubanalyse befasst. "Beides geht bisher noch manuell", sagt Kerkhoff. Einmal pro Woche kann er in Konstanz arbeiten.

Für die Daten sorgen die Maschinen

Welche Arbeitsschritte fallen in Zukunft weg, wenn kein Mitarbeiter mehr vor Ort ist? Und wie wird dies die Qualität der Wetterdaten beeinflussen? Laut Auskunft von Pressesprecher Kirsche wird die Qualität der Vorhersage durch die Automatisierung keinesfalls verschlechtert. "Die Wettervorhersage stützt sich heutzutage längst auf die Daten von Radar und Wettersatellit. Die Qualität hängt vom Zusammenspiel dieser Daten ab", erläutert Kirsche. Die Wetterbeobachtung hingegen, die durch Menschen geschieht, spiele heute keine Rolle.

"Die Beobachtung des Wetterverlaufs oder die Klassifizierung des Wolkentyps fallen in Zukunft weg." Die Kollegen des DWD hätten die Wetterbeobachtung leidenschaftlich und engagiert betrieben, allerdings habe sich die Technik in den vergangenen Jahren so entwickelt, dass man künftig ohne die Beobachtung auskomme. Was auf der Strecke bleibt, ist die Außenwirkung. Die Mitarbeiter des DWD hätten vor Ort häufig die Aufgabe übernommen, der Öffentlichkeit die Tätigkeit der Meteorologen anhand der lokalen Daten zu erläutern.

Daten seit 2017 frei zugänglich

Die Beobachtungsdaten der Station Konstanz fließen auch weiterhin nach Offenbach, dem Hauptsitz des DWD. Dort werden sie für die Wettervorhersage, Unwetterwarnungen und die Klimaüberwachung genutzt. 2017 habe es zudem eine Gesetzesänderung zum Deutschen Wetterdienst gegeben. Einer EU-Richtlinie zufolge müssen Geodaten, die mithilfe von Steuergeldern erhoben werden, in Zukunft kostenfrei zur Verfügung gestellt werden. Bisher hatte der Deutsche Wetterdienst seine Daten – mit Ausnahme der Unwetterwarnungen – gegen Gebühren an seine Abonnenten abgegeben, wie Pressesprecher Uwe Kirsche berichtet. Seit Mitte 2017 sind die Daten des DWD daher auf dem Open-Data-Server frei zugänglich.

Die exakte Messung immer im Blick

  • Zur Geschichte: Seit 1817 wird in Konstanz das Wetter aufgezeichnet. Eine Beobachtungsstation wurde am 1. Dezember 1938 beim Waldhaus Jakob eingerichtet. Diese wurde 1952 in den DWD integriert. 1972 wurde das Gebäude im Silvanerweg 6 bezogen, aus der Station wurde eine Wetterwarte. Neu war zu diesem Zeitpunkt ein Radargerät. Es ging darum, mithilfe des Radars ein Gewitter rechtzeitig zu erkennen.
  • Klimareferenzstation: Als eine von zwölf Stationen wurde die Konstanzer Wetterwarte im Jahr 2009 zur Klimareferenzstation. Zweck war es, bessere Voraussagen zum Klimawandel treffen zu können. Die Daten wurden an elf Stationen in Deutschland gemessen, um Ergebnisse für unterschiedliche Höhenlagen zu erhalten. Die Besonderheit einer Klimareferenzstation besteht darin, dass dort alte und neue Messgeräte parallel verwendet werden. So stellt man sicher, dass Klimadaten vergleichbar bleiben, und nicht etwa durch verbesserte Messmethoden ein Temperaturanstieg dokumentiert wird. Konstanz musste seinen Titel als Klimareferenzstation bereits 2012 wieder abgeben, berichtet Kirsche. Im Flachland gibt es nur noch drei Referenzstationen: Aachen, Schleswig und Görlitz. Auch sie sollen künftig automatisiert arbeiten.
  • Zum Gebäude: Voraussichtlich wird die Wetterstation, also alle Geräte, die in Betrieb sind, Ende 2019 nach Wollmatingen verlegt. Die fachlichen Voraussetzungen seien im Silvanerweg, der im Wohngebiet liegt, eingeschränkt. Die Verlegung der Station soll die Messdaten verbessern. Die Automatisierung der Wetterstationen läuft seit dem Jahr 2000. (cla)

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