Konstanz Das Theater ums Theater: In Konstanz hängt zwischen Intendant und Rathaus der Haussegen schief

Eine beklemmende Inszenierung: Die Differenzen zwischen Stadträten, Bürgermeistern und Intendant schaden allen. Für Christoph Nix könnte das tragisch enden, befürchtet SÜDKURIER-Redakteur Jörg-Peter Rau in seinem Kommentar.

Nur zur Klarstellung. Professor Dr. Dr. Christoph Nix ist ein hervorragender Theatermann. Seit er das Stadttheater als Intendant führt, hat das Haus an Profil gewonnen, sind die Zuschauerzahlen nachweislich gestiegen, ist der Rückhalt für dieses starke Stück Kultur in Konstanz wieder größer geworden. Auch all jene, mit denen sich Nix über die Jahre verstritten (und dann meist wieder vertragen und wieder verstritten und wieder vertragen) hat, erkennen das an. „All the world’s a stage“, „Die ganze Welt ist eine Bühne“, heißt es hellsichtig in Shakespeares „Wie es Euch gefällt“, und es gibt wohl niemanden in Konstanz, der dieses Prinzip so sehr zum Prinzip erhoben hat wie der amtierende Intendant. Christoph Nix macht Theater, lebt Theater, ist Theater. Ist das nicht großartig?

Umso erschütternder ist es, wie Intendant Nix im Moment das einreißt, was er in den vergangenen elfeinhalb Jahren in Konstanz aufgebaut hat. Denn nach dem jüngsten Hin und Her um die Großprojekte „Atlantis“ und die Baden-Württembergischen Theatertage kommen selbst Menschen, die dem Intendanten stets wohl gesonnen waren, Zweifel an dessen Zuverlässigkeit. Vom Vorhaben „Atlantis“ haben die Vertreter der Steuerzahler und damit der Geldgeber für das Projekt aus der Zeitung erfahren. Für die Baden-Württembergischen Theatertage hat das Theater selbst den Gemeinderat um eine Zusage gebeten. Das war erst im Dezember, von einem Vorbehalt ist in der zugrunde liegenden Vorlage nirgends die Rede. Jetzt sollen die Theatertage 2019 wegen des Intendanten-Wechsels nicht möglich sein, „Atlantis“ 2020 dagegen schon. Das wirft zumindest Fragen auf.

Beschädigt ist aber nicht nur die Stadt, der jetzt Zuschüsse entgehen und die sich in der Theaterlandschaft Baden-Württembergs blamiert. Was viel schwerer wiegt: Den Zuschauern wird etwas genommen. Alle Theater des Landes zu Gast in Konstanz, das ist eine einzigartige Chance für das Publikum, sich einen Überblick über die Szene zu verschaffen. Konstanz hätte seinen Bürgern dies großartige Angebot gemacht, doch das Theater unter Führung von Intendant Nix kassiert es wieder. Warum die Theaterfreunde dennoch in Nibelungentreue zu Nix halten und nicht zwischen der Institution und ihrem Chef differenzieren können, werden sie ihren Mitgliedern sehr, sehr gut erklären müssen.

Nix, zweifach promoviert und auch als Jurist hoch versiert, ist klug genug, den Zusammenhang zwischen seiner Nicht-Vertragsverlängerung und seinen in der Folge getroffenen Entscheidungen genau zu gestalten. Was er sagt, mag ihn vielleicht als beleidigte Leberwurst dastehen lassen, aber darüber hinaus bietet es nicht viel Angriffsfläche. Seine jüngsten Einlassungen über seine Vorgesetzten sind geschickt formuliert. Und stets ist vom Theater die Rede, das zum Beispiel die Ausrichtung der Theatertage nicht stemmen könne. Nix sagt nicht: Ich habe keine Lust – denn da könnte ein Vorgesetzter eingreifen. Stattdessen sagt das Theater: Das ist nicht zu schaffen – da geht per Dienstanweisung nichts mehr.

Ob Nix mit seinem Agieren bis zum Ende seines Vertrags im Jahr 2020 durchkommt, steht gleichwohl auf einem anderen Blatt. Es gibt nur wenige Menschen in Konstanz, die ein ähnliches Gespür für Strömungen im Volk haben. In der Scala-Debatte hat er sich, ohne je zuvor als besonderer Cineast aufgefallen zu sein, an die Spitze der Bewegung gesetzt. Wissend, dass es in Wirklichkeit eine Bewegung gegen eine Kommerzialisierung der Stadt und ein Aufbegehren gegen Oberbürgermeister Uli Burchardt war. Wenn am Seerhein eine Pappel gefällt wird, verbreitet das Stadttheater eine Solidaritätsadresse und richtet selbst einen Turnschuhbaum ein. Ganz abgesehen davon, dass die Mitarbeiter in der Bauverwaltung das als wenig kollegial empfunden haben dürften: Geht es da jetzt um einen Baum, um Politik, um Theater?

Aber gerade weil Christoph Nix ein so gut ausgeprägtes Gespür für Strömungen im Volk hat, muss er aufpassen, dass ihn nicht das Schicksal vieler Populisten ereilt. Der Liebling von heute kann der Buhmann von morgen sein. Zum Beispiel, weil er seinen Fans nicht mehr geben kann oder will, was sie wollen. Zum Beispiel, weil er einmal geweckte Erwartungen nicht erfüllt. Zum Beispiel, weil plötzlich klar wird, dass „das Volk“ am Ende doch nur eine überschaubare Gruppe von Einflüsterern ist und in Wirklichkeit überwiegend aus Menschen besteht, die gerne in einem großzügigen Drogeriemarkt einkaufen, statt sich einen kulturell hochwertigen estnischen Dokumentarfilm mit englischen Untertiteln anzusehen.

Einen ordentlichen Teil seines Erfolges bezieht Christoph Nix daraus, dass seine Gegenüber in der Verwaltungsspitze und im Gemeinderat bisweilen ungeschickt agieren und zumindest im Fall der Theatertage-Absage die Frage noch nicht beantwortet ist, ob das nicht alles längst absehbar war. Doch trägt auch Nix zur derzeitigen Lage bei. Mit Aussagen, die die Kritisierten durchaus als Schmähungen empfinden dürfen. Mit einem Überlegenheitsanspruch, der sein Gegenüber in die Defensive bringen muss – frei nach dem Motto: Was ist schon Haushaltsplan und Hierarchie gegen hehre Begriffe wie Moral und Kultur? Mit dem Wissen, dass er mit der Keule draufhauen kann, wenn sein Gegenüber nur mit dem Florett parieren kann (übrigens: beide Waffen haben tödliche Kraft). Nix nutzt diese Asymmetrie. Doch hat er, hat das Ensemble, hat die Institution Theater das wirklich nötig?

Der Zuschauer dieses Dramas fühlt zunehmend Beklemmung. Ein zerrüttetet wirkendes Verhältnis zwischen den Akteuren, die Demontage eines erfolgreichen Intendanten, die Schatten auf dem Theater: Was einst als bittersüße Komödie begonnen haben mag, ist längst zur Tragödie geworden, in der es keine Gewinner gibt und deren Regisseur ein hervorragender Fachmann namens Prof. Dr. Dr. Christoph Nix ist. Was für ein Theater.

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