Konstanz Das Theater holt mal wieder einen großen Namen nach Konstanz: Serdar Somuncu führt Regie in dem Stück „Mein Kampf“.

Der Kabarettist, Autor und Regisseur Serdar Somuncu inszeniert am Theater Konstanz das Stück "Mein Kampf" von George Tabori. Die Aufführung ist am 20. April, Hitlers Geburtstag, und die Zuschauer sollen wahlweise einen Davidstern oder ein Hakenkreuz tragen. "Zu dem angenehmen Leben hier gehört auch manchmal die unangenehme Auseinandersetzung", sagt Somuncu im SÜDKURIER-Interview.

Herr Somuncu, als ich von diesem Interview mit Ihnen erzählte, meinte ein Bekannter, der Sie von der heute-show kennt: "Ah, der lustige Türke, der immer so laut schreit." Wie gefällt Ihnen diese Beschreibung?

Was soll mir daran schon gefallen? Zum einen werde ich reduziert auf meine Herkunft und zum anderen auf etwas, das ich nicht ausschließlich mache, wenn ich auf der Bühne stehe. Ja, ich schreie mal. Aber die Menschen, die sich nur das gemerkt haben, kennen meine Arbeit nicht. Das ist schade, aber nichts, was ich erwarte. Es ist manchmal nur unangenehm, auf etwas reduziert zu werden, was man gar nicht ist.

Sie stehen nicht nur auf, sondern auch hinter der Bühne. Als Regisseur inszenieren Sie demnächst am Stadttheater "Mein Kampf" von George Tabori. Wie kam es dazu, dass Sie ausgerechnet in Konstanz, in der Idylle am Bodensee, dieses Stück aufführen?

Wenn es mal so idyllisch wäre.

Finden Sie nicht?

Wenn sie sich die Streitigkeiten um die Intendanz von Christoph Nix ansehen, ist das alles andere als idyllisch. Aber natürlich ist das hier ein Fleckchen Erde, auf dem es sich ganz gut leben lässt. Die Umgebung ist wunderbar, aber auch die Stadt selbst mit ihrem vielfältigen Angebot. Konstanz ist fast schon eine Großstadt mit einer sehr renommierten Universität, mit Einkaufsmöglichkeiten und einem vielfältigen Kulturprogramm – nur leider nicht mehr mit dem Scala-Kino.

Sie scheinen sich gut auszukennen in Konstanz.

Ich mache gerne Urlaub in Konstanz und habe früher immer wieder im Kulturzentrum K9 gespielt, damals noch vor sehr kleinem Publikum. Die Regie war immer ein wichtiger Teil meiner Arbeit, die ich in den letzten Jahren hinten anstellen musste, bis sich wieder die Gelegenheit ergibt. So war es auch dieses Mal. Vor zwei, drei Jahren habe ich hier Christoph Nix getroffen. Er hat mich sofort gefragt, ob ich nicht etwas an seinem Theater machen möchte.

Und Sie haben sofort zugesagt?

Nein. Um es salopp zu sagen: ich wollte nicht dort, wo ich esse, scheißen. Die Vorstellung, an meinem Urlaubsort zu arbeiten, widerstrebte mir. Schließlich ist die Arbeit am Theater sehr fordernd. Die Entscheidung, doch zuzusagen, bereue ich nicht. Ich bin Christoph dankbar, dass er mich überzeugt hat. Denn die Arbeit hier ist für mich nochmal eine Bereicherung und ein Erkenntnisgewinn.

Finden Sie, es ist eine gute Idee, dieses Stück an Hitlers Geburtstag auf die Bühne zu bringen?

Nein. Das finde ich ein bisschen albern. Aber nicht alles, was Christoph macht und will, muss ich gut finden. Das ist ein Marketing-Gag, den ich schon aus der Zeit kenne, als ich "Mein Kampf" vorgetragen habe. Da haben die Leute oft gesagt: Lies das doch mal in Hitler-Uniform am 20. April in Wunsiedel oder Braunau. Ich finde das okay, wenn man Karten verkaufen will. Aber notwendig ist das nicht.

Die Tatsache, dass Besucher des Stücks wahlweise einen Davidstern oder Hakenkreuz tragen müssen, trifft bei Vielen auf Unverständnis...

Als Theatermacher, der sich seit Jahrzehnten mit dieser Thematik auseinandersetzt, sehe ich meine Aufgabe darin, kritische Diskussionen über Themen der Gegenwart anzustoßen. Auch mit ungewöhnlichen Mitteln. Ich erlebe es daher nicht zum ersten Mal, dass ich damit Empörung und Widerstand auslöse. Angesichts der Radikalität, mit der rechte Parteien heutzutage Stimmung gegen Minderheiten machen, braucht es eine ebenso radikale Antwort der Kunst auf diese Entwicklung. Aber wir fordern auch von unseren Zuschauern, dass sie sich positionieren. Jegliche Empörung schlägt in der Praxis fehl, wenn sie unsichtbar bleibt. Deshalb freue ich mich sogar darüber, wenn unsere Idee eine Auseinandersetzung auslöst. Darüber hinaus gibt es aber noch zahlreiche Aspekte in unserer Inszenierung, denen eine Reduzierung auf ein Beispiel nicht gerecht werden würde. Ich freue mich daher über jeden, der sich auf die Form und Idee unserer Arbeit einlässt.

Wer hat das Stück von George Tabori ausgewählt?

Das Theater. Es lag aber nahe, weil das eine Thematik ist, mit der ich mich seit Jahren beschäftige.

Der Humor in dem Stück ist so bitterböse, das einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Ihre Spezialität?

Nein, nicht unbedingt. Es ist ein sehr vielschichtiges Stück mit zum Teil sehr ernsten, tief gehenden Passagen. Und dann gibt es wieder diese Slapstick-artigen Momente. Da eine ausgewogene Mischung zu finden, ist die Herausforderung.

Hitler wird als popelnder, deutlich bildungsferner, völlig talentfreier Möchtegern-Kunstsammler dargestellt, der an Verstopfung leidet.

Als das Stück 1987 uraufgeführt wurde, war das die Lesart der Hitlerfigur. Ein Tölpel vom Land, der in die Großstadt kommt, ungebildet, ungehobelt. Diese Figur müssen wir nicht noch mal erzählen im Jahr 2018. Die Themen Faschismus und Nationalsozialismus, die Figur Hitler – all das hat sich verändert. Dementsprechend muss auch die Antwort anders ausfallen.

Wie sieht Ihre Antwort aus?

Hitler ist in dem Stück, wie wir es aufführen, kein originärer, einzigartiger Zufall. Er ist viel weniger klischeehaft und viel mehr Manipulierer. Darin sehe ich das Gefährliche: Er ist sich seiner selbst bewusst und übernimmt die Kontrolle. Im Stück werden auch Zitate von lebenden Politikern zu hören sein. Schauen Sie sich mal an, welche Politiker gerade an der Macht sind. Donald Trump – ein pathologischer Fall für sich. Erdogan, – unberechenbar aber für die Deutschen Verhandlungspartner genug. In der Schweiz die SVP, die im Wahlkampf Stimmung gegen Ausländer macht. In Österreich Heinz-Christian Strache, der bei Kameradschaften auftritt und Journalisten beschimpft. In Deutschland Alice Weidel, die eine lesbische Beziehung führt, aber für eine Partei eintritt, die gegen homosexuelle Partnerschaften ist. Selbst Angela Merkel, inzwischen in der vierten Legislaturperiode, zeigt seltsame Züge von Machtgier. Das sind alles Elemente, die, wenn man sie falsch zusammensetzt, einen Hitler ergeben. Es ist unsere verdammte Aufgabe und Pflicht im Theater, darauf hinzuweisen.

Sie haben sich intensiv mit dem Buch "Mein Kampf" und dem Thema Manipulation auseinandergesetzt. Wie manipuliert man heute?

Genauso wie vor 80 Jahren. Aber die Möglichkeiten sind nicht zuletzt durch das Internet gewachsen. Nachrichten sind zur Ware geworden. Jeder kann sich letztlich aussuchen, über welche Kanäle er welche Nachrichten hören und lesen will. Wer sich über Russland informieren möchte, kann Russia Today oder die Tagesschau schauen oder einen Blog lesen. Jeder dieser Kanäle vermittelt ein anderes Bild von Russland. Die Möglichkeiten, sich zu informieren, sind also vielfältiger geworden. Aber das heißt nicht, dass die Betrachtungsweise ausgewogener ist. Im Gegenteil: Sie ist tendenziöser und einseitiger.

Sie haben selbst als Kanzler für die Partei „Die Partei“ kandidiert. War das auch eine künstlerische Antwort auf die Herausforderung der Zeit?

Das war sicher auch ein Teil meiner künstlerischen Arbeit. Ich habe das ja nicht als Privatperson gemacht, weil ich wirklich dachte, ich werde Kanzler. Aber es ist dann auch zunehmend für mich als Person spannend geworden zu erleben, wie Politik funktioniert. Insbesondere, als die anderen Parteien, vor allem die Grünen und die Linkspartei, Angst bekamen, dass wir ihnen Stimmen wegnehmen könnten. Sie haben damals angefangen, uns offen anzugreifen – auf eine sehr propagandistische Art und Weise. Ich bin auch deshalb sehr stolz und froh, dass wir beispielsweise in Kreuzberg 7,2 Prozent der Stimmen geholt haben. All diejenigen, die behaupten, Die Partei würde sich nur lustig machen und Politik nicht ernst nehmen, sind meiner Meinung nach eines besseren belehrt worden. Die Stimmen haben wir vor allem der AfD und der FDP weggenommen. Und wir hatten durchaus auch Forderungen, die vertretbar waren. Damit haben wir ein Klientel erreicht, das sonst vielleicht nicht zur Wahl gegangen wäre.

In zwei Jahren ist OB-Wahl in Konstanz. Wäre das was für Sie?

Ach Gott, was soll ich in Konstanz als Oberbürgermeister?

Den Vertrag von Christoph Nix verlängern?

Das müssen die Konstanzer selbst wissen.

Sie scheinen trotzdem eine Position zu haben.

Nun ja: In den Zeiten der Intendanten Rainer Mennicken und Dagmar Schlingmann war das Theater eine Art Musikantenstadl. Belanglose Stücke, schlecht inszeniert, anspruchslos. Abonnenten-Theater, wie man es in jeder x-beliebigen Kleinstadt in Deutschland finden könnte. Christoph Nix ist ein streitbarer Typ, der sich sehr engagiert und mit vielen Leuten anlegt. Die Leute, die ihn hier nicht haben wollen, die verhindern Kunst. Wir werden sehen, ob in zwei Jahren jemand hierher kommt, der das Theater dorthin bringt, wo es hingehört: an die Spitze einer innovativen, frischen, jungen Theaterlandschaft. Ein Theater, das keine Angst davor hat, Dinge zu tun, die nicht dem Mainstream entsprechen. Das nicht der bürgerlichen Klientel entgegen kommt in ihrer ewigen Sehnsucht, unterhalten werden zu wollen ohne dass man dabei unangenehm berührt wird. Zu dem angenehmen Leben hier gehört auch manchmal die unangenehme Auseinandersetzung.

Fragen: Sandra Pfanner

"Mein Kampf" am Theater Konstanz

 

  • Zum Regisseur: Serdar Somuncu, geboren 1968 in Istanbul, ist Schriftsteller, Kabarettist und Regisseur. Er inszenierte unter anderem an den Schauspielhäusern in Bochum, Bremen und Oberhausen. Außerdem trat er als Schauspieler auf und übernahm Rollen in Fernsehserien, wie beispielsweise in "Schwarz greift ein" oder in "Broken Comedy". Somuncu, der unter anderem den Deutschen Literatur-Theater-Preis und den Prix Pantheon erhielt, inszeniert zum ersten Mal am Theater Konstanz.
     
  • Die Aufführung: „Mein Kampf“ beginnt laut Theater Konstanz schon mit dem Kartenkauf. Zuschauer könnten sich entscheiden: Mit dem regulären Erwerb einer Eintrittskarte in der Kategorie ihrer Wahl erklärten sie sich bereit, im Theatersaal einen Davidstern zu tragen. „Sie haben auch die Möglichkeit, kostenlos ins Theater zu gehen: Für eine Freikarte erklären Sie sich bereit, im Theatersaal ein Hakenkreuz zu tragen. Die Symbole erhalten Sie vor der Vorstellung im Theaterfoyer. Bitte nehmen Sie diese nach der Vorstellung noch im Theater wieder ab“, so das Theater.
     
  • Proteste: „Ihr Theater-Einsatz von NS-Davidsternen, unter denen unzählige, völlig unschuldige Menschen in ganz Europa gedemütigt und ermordet wurden, stellt eine Verunglimpfung dieser Opfer da und ist unter keinen Umständen akzeptabel“, schreiben Erhard Roy Wiehn, Salomon Augapfel und Minia Joneck, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Konstanz, in einer gemeinsamen Stellungnahme.
     
  • Die Antwort des Dramaturgen Daniel Grünauer: „George Taboris Farce „Mein Kampf“ ist eine Auseinandersetzung mit dem, was der Autor den „Fluch, seinen Feind zu verstehen“ genannt hat, ein subversives Verwirr-Spiel zwischen Schmerz und Scherz. Darauf zielt unser Ansatz ab. Zentral im Stück ist dabei die Fülle an Bezügen, Anspielungen, Symbolen und Zitaten, derer wir uns bewusst im künstlerischen Prozess bedienen. Wir freuen uns, wenn Theater von gesellschaftlicher Relevanz ist und der Theaterbesuch eine Diskussion eröffnet. [...] Die künstlerische Auseinandersetzung mit moralischen Fragen begleitet den Zuschauer von Anfang an. Die beiden Symbole (Davidstern und Hakenkreuz) sind hierbei ein notwendiger Teil des Kunstwerks. Das Tragen des Davidsterns ist eine positive Geste der Solidarität mit den Opfern von nationalsozialistischer Gewaltherrschaft, Fanatismus und Faschismus. Die Inszenierung als Ganzes will gerade vor Verunglimpfung, Ausgrenzung und wachsendem Totalitarismus in Europa und weltweit warnen.
     
  • Dürfen die das überhaupt? Die öffentliche Zurschaustellung von NS-Symbolen ist in Deutschland nach den Paragraphen 86 und 86a des Strafgesetzbuches verboten. Allerdings verweist das Theater auf die künstlerische Freiheit und darauf, dass die Inszenierung schon mit dem Kartenkauf beginnt. (sap)

 

 

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