Jürgen Schmidt kennt Ärger. Es gibt diese Tage, jetzt zum Beispiel, da es wieder wärmer wird und auch die Stimmungen hinter Gittern hochkochen. Dann heißt es für Schmidt: „Stress pur.“ Er ist oberster Gefängniswärter in Konstanz, die korrekte Berufsbezeichnung lautet: Vollzugsdienstleiter. Seit rund 30 Jahren arbeitet er schon in der JVA. Es gehört zu seinen Aufgaben, mit Männern umzugehen, die im Umgang schwierig sind. Gefängnisse sind nicht die Orte der alltäglichen Harmonie.

Kapazität der Haftplätze um rund 30 Gefangene überschritten

„Es gibt jedoch immer mehr Leute, an die wir gar nicht mehr herankommen“, sagt Schmidt, kräftig gebaut, mit ruhiger und sonorer Stimme. Seinen Unmut darüber kann er nicht verbergen. Ellen Albeck, als Anstaltsleiterin Schmidts Vorgesetzte, bestätigt: „Es gibt Menschen, die sind psychisch so auffällig, dass der Justizvollzugsdienst nicht mehr mit ihnen umgehen kann.“ Ein Problem, das direkt mit der unruhigen Stimmung hinter Gittern zusammenhängt: Das Konstanzer Gefängnis hat Kapazität für 62 Gefangene. Derzeit befinden sich dort aber etwa 90 Männer in Haft.

Geht nicht darum, psychisch auffällige Gefangene loszuwerden

Ein zweites Problem: „Der Justizvollzug geht grundsätzlich vom gesunden Insassen aus“, sagt Ellen Albeck. Wie also arbeiten mit all den anderen? Die meisten Gefängnisse im Land lassen psychisch erkrankte Häftlinge nach Hohenasperg bringen, im dortigen Justizvollzugskrankenhaus gibt es eine Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie. Laut Jürgen Schmidt geschehe das nicht, weil Gefängnisse allzu anstrengende Häftlinge loswerden wollten, sondern häufig aus Unsicherheit.

Ziel der Zusammenarbeit mit dem ZfP: Weniger Gefangene in die Psychiatrie verlegen

Weil die JVA Konstanz seit einigen Jahren mit dem Zentrum für Psychiatrie (ZfP) Reichenau zusammenarbeitet, herrsche bei seinen Kollegen mehr Klarheit. „Die professionelle Abklärung einer möglichen psychischen Erkrankung hilft allen Seiten“, beschreibt Ellen Albeck. Seit der Kooperation wissen sie und ihre Mitarbeiter genauer, was Gefangene benötigten.

"Wenn Konstanz anruft, steckt auch ein Problem dahinter"

Andererseits sei den Kollegen in der Gefängnispsychiatrie klar: „Wenn Konstanz anruft, dann steckt wirklich ein psychisches Problem dahinter,“ erklärt die Anstaltsleiterin. Ziel der Zusammenarbeit sei es, die Zahl der Verlegungen zu minimieren, erklärt Klaus Hoffmann, medizinischer Direktor der Forensik am ZfP.

Eine psychologische Erkrankung ist schwieriger zu diagnostizieren als eine körperliche

Dabei muss man unterscheiden: Ist ein Gefangener schlicht traurig oder frustriert über seine Situation oder leidet er tatsächlich unter einem Trauma, einer psychologischen Erkrankung. Das können auch Fachleute nicht so einfach feststellen wie eine körperliche Erkrankung. Klaus Hoffmann sagt: „Es gibt Menschen, die reizen die Grenzen aus, mitunter auch bewusst.“ Eine psychische Erkrankung zu diagnostizieren beruhe stets auf der individuellen Entscheidung des behandelnden Psychologen oder Psychotherapeuten.

<em>Bild: Aurelia Scherrer</em>
Das Konstanzer Gefängnis im Stadtteil Paradies.

Sprachbarriere auch für Psychologen ein Problem

„Viele wollen einfach nur mal reden, das kann ich nicht leisten“, stellt Amelie Baumann klar, die als Psychologin mehrmals pro Woche im Konstanzer Gefängnis arbeitet. Mit Blick auf die Sprachbarriere erklärt sie: „Zumal man in der Psychotherapie mit wenigen Worten nicht weit kommt.“

Traumata sollen in Gesprächsgruppe verarbeitet werden

Baumann leitet unter anderem eine Gefangenengruppe mit inhaftierten, traumatisierten Geflüchteten. Zwei Durchgänge haben die vier bis sechs Männer unterschiedlicher Herkunft seit Herbst 2017 durchlaufen. Baumann bezeichnet die Arbeit als Erfolg und beschreibt, warum diese Gesprächsgruppen überhaupt zustande kamen: „Es gab in den Einzelgesprächen zuvor Momente, da kam auch ich an meine Grenzen. Krieg, Blut, Körperteile von Getöteten, Verlust der Eltern, die Flucht über das Mittelmeer, das ist viel.“

Vollzugsdienstleiter Schmidt: Wellenbewegungen hat es immer gegeben

Geflüchtete also. Sind die nicht überhaupt dafür verantwortlich, dass die Gefängnisse übervoll sind? Jürgen Schmidt verneint das mit Blick auf seine Erfahrung. Wellenbewegungen nach oben und unten habe es bei den Gefangenenzahlen immer gegeben. „Natürlich sind unter den inhaftierten Männern auch Flüchtlinge, aber sicher nicht überwiegend“, sagt Schmidt.

Drogen- und Alkoholkonsum bei Geflüchteten häufig ein Problem

Dass deren Traumata allerdings im Gefängnis zutagetreten, sei aus psychologischer Sicht nachvollziehbar, erklärt Amelie Baumann. Während des Aufenthalts in den Gemeinschaftsunterkünften betäuben die meist jungen Männer ihre Erinnerungen an das Erlebte und die tägliche Langeweile mit Alkohol oder Drogen, laut Baumann häufig mit Marihuana.

„Wegen des Besitzes oder gar Handels landen sie schließlich im Gefängnis, dort fällt die Regulation mit den Rauschmitteln weg und die Trauma-Symptome treten erneut auf“, sagt Baumann. In ihrer Gruppe arbeitet sie mehrsprachig, mitunter auch mit Händen und Füßen.

Videodolmetscher soll die Probleme bei der Verständigung mindern

Die Sprachbarriere stellt auch für Jürgen Schmidt und seine Kollegen ein Problem dar, wird aber zumindest niedriger. An Englischkenntnisse fehle es vielen Häftlingen, von Deutsch ganz zu schweigen. Über ein Tablet soll künftig jederzeit ein Dolmetscher per Video zugeschaltet werden können – und das zügig. „Das Projekt sieht vor, dass die Wartezeit bei gängigen Sprachen auf 30 Minuten, bei seltenen Dialekten auf maximal drei Stunden begrenzt ist“, erklärt Ellen Albeck. Vielleicht werden es künftig ja etwas weniger Tage mit „Stress pur“ für Jürgen Schmidt.

Ein Blick in die Statistik: Der Platz reicht nicht

Zwischen 2004 und 2015 hatte es eine längere Phase abnehmender Häftlingszahlen gegeben. In den beiden Jahren darauf ist die Zahl jedoch sprunghaft angestiegen – von durchschnittlich knapp 6600 auf mehr als 7200 Personen. Zudem bereitet der Justiz der wachsende Anteil ausländischer Gefangener an der Gesamtbelegung Kopfzerbrechen, der Wert stieg 2017 auf ein Allzeithoch für Baden-Württemberg von 48 Prozent. Die Einführung der Videodolmetscher ist eine Reaktion darauf.

Überbelegung im geschlossenen Männervollzug: 670 Gefangene

Gleichzeitig gibt es immer weniger Haftplätze. 2008 betrug deren Anzahl im Land etwa 8500, im vergangenen Jahr 7300. Immer mehr Haftanstalten sind deshalb wie die JVA Konstanz zumindest zeitweise überbelegt. Laut Justizministerium betrug die Überbelegung im geschlossenen Männervollzug zuletzt 670 Gefangene. Gewerkschaftsvertreter fordern deshalb mehr Personal, der Bund der Strafvollzugsbediensteten geht von 300 zusätzlichen Stellen aus, die bis 2020 benötigt würden.