Vorletzte Woche waren es 1,7 Millionen Euro, die die Stadt dem Bodenseeforum zuschießen musste. Für das Jahr 2016, in dem das Haus gerade einmal zwei Monate in Betrieb war. Jetzt geht es um weitere 1,5 Millionen Euro, die nach derzeitigen Prognosen am Ende des Jahres 2017 überplanmäßig fehlen und das Defizit auf das Zweieinhalbfache der einst geplanten Summe anwachsen lassen werden. Kommt es so weit, haben die Steuerzahler für 14 Monate Tagungs- und Kongresshaus 4,2 Millionen Euro bezahlt. Zusätzlich zu den 17,7 Millionen Euro für Kauf und Umbau. Gute Zahlen sind das nicht, und das Vertrauen in städtische Prognosen wächst nicht unbedingt, wenn man die rosigen Aussichten vom 14. März mit den nackten Zahlen vom 2. Juni vergleicht.

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Ausdrücklich verweist die Stadtverwaltung auf viele erfolgreiche Veranstaltungen und 50 000 Besucher, die das Haus bereits betreten (aber nicht alle Eintritt bezahlt) haben. Auch viele Veranstalter sind tatsächlich sehr angetan von der Lage am See, den vielen Möglichkeiten zur Raumaufteilung und den neuen Chancen in Konstanz. All das ist nicht falsch. All das zeigt, dass das Bodenseeforum noch immer das Zeug dazu hat, zu einem Erfolg zu werden. Und das ist wichtig – nicht, um den Oberbürgermeister oder den Gemeinderat nachträglich in ihren Einschätzungen zu bestätigen. Sondern um Schaden von den Steuerzahlern abzuwenden. Denn so lange das Haus ein Eigenbetrieb der Stadt ist, wird die Öffentlichkeit für dessen Kosten aufkommen müssen.

Was soll das Haus sein?

Das Dilemma des Bodenseeforums wird gerade in der Vermischung der Ebenen und der in sich gebrochenen Argumentationsketten deutlich. Mit Besucherzahlen lässt sich Akzeptanz belegen, für die Bilanz dagegen zählen Umsatz, Kosten und Gewinn. Das Bodenseeforum soll zugleich ein sozialer Ort, ein Haus für alle Bürger und ein Schauplatz von Kultur und Engagement sein. Auf der anderen Seite war die Grundlage für das Ja des Gemeinderats das feste Versprechen, dass das Haus im Betrieb keine Verluste schreibt, wenn es – wie übrigens jede Schule, jede Straße oder jeder Sportplatz – schon die Einmal-Investition nie mehr wird einspielen können. Das aber geht nur, wenn eine profitable Tagung im Zweifelsfall den Vorrang erhält. Dafür bietet das Bodenseeforum mit einer phänomenalen Lage am Rhein ohne Frage genügend Potenzial. Wenn es gelingt, dieses zu verkaufen.

Die neuesten Zahlen zeigen, dass das Haus um jeden Preis zum Erfolg geführt werden sollte. Erfolgsmeldungen hatten offenbar Vorrang vor Erträgen. Das ist bei der Markteinführung eines Produkts weder ungewöhnlich noch ehrenrührig. Nur als Strategie fürs Bodenseeforum hat das niemand klar benannt. Leicht kann man also kritisieren, dass dort offenbar zu viel Kultur und zu wenig Kommerz stattgefunden haben. Doch wer so argumentiert, muss sich fragen lassen, welche Rolle er dem Bodenseeforum in der Gesamtheit der städtischen Infrastruktur beimisst. Soll es ein Bürgerhaus oder ein Tagungshaus werden? Folgt es einem sozial-kulturellen oder einem wirtschaftlichen Prinzip? Die Antwort hat sich bisher eher so ergeben.

Das ist daran zu erkennen, dass die Zahl der Veranstaltungen noch einigermaßen im Plan liegen mag, der mit ihnen erzielte Umsatz und Gewinn dagegen bei weitem nicht erreicht werden.

Maugé, Karsch und Schaal

Das ganze Problem nun darauf zu reduzieren, das Haus habe ja so lange keinen richtigen Geschäftsführer gehabt, ist zu einfach. Die Kalkulationen, also die Grundlage für die Preise, die Veranstalter in dem Haus bezahlen, hat der für ein hohes Beraterhonorar beschäftigte und als Branchenkenner par excellence angepriesene Michel Maugé aufgestellt. Den Gründungs-Geschäftsführer Thomas Karsch hat eine Mehrheit des Gemeinderats gewählt und mit einem Vertrag ausgestattet, dessen Auslösung unerhört teuer war; es war die kostspieligste Fehlentscheidung des Rats seit langem. Interims-Chef Friedhelm Schaal hat bis jüngst mit heiteren Aussichten erfreut, die nach nur zehn Wochen und einem richtig tiefen Blick in die Bücher nicht mehr das Papier wert sind, auf das sie einst gedruckt wurden.

Dass Jochen Andrew Lohmar sich die Aufgabe als Geschäftsführer des Bodenseeforums im Wissen um die neuen Zahlen zutraut, verdient hohen Respekt. Der Druck, der nun auf ihm lastet, ist enorm. Denn nicht jede Preiserhöhung – und nicht anderes versteckt sich hinter der Rathaus-Formulierung von einer neuen Grundlage für die Kalkulation – machen Veranstalter mit. Gleich zum Start bekommt Lohmar einen Eindruck davon, was es bedeutet, ein politisch kontrolliertes Unternehmen zu leiten. Vor allem aber wird Oberbürgermeister Uli Burchardt einiges erklären müssen.

Es spricht für ihn, dass er die Zahlen umgehend auf den Tisch gelegt hat und es damit auch aushalten muss, dass die Nachricht vom drohenden Millionenloch beim Tagungs- und Kongresshaus mitten in eine hitzige Debatte um die Erhöhung von Kindergartengebühren hineinplatzt.

Das Finanzpolster ist endlich

Noch lässt die Finanzlage der Stadt hohe Anlaufkosten beim Bodenseeforum und zugleich viele weitere wichtige Investitionen in Soziales, Kultur oder Verkehr zu. Das sollten jene bedenken, die nun von einem drohenden Kahlschlag an anderer Stelle sprechen werden und das Haus am Seerhein noch mehr zum unsozialen Projekt machen wollen. Doch auch das zu erwartende Polster für 2017 ist endlich. Oberbürgermeister und Gemeinderat können der Frage nicht dauerhaft ausweichen, was sie für einen Erfolg des Tagungs- und Veranstaltungshauses zu zahlen bereit sind. Ein Bodenseeforum um jeden Preis dürfte den Bürgern schwer zu vermitteln sein.

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