Im Normalfall wäre die junge Frau jetzt nicht auf einem Acker, sondern in der Schule. Doch es sind alles andere als normale Zeiten, die Corona-Krise schafft außergewöhnliche Umstände: Da, wo eigentlich Helfer aus Polen ackern sollten, schafft jetzt Lena Wolf.

Video: Lukas Ondreka

Topf für Topf befüllt die 26-Jährige mit einer speziellen Erde, sie bereitet eine Himbeer-Pflanzung vor. In dem grauen Sportpulli und ihren Leggings sieht sie aus wie eine Saisonarbeiterin in der Landwirtschaft.

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Lena Wolf, die eigentlich eine Ausbildung zur Physiotherapeutin macht, arbeitet seit ein paar Tagen auf dem Obsthof Romer in Konstanz-Litzelstetten. Wegen der Einschränkungen des öffentlichen Lebens in Folge der Corona-Pandemie habe sie ihren Job als Kellnerin verloren. „Ich brauche das Geld, so bin ich hier gelandet“, sagt sie.

Lena Wolf macht eine Ausbildung zur Physiotherapeutin. In Zeiten der Corona-Krise geht das nur noch per E-Learning. Nebenbei arbeitet sie auf dem Feld.
Lena Wolf macht eine Ausbildung zur Physiotherapeutin. In Zeiten der Corona-Krise geht das nur noch per E-Learning. Nebenbei arbeitet sie auf dem Feld. | Bild: Lukas Ondreka

Wegen der Corona-Pandemie gehen Bauern die Erntehelfer aus

Lena Wolf braucht das Geld und der Landwirt Thomas Romer braucht Menschen wie Lena Wolf, um seinen Betrieb am Laufen zu halten. „Zwei meiner derzeit vier Saisonarbeiter sind aus Angst vor dem Coronavirus zurück nach Polen gefahren“, berichtet der Landwirt.

Der 49-jährige Unternehmer hat deshalb insgesamt fünf Studierende und Schüler auf seinem Obsthof eingestellt, wegen der Corona-Krise ist er auf deren Hilfe angewiesen.

Gut aufpassen: Obstbauer Thomas Romer erklärt Studierenden, was sie zu tun haben.
Gut aufpassen: Obstbauer Thomas Romer erklärt Studierenden, was sie zu tun haben. | Bild: Lukas Ondreka

Seit ein paar Tagen arbeiten also ungelernte Hilfskräfte auf seinem Hof, jäten Unkraut, kümmern sich um Johannisbeer-Pflanzen und die Himbeeren. Der Obstbauer ist zufrieden mit der Arbeit seiner Ersatzhelfer. „Aber es muss sich erst noch erweisen, wie belastbar sie wirklich sind“, sagt Thomas Romer. „Dann, wenn sie bei Hitze oder Kälte sieben Stunden am Tag Erdbeeren pflücken müssen.“

Der Saisonarbeiter Janusz Karpiel ist geblieben: Zwei seiner Kollegen aus Polen haben aus Angst vor der Corona-Pandemie den Obsthof Romer verlassen.
Der Saisonarbeiter Janusz Karpiel ist geblieben: Zwei seiner Kollegen aus Polen haben aus Angst vor der Corona-Pandemie den Obsthof Romer verlassen. | Bild: Lukas Ondreka

Die Grenzen sind dicht, kein Durchkommen für Saisonarbeiter

Wie Thomas Romer geht es gerade vielen Landwirten am Bodensee und in Baden-Württemberg. Denn viele Länder haben Reisebeschränkungen eingeführt, für Erntehelfer aus Osteuropa sind zahlreiche Grenzen dicht. Auch das Bundesinnenministerium verweigert Saisonarbeitern aus dem EU-Ausland seit dieser Woche die Einreise. Wie lange, ist unklar.

Die Bauernverbände sorgen sich um die Ernte und befürchten wirtschaftliche Schäden. Es gibt Aufrufe und Vermittlungsplattformen, die Studierende, aber auch Menschen aus der Gastronomie und dem Einzelhandel für eine Arbeit auf dem Feld gewinnen sollen. Auch die Landwirte in Konstanz und Umgebung könnte es treffen, Familienunternehmer wie Florian Fuchs.

Gemeinsam durch die schwere Zeit: Florian Fuchs vom Fuchshof steht mit seinen Kindern im Erdbeerfeld.
Gemeinsam durch die schwere Zeit: Florian Fuchs vom Fuchshof steht mit seinen Kindern im Erdbeerfeld. | Bild: Schuler, Andreas

„Die Lage ist angespannt“, sagt der Betreiber des Fuchshofs. Für Spargelbauern seien die Einreiseverbote schon jetzt eine Katastrophe. Da gebe es Betriebe, die sich bereits von ihrer Ernte verabschiedet hätten, erklärt der 35-Jährige. Für seinen Familienbetrieb, der auf Obstanbau spezialisiert ist, gelte noch Schonfrist: Die Saison starte erst Ende April so richtig, mit der Erdbeerernte.

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Im Normalfall habe er dann etwa 30 Saisonarbeiter aus Polen und Rumänien auf seinem Hof in Dingelsdorf.

Bis zur Erdbeerernte ist nur noch ein Monat Zeit. Ob die Erntehelfer aus dem EU-Ausland dann einreisen dürfen, ist fraglich.
Bis zur Erdbeerernte ist nur noch ein Monat Zeit. Ob die Erntehelfer aus dem EU-Ausland dann einreisen dürfen, ist fraglich. | Bild: Schuler, Andreas

Große Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung

Sollte das Einreiseverbot für Erntehelfer nach Ostern bestehen bleiben, wäre das nicht nur zum Schaden für den Fuchshof, gibt der Landwirt zu Bedenken. „Unsere Erntehelfer sind ja oftmals auch auf das Einkommen angewiesen.“

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Einen Ausfall der Ernte befürchtet Fuchs aber nicht. “Im Worst Case schaffen wir es auch mit Menschen von hier, die ungelernt sind“, erklärt er. In einem solchen Fall sei mit Mehrkosten zu rechnen, aber ein wirtschaftlicher Totalschaden sei nicht zu erwarten.

Noch habe er keinen Aufruf für Ersatzhelfer gestartet, sagt Florian Fuchs. Aber die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung empfinde er schon jetzt als enorm.

Lena Wolf bereitet eine Himbeerpflanzug vor. Weil Saisonarbeiter wegen der Corona-Krise abgereist sind, macht die 26-Jährige jetzt den Job.
Lena Wolf bereitet eine Himbeerpflanzug vor. Weil Saisonarbeiter wegen der Corona-Krise abgereist sind, macht die 26-Jährige jetzt den Job. | Bild: Lukas Ondreka

Es sind Menschen wie Lena Wolf, die in der Corona-Krise nicht wie gewohnt Arbeit, Studium oder Ausbildung nachgehen dürfen, und den Landwirten Hilfe anbieten. Oftmals, weil sie selbst etwas verdienen müssen oder ihnen zu Hause langweilig ist.

Die Krise hat auch etwas Gutes – meint Thomas Romer

Auch Thomas Romer hofft, den Schaden mithilfe hiesiger Helfer in Grenzen halten zu können. Er habe bereits sehr viele Anfragen von Interessierten erhalten, das stimme ihn optimistisch.

Der Landwirt kann der Corona-Krise auch etwas Gutes abgewinnen: „Ich finde es zumindest sehr sympathisch, dass die Einheimischen mal wieder sehen, wie Landwirtschaft gemacht wird“, sagt er. Auch würde die Situation bei vielen das Verständnis für die Wichtigkeit regionaler Lebensmittelversorgung schärfen.

Sicherheitsvorkehrungen gegen das Coronavirus: Im Hofladen vom Obsthof Romer trennt eine Plexiglasscheibe Kunden und Verkäuferin.
Sicherheitsvorkehrungen gegen das Coronavirus: Im Hofladen vom Obsthof Romer trennt eine Plexiglasscheibe Kunden und Verkäuferin. | Bild: Lukas Ondreka

„Ich hatte nie etwas mit Landwirtschaft zu tun“, sagt Lena Wolf. Es sei spannend, dass sie jetzt den Prozess von der Saat bis auf den Teller kennenlerne. Die Auszubildende sagt, sie könne sich vorstellen, in Zeiten der Corona-Krise eine ganze Weile auf dem Obsthof Romer zu arbeiten. Auch wenn die Arbeit auf dem Feld, bei Kälte und kräftiger Sonneneinstrahlung, anstrengend sei.

„Ich habe abends Muskelkater“, sagt sie. „Aber auch das Gefühl, dass ich richtig etwas geschafft habe.“

Topf um Topf: Lena Wolf bereitet eine Himbeerpflanzung vor. Bis vor Kurzem arbeitete sie noch als Kellnerin, dann musste das Lokal wegen der Corona-Pandemie schließen.
Topf um Topf: Lena Wolf bereitet eine Himbeerpflanzung vor. Bis vor Kurzem arbeitete sie noch als Kellnerin, dann musste das Lokal wegen der Corona-Pandemie schließen. | Bild: Lukas Ondreka

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