Bernhorst Koch ist ein Metzger, der seinen Beruf liebt und dem moralische Prinzipien daher wichtig sind. Massentierhaltung, Tiertransporte über große Entfernungen und industrielle Schlachtung lehnt er ab. Über sich selbst sagt er: „Ich bin seit meiner Kindheit eng mit der Landwirtschaft verbunden. Nur ein Metzger, der seine Tiere liebt, ist ein guter Metzger.“ Als Kind hat er seine Ferien auf einem Hof in Herdwangen verbracht und viel über Landwirtschaft und Viehhandel gelernt.

Christof Stelz wird schon unruhig, als er diese Sätze hört: Sie sagen: ‚Wer seine Tiere liebt, ist ein guter Metzger.‘ Das kann ich nicht nachvollziehen. Was ich liebe, das verehre ich, ich kümmere mich gut darum. Dann beende ich aber nicht bewusst dessen Leben. Das ist meine Philosophie: Entweder liebe ich etwas, oder ich töte es. Beides geht nicht.

Bernhorst Koch: Es ist nun einmal so: wir haben die Nutztiere, um Nahrungsmittel zu gewinnen, Milch, Eier, Fleisch – und die Kuscheltiere, also unsere Haustiere, auf der anderen Seite. Für mich ist ein Bauer dann gut, wenn es ihm weh tut, wenn er das Tier weggibt.

Christof Stelz: Aber warum tut er es dann?

Bernhorst Koch: Er tut es, weil es sein Erwerbsfeld ist und weil es in unsere Ernährungsgewohnheiten passt. Was mir gegen den Strich geht, ist die Einseitigkeit der Landwirtschaft. Die Betriebe sind einseitig auf Fleisch spezialisiert oder auf Milchproduktion. Wenn man als Eierproduzent mit Supermarktketten zusammen arbeitet, braucht man mindestens 300.000 Hühner. Nur als Beispiel: Unser Eierlieferant hält lediglich 3500 Hühner.

Christof Stelz: Aber warum tut man das? Das ist doch krank. Das ganze System ist krank.

Bernhorst Koch: Das stimmt, das System ist krank.

Christof Stelz hat 2017 gemeinsam mit Stefan Baier den Verein AnimalPride gegründet. Vorbild des AnimalPride Day, der dieses Jahr zum ersten Mal stattfindet, ist der Christopher Street Day. Stelz und Baier waren zuvor Vorstandsmitglieder beim CSD Konstanz. Sie sind der Meinung, dass auch Tiere es verdienen, dass ihre Würde besonders hervorgehoben wird.

Christof Stelz: Alle Menschen, die heute einen Beruf ausüben, bei dem Tiere gequält werden, könnten genauso gute, gesunde Lebensmittel herstellen. Das klingt jetzt wie ein Bilderbuchdenken. Aber wir haben 2019, in Deutschland leben wir in einem gewissen Wohlstand und müssen nicht jeden Job ausüben.

Bernhorst Koch ist Metzgermeister. Seine Eltern haben seit 1936 eine Metzgerei in Bodman betrieben, nach dem Tod des Vaters führte seine Mutter den Betrieb als Verkaufsstelle fort. 1991 übernahm Koch den Betrieb in Bodman, führte wieder eine hauseigene Schlachtung ein, die 2010 eingestellt wurde. Inzwischen hat der Betrieb vier Verkaufsfilialen, eine davon in Konstanz-Staad.

SÜDKURIER: Herr Koch, wann haben Sie zuletzt ein Tier selbst geschlachtet?

Bernhorst Koch: Aktuell schlachte ich gar nicht. Bis 2010 habe ich selbst geschlachtet. Dann musste ich das Schlachthaus schließen, weil der Platz nach EU-Norm nicht ausreichte. Als ich zum ersten Mal ein Rind in Singen abgestellt habe, um es dort zur Schlachtung zu geben, dachte ich: Jetzt lasse ich das Tier im Stich. Allerdings leistet der Schlachthof in Singen gute Arbeit.

SÜDKURIER: Wie ist es, ein Tier zu schlachten? Wie gehen Sie dabei vor?

Bernhorst Koch: Wir sprechen hier von der handwerklichen Schlachtung. Zunächst muss ich das Tier in einer ruhigen Stellung fixieren. Ich lasse es vom Anhänger hinunterlaufen, das funktioniert gut, da Tiere neugierig sind. Sie laufen dann schon in Richtung des Gatters. Beim Rind benutze ich zur Betäubung ein Bolzenschussgerät. Danach, das Tier ist bereits zusammengebrochen, sticht man die Halsschlagader durch. Dann wird das Rind enthäutet, entweidet und zerteilt. Das machen meistens drei Personen.

SÜDKURIER: Und wie ist das Gefühl dabei?

Bernhorst Koch: Ein Kalb zu schlachten, macht wenig Spaß. Aber wenn das Fleisch dann schon zerteilt am Haken hängt, kommt bei mir der Fachmann durch. Bei mir ist das Fleisch rot. Das Kalb bekam Vollmilch und ist bei der Mutter auf der Weide mitgelaufen. In der Massentierhaltung ist das Fleisch meist weiß, den Tieren fehlt die Grundgesundheit.

Christof Stelz hält es kaum noch aus. Er ist lang nicht zu Wort gekommen und wird nun auch emotional: Mir geht es hier viel zu sehr um die „Qualität des Fleisches“. Wo bleibt denn die Würde des Tieres? Allein der Schlachtvorgang, wie Sie ihn beschreiben: Man betrügt doch das Tier, wenn man seine Neugier ausnutzt. Wo bleibt das Bedürfnis des Tieres? Ein Tier ist ein fühlendes Lebewesen, das Schmerzen, Freude und Trauer empfindet. Es habe bis zum letzten Moment ein gutes Leben gehabt, sagen Sie. Warum muss ich ein glückliches Leben vorzeitig beenden? Muss der Mensch Tierprodukte essen?

Ein drastisches Bild, das Christof Stelz seinem Mitdiskutanten zeigt: Es zeigt Menschenbabys, die im Stall hausen und vermittelt, dass der Unterschied zwischen Mensch und Tier so groß nicht ist und vor allem gesellshaftlicher Konvention entspricht. Als Tierschutzaktivist setzt Stelz darauf, sein Publikum auch mal zu schockieren.
Ein drastisches Bild, das Christof Stelz seinem Mitdiskutanten zeigt: Es zeigt Menschenbabys, die im Stall hausen und vermittelt, dass der Unterschied zwischen Mensch und Tier so groß nicht ist und vor allem gesellshaftlicher Konvention entspricht. Als Tierschutzaktivist setzt Stelz darauf, sein Publikum auch mal zu schockieren. | Bild: Wagner, Claudia

Bernhorst Koch: Ob der Mensch tierische Produkte essen muss, ist eine lange Debatte. Das kann ich gar nicht beantworten. Ich bin jedenfalls nicht dafür, täglich Fleisch zu essen.

Christof Stelz: Aus Sicht der Ernährungslehre ist es jedenfalls nicht nötig. Wir bekommen alle Nährstoffe aus anderen Quellen. Wir essen Fleisch vor allem aus Gewohnheit. Und die Nahrungsmittelindustrie bewirbt den Konsum von Fleisch, Milch, Joghurt. Es geht aber darum, dass die Umwelt eine Zukunft hat und darum, dass die Tiere würdig leben können. In der industriellen Schlachtung geht jeder fünfte Bolzenschuss daneben, das heißt, dass das Tier bei vollem Bewusstsein geschlachtet wird.

Christof Stelz hat drei Berufe: Er war Bühnentänzer, hat eine Ausbildung als Hotelkaufmann und als Mediengestalter. 2013 hat er sich mit dem LittlShop of Ethics in Schaffhausen selbstständig gemacht. Dort können Kunden vegane Lebensmittel erwerben.

Bernhorst Koch: Herr Stelz, was halten Sie denn von veganen Industrieprodukten, die im Discounter zu horrenden Preisen zu kaufen sind?

Christof Stelz: Ich bin der Meinung, dass sie notwendig sind, weil sie Menschen helfen, auf vegane Ernährung umzustellen, da die Menschen den Geschmack kennen. Wenn man sich nur auf diese Produkte verließe, wäre es ungesund. Ich selbst ernähre mich vollwertig, verzichte auf Zucker, auch auf Öl. Was wichtig ist in Bezug auf Fleischkonsum, ist Aufklärung. Möchte ich einen Mord in Auftrag geben? Wenn die Menschen wüssten, wo manches herkommt, das sie essen, würden sie verzichten.

Bernhorst Koch: Ich wäre dafür, dass Fleischprodukte ein Etikett erhalten, das jenen von Zigarettenpackungen ähnelt. So hat das Tier gelebt, das müsste abgebildet sein, aber in realistischer Form, nicht wie bei der Werbung.

Christof Stelz: Wenn wir Bilder davon zeigen, wie es in Schlachthöfen aussieht, bleiben viele Passanten stehen, sind fassungslos. Die Nachfrage nach pflanzlich basierten Lebensmitteln steigt, auch aus Gründen des Klimaschutzes, nicht nur wegen des Tierwohls. Wenn man den Planeten retten will, muss die Zukunft vegan sein.

SÜDKURIER: Herr Stelz, Herr Koch, was gibt es bei Ihnen heute Abend zum Abendessen?

Christof Stelz: Süßkartoffeln und Hummus.

Bernhorst Koch: Ich habe heute Bodenwälder Rostbratwürste hergestellt, die wird es heute geben.

Das Gespräch wurde zusammengefasst von Claudia Wagner.