Ihr Vater Hermann Blomeier war Bauhaus-Schüler und hatte nach dem Krieg zahlreiche Aufträge in Konstanz. Der erste größere war der Umbau des Fährehafens in Staad 1952. Welche Bedeutung hatte dieser für ihn?

Jeder Auftrag für jeden Architekten hat große Bedeutung. Bevor mein Vater den Auftrag für die Ländebauten bekam, hatte er bereits 1949 für die Stadtwerke Konstanz den Fährepavillon in Meersburg entworfen, der 1951 fertiggestellt wurde. Das Gebäude schlug ein wie eine Bombe und wurde in der Fachpresse als architektonische Besonderheit hervorgehoben. Dieses positive Ergebnis in der Öffentlichkeit bis hin in die Schweiz und nach Frankreich, führte dazu, dass Hermann Blomeier 1952 von der Stadt Konstanz mit einem Entwurf für die Ländebauten in Konstanz – Staad beauftragt wurde.

Und wie hat die Bevölkerung am See die Ländebauten in Konstanz aufgenommen?

Zunächst kopfschüttelnd, dann mit wohlwollender Akzeptanz, wie es so ist, wenn jemand etwas Neues macht. Das geht allen modernen Architekten so und allen Vertretern der freien Künste, die mit neuen Ideen bis dahin unbekanntes, ungewohntes schaffen wollen. Auch heute noch.

Die Bauhausarchitektur galt in der Nazizeit als entartet. Wie war Hermann Blomeiers Situation als junger Architekt?

Da müssen wir dann im Grunde mit seinem Abschlusszeugnis mit der Nummer 79, ausgestellt vom Bauhaus Dessau Hochschule für Gestaltung anfangen. Das war 1932 im Juli, als das Bauhaus bereits von den Nationalsozialisten geschlossen werden sollte. Wie alle Abgänger des Bauhauses verfügte mein Vater über das Bewusstsein, etwas Besonderes zu vertreten, als er sein Zeugnis in der Tasche hatte. Ebenfalls wie alle anderen, war er durch die politischen Veränderungen erst einmal arbeitslos.

Ihr Vater bekam dennoch einen Auftrag in der Schweiz. Wie kam das?

Ihm kam der Zufall zu Hilfe. Er hatte einen Schweizer Freund, der ihn unterstützte und ihm den ersten Auftrag für ein Einfamilienhaus in Zürich-Höngg vermittelte. Dieses Haus Lahme ist das einzige hundertprozentig reine Bauhausgebäude, das Hermann Blomeier je verwirklichen konnte. 1934 war Haus Lahme fertiggestellt. In dieser Zeit konnte Blomeier als Deutscher bereits nicht mehr in die Schweiz einreisen, deswegen zog er ins grenznahe Konstanz. Er wohnte in der Bodanstrasse bei einem jüdischen Ehepaar, es muss das Haus gewesen sein, in dem jetzt die Gaststätte Bodan ist. Dort hat er am Küchentisch die Pläne für das Gebäude in Zürich angefertigt. Die Pläne hat er dann zur Grenze gebracht und am Schlagbaum einem Boten übergeben. Dieser hat sie nach Zürich gebracht und dort hat der Schweizer Freund, der vom Bauen keine Ahnung hatte, die Bauleitung gemacht. Das Haus ist genauso geworden, wie es der Bauherr gewollt hatte. Der Bauherr war überglücklich, ein Bauhaus-Haus zu haben und der Architekt war arbeitslos.

Wie fasste er dann trotzdem in Konstanz Fuß?

Es war wieder ein Zufall. Das Architekturbüro Ganter und Picard verlor seinen Partner Peter Picard. Dieser war Jude, durfte ab 34 nicht mehr arbeiten und emigrierte 1940 nach Amerika. Das Büro Ganter war eines der renommiertesten Architekturbüros in dieser Zeit in Konstanz, und das hat Hermann Blomeier natürlich sehr geholfen. Denn ohne diesen Einstieg wäre es ihm sicherlich nicht gelungen, eine Vielzahl von Einfamilienhäusern, Mehrfamilienhäusern, Umbauten in Konstanz im Musikerviertel, in der Stadt und vor den Toren der Stadt zu planen.

Konnte er dabei etwas einfließen lassen von seiner Bauhausprägung?

Eigentlich nicht. Auch vor Beginn des Krieges war das schon fast unmöglich. Obwohl Ganter das Bauhaus schätzte, war er nicht in der Lage den Bauhausgedanken in der Öffentlichkeit umzusetzen und Hermann Blomeier gelang es ebenfalls nicht. Es gelang nur, indem er den Grundriss der Häuser, die er plante, auf dem Bauhausgedanken aufbaute. Die äußere Gestaltung hat er dann hinter einer regionaltypischen Formensprache verborgen. Er hat sich dafür einer Architektur bedient, die eine Mischung ist aus seiner Vorstellung von Bauhausarchitektur und der hier am Bodensee sehr stark verbreiteten Architektur des Stuttgarter Architekten Schmitthenner (der Architekt Paul Schmitthenner, 1884 bis 1972, vertrat eine dekorative und heimatverbundene Architektur, Anm. d. Red.).

Was hat Blomeier im Krieg gebaut?

Da gab es nicht mehr viel zu machen. Lediglich für Umbauten bekam das Büro Ganter Aufträge. Einer davon war Aufmaß und Sanierung des Konstanzer Ratsaales, den Blomeier 1939 durchführte. Einige Häuser hatte er noch kurz vor dem Krieg gebaut und dann war erst einmal Schluss. Es ging dann erst weiter nach Beendigung des Krieges, also nach 1946.

Wie entwickelte sich die Auftragslage für Blomeier nach dem Krieg?

Vor allem bei Wohnhäusern war die Bevölkerung gegenüber dem Bauhausstil noch immer zurückhaltend, daher war die Auftragslage mau. Dann aber kamen die Aufträge im öffentlichen Bereich: Der Meersburger Fähre-Pavillon, die Ländebauten in Konstanz-Staad. Eine große Rolle spielte auch der Auftrag für das Clubhaus des Rudervereins Neptun 1955 in Konstanz. Dort war es Blomeier möglich, seine am Bauhaus Dessau erlernten Ideen vom „Neuen Bauen“ im Ganzen umzusetzen.

Gibt es weitere typische Bauhausbauten ihres Vaters?

Neben seinem eigenen Wohnhaus zum Beispiel die Französische Schule in der Steinstraße in Konstanz, heute leider abgerissen, die Landeskreditanstalt Karlsruhe, und besonders das Seepumpwerk in Sipplingen, dann die Französische Funkstation auf dem Bettenberg in Konstanz und die Internatsschule Gaienhofen. Oder die Kreuzkirche in Allmannsdorf und das Biologische Institut in Tübingen. Das sind alles Gebäude, die die Bauhausprägung des Architekten erkennen lassen.

Trotzdem sehen die Gebäude nicht nach originalem Bauhaus aus.

Das Interessante ist ja nun, dass Hermann Blomeier, auch wenn er die Möglichkeit gehabt hätte, nicht mehr die reinen Bauhausentwürfe weiterbearbeitet hat, was in späteren Jahren möglich gewesen wäre. In der Bauhausarchitektur gab es unter anderem die Lehre von Walter Gropius, der vorwiegend verputztes Mauerwerk verwendete und die von Mies van der Rohes, dessen bevorzugte Baumaterialien zum Beispiel Stahl, Beton und Naturstein waren. In der Architektur meines Vaters sind beide Einflüsse zu erkennen. Vielleicht, um sich gleichzeitig abzusetzen, hat er mit dem gelben Hartbrandklinker, dem „Lufinger Stein“ von der Schweizer Ziegelei Embrach, wie man ihn an der Wessenbergschule sieht, sein eigenes Material gefunden.

Wie schwierig war es, für Blomeier, den modernen Stil bei den Behörden durchzusetzen?

Bei der Planung vom Clubhaus Neptun hatte er die größten Widerstände bei der Bevölkerung, aber auch bei der Verwaltung zu überwinden. Dass es dann schlussendlich doch gelungen ist, lag unter anderem an der Beharrlichkeit von ihm und von der Bauherrschaft, an seiner Überzeugungsgabe und wohl auch daran, dass er schon damals in der Gesellschaft relativ gut verankert war.

Hatte es denn zuvor bei den Ländebauten Widerstand gegeben?

Nein, verwunderlicher Weise nicht. Zu dieser Zeit nach dem Krieg hat sich niemand besonders darum gekümmert, was im Bereich „Öffentliches Bauen“ lief. Dann stand da das Ding plötzlich und man sagte: „ Was haben wir denn hier für eine Beule stehen?“ Aus dieser Situation heraus entstand später dieser Widerstand gegen moderne Architektur. Bis heute.

1968 entstanden nach Blomeiers Entwürfen die Handelslehranstalten, heute Wessenbergschule. Wie nahe ist das Gebäude am Bauhaus?

Von seinen Konstanzer Bauten ist die Wessenbergschule wohl am nächsten dran an der Bauhausarchitektur. Es handelt sich hier um eine klare, bis ins kleinste Detail rational durchgeplante Architektur, die auf streng zentralsymmetrischer Anordnung der einzelnen Bereiche und Räume um eine Mittelachse Nord-Süd durch den Haupteingangsbereich beruht, mit zwei quadratischen Innenhöfen, über die die inneren Gebäudeteile natürlich belichtet werden. Rechts und links dieser Mittelachse befindet sich jeweils die gleiche Anzahl von Räumen, mit gleichen Abmessungen. Als Modell ließe sich das ganze um die Mittelachse klappen und alles passte auf einander

Das Gebäude gilt als teuer im Erhalt und unwirtschaftlich in der Energienutzung. Woran liegt das?

Weil zu dem damaligen Zeitpunkt das Thema Wärmeschutz so gut wie keine Rolle spielte. Man hat damals Sichtbeton im Außenbereich ohne Dämmung verbaut, obwohl Beton durch seine hohe Dichte einer der besten Wärmeleiter ist, den man sich vorstellen kann. Das entsprach aber dem damaligen Stand der Technik.

Das Gebäude der heutigen Wessenbergschule könnte bald an die Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung übergehen. Wie wäre es sanierbar?

Da die Wessenbergschule unter Denkmalschutz steht, müsste meines Wissens die derzeit gültige Energieeinsparungsverordnung nicht in allen Teilen umgesetzt werden, wie zum Beispiel bei Außenflächen von Sichtmauerwerk oder Sichtbetonteilen, da sonst die schützenswerte Architektur des Gebäudes zerstört würde. Zur Erzielung einer akzeptablen Gesamtwärmebilanz müsste es genügen, einzelne Bauteile wie etwa Dachflächen, Verglasungen und so weiter effizient zu dämmen, bezieungsweise zu erneuern. Bei einem von außen „totgedämmten“ Gebäude sind für mich der Auftrag von Architekt und Bauherrn zur nachhaltigen Weitergabe von Architekturentwicklung an die Gesellschaft einerseits, sowie die Idee eines verantwortungsbewussten Denkmalschutzes nicht erkennbar. Wenn ich es nicht mehr sehe, ist das Gebäude für mich nicht mehr wertvoll.

Was wünschen Sie dem Gebäude?

Ich fände es fantastisch für das Gebäude, wenn es gelänge, dass die HTWG Konstanz die Wessenbergschule in ihr Gebäudearsenal aufnehmen und konsequent dem Fachbereich Architektur zur Verfügung stellen würde. Professoren und Studentinnen des Fachbereichs Architektur an der HTWG Konstanz haben sich in jüngster Zeit mit der Wessenbergschule planerisch unter Beachtung von Denkmalschutz und Energieeffizienz eingehend befasst.

Mehrere Bauten ihres Vaters kamen in den letzten Jahren in ein Alter, in dem sie entweder saniert oder abgerissen werden sollten. Mit welchen heutigen Nutzungen sind sie zufrieden, mit welchen weniger?

Unter dem Stichwort „Heutige Nutzungen“ hätte ich jetzt gerne die Französische Schule in der Steinstraße genannt, aber die wurde leider abgerissen. Der Antrag eines Konstanzer Architekten auf Unterschutzstellung wurde leider abgelehnt, dabei waren es sehr typische 50gerjahre – Bauten mit deutlich erkennbarem Bauhausstil.

Und wie Betrachten sie die jetzige Situation der Ländebauten? Sie stehen unter Denkmalschutz und der Kopfbau wird im Erdgeschoss als Clubraum für die Seglervereine des Sporthafens ARGE und als Gastronomie im Obergeschoß genutzt.

Als von 1999 bis 2000 die Ländebauten zur Disposition standen und abgerissen werden sollten, konnte ich mit Unterstützung durch die Öffentlichkeit, die Architektenkammer, den Bund Deutscher Architekten und so weiter die Stadt Konstanz und die Stadtwerke Konstanz davon überzeugen, die Ländebauten zu erhalten. Die heutige Nutzung ist natürlich sehr erfreulich, denn vor allem das Café-Restaurant kommt der ursprünglichen Idee sehr nahe. Fähre-Fahrgäste sollten sich beim Warten auf eine Fähre Getränke, Zeitungen, Fotoapparate und ähnliches in den Ländebauten kaufen können. Dass die meisten eher im Auto sitzen bleiben, war im Vorfeld nicht bedacht worden. Heute scheinen es vor allem Konstanzer zu sein, die das Café nutzen. Das ist eine schöne Entwicklung.

Was würde Ihr Vater sagen, wenn er wüsste, dass mehrere Konstanzer Bauten von ihm inzwischen unter Denkmalschutz stehen?

Er würde sich freuen.

Fragen: Julia Russ

Zur Person:

Christoph Blomeier setzt sich seit Jahren für das architektonische Erbe seines Vaters Hermann Blomeier ein. Er kam 1937 in Konstanz auf die Welt und kann sich aus der Perspektive des Kindes noch gut an die schwierige Auftragslage für seinen Vater während des Krieges erinnern, aber auch an sein eigenes Staunen über die Erfolge in der Nachkriegszeit. Er selbst wurde ebenfalls Architekt und Mitinhaber des Architekturbüros Blomeier-Müller-Achatz in Konstanz, das unter anderem das Studentenwohnheim Europa-Haus am Schänzle realisierte. jru