Glücksfall rundum: Der Abendhimmel lachte bis fast zum Finale in karibischem Werbungs-Blau, zwei Konstanzer Chöre und ein Bandoneon-Celloduo luden ein ins Südamerikanische mit musischem Kreuzfahrt-Slogan („Tango, Samba und Meer“), kein Publikumsstuhl blieb unbesetzt, keine Nummer ohne Applaus, der das Hörvergnügen und die emotionale Klangergötzung vollauf bestätigte. Am Ende ein Groß-Beifall für den Takt- und Ausdruckschef Michael Auer.

Denn der hielt nicht nur Schmusemelos und kühlende Synkopen in farbiger Balance, sondern auch die Kunst der Stimmen, die sogar aus einer Ein-Ton-Melodie („One note Samba“) eine gefühlvolle Romanze mit Halbtonschmelz und weichem Liebesatem zaubern konnten. Das ist nicht zuletzt auch Verdienst der stimm- und atembildenden Schulung durch Anna-Iris Deckert. Zwei Chöre bewiesen bestes Format. Sie beherrschten das Rhythmische und vor allem jene Kunst, die zuweilen Rutschpartien veranstaltet – und dennoch sicher wieder auf klassischem Boden harmoniefest angelangt. Damit es nicht zu altbacken wird, sind meist die letzten Takte oder Töne mit Septen, anderen schrägen Zusätzen oder frechen Akzenten bestückt. Meister Auer und seine singenden Damen und Herren erwiesen sich als Pointen-Künstler, die das vielfach so umschmeichelnde Nachromantische und Neusentimentale nicht im Schmalztiegel der Gefühlsträumereien zerfließen ließen. 18 Nummern mischten: Kammerchor-a-cappella mit afrokubanischem „Paloma“-Flügelschlag, wunderbar leicht mit klarer Höhe, lieblicher Mitte, hellen Tenören und Bässen ohne Stimmband-Fundamentalismus. Es folgte eine „Reise durch Brasilien“, bunt, dynamisch. Wie später der „Fünf-Viertel-Tango“ eine ferne Walzer-Erinnerung enthielt, und die Kammermusiker Piazzollas und des Bandoneonisten Kotzan das Argentinische mit Leipziger Original-Bach kunstvoll versetzten, das waren stilgemischte Klang-Globalitäten.

Der Cellist Johannes Alisch mit glockenblumigem Selbstbau-Cello verstand es, in hohem Vibrato-Legato die Tränen eher süß als salzig rinnen zu lassen. Der Suso-Mädchenchor bewies in holdem Sehnsuchtssong (mit Julia Weißer am Pianoforte) und mit Bossa-nova-Lebendigkeit beifallswürdige Deklamations-und Melodiekünste. Der Zusammenklang aller Musici im „Verführerischen Tango“ und in Piazzollas „Frühling“ erfreute von ff bis pp durch schönste südamerikanische Serenaden-Klangspiele. Das war der Trumpf, der hier ausgespielt wurde und stach: Leichte Klänge mit allerlei halbschwerem Moll, Tanz und Lied mit sinfonischen Gesten, Doppelchor mit Instrumentalduo und dem heiterem Sänger-Conférencier Roland Wallisch.

Das Instrument

Zum Tango gehört die 144-knöpfige, vom Chemnitzer Musikbauer Heinrich Band im später 19. Jahrhundert erfundene „Concertina“: Es ist ein melodisches, kein akkordisches Instrument, von hart bis zart klingend. In Deutschland gab es 1930 fast 700 Bandoneon-Vereine. Später wurde, über einen Umweg durch Russland, das quadratische Instrument zum Klangsymbol für alle Tangokünste. Piazzolla hat als Tango-Apoll die antike Leier durch das klangsensible Melodieinstrument ersetzt. Neue Töne-Sensibilität versprach und bot auch der Cellist Johannes Alisch: Sein der Form wegen „Campanula-Cello“ genanntes Spielwerk hat dank der 16 Resonanz-Saiten über dem Holzcorpus etwas von Cello-Fülle, der Bratschen-Eleganz und näselender Gamben-Lieblichkeit. (se)