"Sterben ist bei uns Alltag." Diesen schweren Satz sagt Bärbel Sackmann, Leiterin des Pflegeheims St. Marienhaus in Trägerschaft der Caritas Konstanz. Sterben kann Wochen oder Monate dauern – oder auch nur wenige Stunden. Das Pflegepersonal in den Heimen muss ständig Abschied nehmen, trösten, auf Beerdigungen gehen. Das fällt nicht leicht. Oft treffen die Pflegekräfte auch wichtige Entscheidungen für die Sterbenden, weil diese Vollmachten oder Patientenverfügung nicht mehr rechtzeitig zu Papier brachten. Aus dieser Situation entstand der Wunsch des Personals, sich noch intensiver mit dem Sterbeprozess zu beschäftigen und Angebote weiterzuentwickeln.

Die Caritas fand im Hospizverein Konstanz einen geeigneten Partner und schloss Anfang des Jahres einen Kooperationsvertrag. Zum einen beinhaltet dieser, dass Hospizmitarbeiter die Pflegekräfte der Caritas-Einrichtungen St. Marienhaus, Haus Don Bosco und Haus Franziskus, ein Wohnheim für Menschen mit Behinderung, beraten und weiterbilden. Und zum anderen werden die ehrenamtlichen Hospizkräfte nun öfter in einen Sterbeprozess im Pflegeheim eingebunden. Das St. Marienhaus kooperiert schon länger mit der Sitzwache, deren Mitarbeiter im akuten Fall für die letzten Stunden gerufen werden. Das Hospiz hat eine andere Aufgabe. Petra Hinderer, Geschäftsführerin des Konstanzer Vereins, erklärt: "Bei uns ist der Begriff Sterben weiter gefasst. Wir begleiten die Menschen manchmal Tage, meist aber Wochen oder Monate, manchmal auch Jahre."

Koordinatorinnen des Vereins stellen behutsam und frühzeitig den ersten Kontakt zwischen kranken Menschen und ehrenamtlichen Begleitern her. "Es darf nicht heißen: Jetzt kommt das Hospiz, also sterbe ich bald", sagt Christina Labsch-Nix, beim Verein zuständig für alle psychosozialen Fragen rund um das Lebensende und die Trauer. "Wir sind nochmal andere Ansprechpartner, Außenstehende. Unsere Mitarbeiter wollen nichts erben, sie müssen auch nichts regeln. Wenn es an die Tür klopft, kommt ein Mensch herein, der nur für den Sterbenden da ist", so Labsch-Nix. Petra Hinderer nennt einen weiteren Vorteil der Kooperation mit Pflegeheimen: "Bei Unzufriedenheit von Angehörigen ist es sinnvoll, in eine Dreiecksbeziehung mit dem Hospizverein zu gehen. Wir müssen keine Partei ergreifen." Bärbel Sackmann ist dankbar für das Angebot, denn "oft stecken hinter kleineren Beschwerden der Angehörigen große Themen. Das entsteht aus Hilflosigkeit."

Auch die Pflegekräfte im Heim und die ehrenamtlichen Sterbebegleiter fühlen sich oft ohnmächtig, haben Angst vor der Verantwortung und dem Alleinsein mit einem Todkranken. Gemeinsam beschäftigten sich Fachkräfte und Hospizmitarbeiter mit dem Sterbeprozess und fragten sich, wann dieser überhaupt beginnt. Sie sprachen über den richtigen Umgang mit Angehörigen und über Ursachen für Schwierigkeiten. Es ging auch darum, das richtige Gefühl für die Situation zu entwickeln. "Man kann hundert Mal in einem Pflegebuch nachlesen, aber zu manchen Fällen passt keiner der Ratschläge", sagt Gaby Grunwald, Koordinatorin im Hospizverein. Aus der Sicht von Daniela Schumpp, Pflegedienstleiterin im St.

Marienhaus, waren die Weiterbildungen ein voller Erfolg. Bärbel Sackmann pflichtet ihr bei: "Ich habe selten einen Kurs erlebt, der so gut angenommen wurde." Das Sterben sei eben nach wie vor ein Tabuthema. Petra Hinderer bestätigt: "Es ist schwer, darüber zu sprechen – und wenn man den Tod noch so oft gesehen hat."

Die Entstehung

Der Kooperationsvertrag zwischen Caritas und Hospizverein Konstanz soll nach und nach mit weiteren Bausteinen gefüllt werden. Er entstand auch aufgrund eines neuen Gesetzes, das Pflegeheime dazu anhält, mit ambulanten Vereinen zusammenzuarbeiten. "Der Konstanzer Caritasvorsitzende Andreas Hoffmann und ich wussten, dass dieses Gesetz kommen würde, aber wir wollten nicht auf Berlin warten, sondern das Thema früher angehen", sagt Petra Hinderer, Geschäftsführerin des Hospizvereins Konstanz. Im Februar 2016 fanden in den Räumen des Hospizvereins erste Weiterbildungen für Pflegefachkräfte von Caritas-Einrichtungen statt. (kis)