Konstanz Burkini: Interview mit dem Konstanzer Kulturwissenschaftler Özkan Ezli

Der Konstanzer Kulturwissenschaftler Özkan Ezli erklärt im Interview, warum es richtig ist, das Burkini-Verbot aufzuheben. Der Forscher kennt sich aus mit dem Thema. Seit 2008 forscht er am Exzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“ an der Universität Konstanz.

Herr Ezli, aus welchem Grund sollte die Stadt Konstanz den Burkini als Badekleidung zulassen?

 
Dafür gibt es mehrere Gründe. Ein zentraler ist, mehr Partizipation, Sichtbarkeit und Kontakte unterschiedlicher Lebensauffassungen zu ermöglichen, die Teil der deutschen Gesellschaft sind. Öffentliche Einrichtungen, wie beispielsweise die Konstanzer Bäder, haben neben der Gewährleistung von Hygiene- und Sicherheitsstandards, denen der Burkini nach Material und Erfahrungen anderer Bäder entspricht, auch die Aufgabe so vielen Bürgern wie möglich den Zugang in die Bäder zu ermöglichen. Hier spricht man von der öffentlichen Daseinsvorsorge. Das zum einen. Zum anderen würde eine Zulassung seitens der Stadt gemeinsam mit der Konstanzer Bädergesellschaft ein Signal aussenden, dass sie mit gesellschaftlicher Heterogenität und Diversität umgehen und diese auch gestalten können.
 

Liegen in der Entscheidung auch Chancen für eine gesellschaftliche Debatte?

 
Unbedingt. Denn das Anliegen der Konstanzer Interessentin ist ja nicht orthodox islamisch, getrennt von anderen Männern und nur unter Badeaufsicht von Frauen baden zu können. Es geht also nicht darum, reine orthodoxe islamische Vorstellungen zu verwirklichen. Ihr Anliegen ist kulturell keineswegs puristisch, sondern vielschichtig modern. In ihrem Anliegen drückt sich eine Individualität aus, die Moderne, Religion und Tradition zusammengehörig in Kommunikation bringt. Und genau diese hybride Konstellation kann gesellschaftspolitischen Debatten nur guttun, in denen viel zu schnell von Religion, Moderne und von anderen Kulturen als voneinander getrennten Einheiten die Rede ist. Im „Konstanzer Fall“ werden also keine Kulturen getrennt, sondern verbunden.
 

Woher kommt die oft von Ängsten und Vorurteilen geprägte Debatte zu dem Thema?

 
Es gibt einige Gründe. Ich will jetzt nur einen nennen. Der Burkini wurde nicht als ein Badeaccessoire gesehen. Sondern über die Burka vielmehr als ein Symbol für Unterdrückung und Bedrohung. Jedoch ist die soziale Funktion des Burkinis der der Burka entgegensetzt. Beim Burkini geht es um ein gemeinsames öffentliches Baden. Bei der Burka um ein striktes Trennen der Frauen- von der Männerwelt in der Öffentlichkeit. Im Gegensatz zur Burka trennt der Burkini nicht, sondern verbindet unterschiedliche soziale Ebenen und ermöglicht religiösen Frauen das Baden in öffentlichen Einrichtungen. Von daher ist der Begriff „Burkini“ nicht die glücklichste Erfindung.
 

Auf welcher Grundlage haben Sie das Gutachten erstellt? Haben Sie mit der Frau, die eine Klage erwogen hatte, gesprochen?

 
Ich habe im Vorfeld für das Gutachten drei lange Interviews geführt: mit der Konstanzer Interessentin, dem Geschäftsführer der Konstanzer Bädergesellschaft und dem Imam der Konstanzer Mevlana-Moschee. Es waren drei sehr interessante und ergiebige Interviews, die ich dann mit meinen und mit anderen Forschungsergebnissen abgeglichen habe.
 

Können andere Städte aus der Art und Weise der Problembehandlung der Stadt Konstanz für sich lernen? Und wenn ja, was?

 
Ich denke ja. Denn die hybride Konstellation, wie ich sie kurz skizziert habe, zeigt eine Ausdifferenzierung und eine Entwicklung der deutschen Einwanderungsgesellschaft, deren Grundlagen nicht mehr die Homogenität, sondern die gesellschaftliche Diversität und Heterogenität sind. Auf Bundesebene ist das Konsens. Auf kommunaler Ebene jedoch wird leider noch in zu vielen Fällen bei interkulturellen Gemenge- oder Konfliktlagen von den „anderen“ der Minderheit und von „uns“ der Mehrheit gesprochen. Dabei greift eine klare Unterscheidung von eigen (deutsch, modern) und fremd (türkisch, muslimisch, rückständig) nach einer über 50jährigen Migrationsgeschichte nicht mehr. Denn der Islam, den die Konstanzer Interessentin und Bürgerin lebt, ist ein deutscher.
 

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