Fred Schmid (rechts) hat die Rechnung noch, die seinen Eltern 1952 zu seiner Geburt im Vicentius-Krankenhaus ausgestellt wurde.

Felix Schmid (rechts) hat noch die Rechnung seiner Geburt dort. Als Besucher und Patienten kennen das Haus (von links) Ingrid und Adi Brunner sowie Angelika Schmid.

Fünf Mark Entbindungskosten mussten sie damals zahlen. Der heute 66-Jährige gehörte zu den rund 7000 Gästen, die am Wochenende die Gelegenheit nutzten, das frühere Krankenhaus als Kunstraum neu zu entdecken und kurz vor dem teilweisen Abriss für Wohnbebauung Abschied zu nehmen von dem Haus, das für so viele Konstanzer eine bedeutende Rolle gespielt hat, als frühere Geburts- und Belegklinik mit den Schwerpunkten Orthopädie sowie Hals, Nasen, Ohren.

"Es war eine wunderschöne Zeit hier."

110 Künstler und mehr als 200 Kinder aus der Region hatten das Haus mit Installationen und Bildern zu einem riesigen Ausstellungsraum umfunktioniert. Einige banden die Klinikräume in ihr Werk ein, machten etwa aus dem früheren Reinraum einen Herd für Keime und aus der Eigenblut- die Eigenbildspende. An der Fassade stach das riesige schwarz-weiß Foto zweier Klosterschwestern ins Auge. Das Großporträt steht für die Zeit, in denen die Hegner Schwestern bedeutende Rollen im Haus einnahmen. Michaela Westfeld Lang erkannte eine der Frauen gleich wieder: "Das ist Schwester Johanna". Westfeld Lang war schon als Kind eng mit dem "Vince" verbunden.

Immer zu Weihnachten, so sagte die heute 56-Jährige, sei sie zusammen mit ihrer Zwillingsschwester als Engel verkleidet an die Betten der Patienten gegangen, um diese mit Gedichten zu erfreuen. Wenige Jahre später sei sie erst als Praktikantin und nach der Ausbildung an anderer Stelle als Krankenschwester wieder gekehrt und 20 Jahre lang geblieben. "Es war eine wunderschöne Zeit hier." Anders als in Notfallkliniken sei der Alltag relativ geregelt gewesen, zudem hätten die Schwestern mit ihrem strengen aber herzlichen Wirken den besonderen Charakter des Hauses geprägt. Patienten, aber auch Mitarbeiter hätten sich aufgehoben gefühlt.

Erste Liebe hier kennengelernt

Susanne Hörenberg (links) arbeitete bei einem Praktikum als 17-Jährige in der Männerstation des Altbaus. Michaela Westfeld Lang war 20 Jahre lang Krankenschwester im Haus. 

Wehmütige Blicke auf alte Zeiten: Susanne Hörenberg (links) arbeitete bei einem Praktikum als 17-Jährige in der Männerstation des Altbaus. Michaela Westfeld Lang war 20 Jahre lang Krankenschwester im Haus. Bild: Claudia Rindt

Susanne Hörenberg, heute 67 Jahre alt, hatte ihre erste Liebe auf der Männerstation kennen gelernt, in der sie als 17-Jährige als Praktikantin eingesetzt war. Damals, so berichtete sie, habe es noch die in Stein gemeißelten unumstößlichen Termine gegeben, den wöchentlichen Betten-Bezugstag, und das tägliche Fiebermessen um 16 Uhr sowie um vier Uhr morgens. Beklagt habe sich darüber kein Patient. Damals habe kaum einer Entscheidungen von Arzt oder Schwester angezweifelt.

In manchen ihren Erinnerungen schwang Schrecken mit. Damals habe das Haus auch Patienten mit Krebs gehabt, die zeitweise fürchterliche Schmerzen litten, weil sie die Mittel dagegen nur sehr dosiert bekamen. Die Schreie der Leidenden habe sie noch heute im Ohr. Sie sei froh, dass die moderne Medizin Schmerzen besser lindern kann, sagt die frühere Krankenschwester, die noch heute als Lehrerin in Pflegeberufen tätig ist. Möglicherweise ist es ihrem Eingreifen zu verdanken, dass der Altbau des Klinikums bis heute erhalten ist.

In ihrer Praktikumszeit, so berichtet sie, sei ein Adventskranz, der an der galgenförmigen Halterung eines Patientenbetts hing, in Brand geraten und aufs Bett gestürzt. Alarmiert von den Schreien der Patienten sei sie ins Zimmer gestürmt, habe die Flammen gesehen und sie mit Hilfe eines Bettzeugs erstickt.

Operation nach Skiunfall

Die besondere Fürsorge der Schwestern im Haus ist Karl Bernhard Ruppaner in guter Erinnerung.

Karl Bernhard Ruppaner fühlte sich gut aufgehoben, als er als Bub mit gebrochenem Bein im Vince lag. Die Hegner Schwestern hätten sich herzlich um ihn gekümmert. Er besuchte die Ausstellungen im Haus, das bald abgerissen wird. Bild: Claudia Rindt

Der spätere Brauereichef hatte sich als Zehnjähriger beim Skifahren den Fuß gebrochen. Er wurde deshalb im Vince operiert. Karl Bernhard Ruppaner fühlte sich gut aufgehoben, als er als Bub mit gebrochenem Bein im Vince lag. Die Hegner Schwestern hätten sich herzlich um ihn gekümmert. 

Ganz andere Erinnerungen hat Lidija Schmutz.

Das süße Bärchen hat nichts zu tun mit den Erinnerungen von Lidija Schmutz ans Vince. Ihr heute 40 Jahre alter Sohn musste in den 70er-Jahren dort operiert werden, und wie damals üblich, durften Eltern die Kinder dabei nicht begleiten, sondern nur zu streng geregelten Zeiten besuchen. Bild: Claudia Rindt
Das süße Bärchen hat nichts zu tun mit den Erinnerungen von Lidija Schmutz ans Vince. Ihr heute 40 Jahre alter Sohn musste in den 70er-Jahren dort operiert werden, und wie damals üblich, durften Eltern die Kinder dabei nicht begleiten, sondern nur zu streng geregelten Zeiten besuchen. Bild: Claudia Rindt

Das süße Bärchen hat nichts zu tun mit den Erinnerungen von Lidija Schmutz ans Vince. Ihr inzwischen 40 Jahre alter Sohn habe im Vincentius ganz schön gelitten. Mit 3,5 Jahren sei er für eine Hüftkorrektur für zwei Wochen ins Klinikum gekommen – allein, ohne Begleitung der Eltern, so wie das damals üblich war. Nur während der damals sehr streng gehandhabten Besuchszeiten habe sie den Jungen besuchen dürfen. 

Auch die 45-Jährige Museumspädagogin und Autorin Christine Zureich hat als Kind im Vincentius gelitten, weil die Eltern Ende der 70er-Jahre nicht dabei sein durften, als ihr die Mandeln heraus genommen wurden.

Christine Zureich musste als Kind ins Vince und hat sich da ganz schön allein gefühlt. Eltern durften die Kinder damals noch nicht zu Operationen begleiten. Bild: Claudia Rindt