Die vier älteren Damen sitzen im Eiscafé Santa Valentina zusammen, genießen auf der schattigen Terrasse Eisbecher und Cappuccino. So, wie sie es öfter machen. Alle vier wohnen nur ein paar Meter entfernt von dieser Straßenzeile, die auf engstem Raum so vieles zu bieten hat: Pizzeria, Supermarkt, Dönerstand, ein Unverpackt-Laden und eben das Eiscafé. Nahversorgung aus dem Lehrbuch.

Grit Schätzle beispielsweise ist auf den Rollator angewiesen und daher glücklich, dass sie nur knapp zwei Minuten Fußweg von ihrem Zuhause bis hierher hat. "Vor allem der Discounter nebenan ist ein Segen für uns", sagt die 76-Jährige. "Hier erhalten wir alles, was wir brauchen. Für ältere Menschen perfekt. Außerdem kommt man unter Menschen. Auch das ist wichtig."

Anwohner fürchten weniger Auswahl und höhere Preise

Doch das soll sich ändern – der Netto-Markt soll gegen Ende des Jahres geschlossen werden. Stattdessen kommt hier Denn's Bioladen hinein. "Der Vertrag war ausgelaufen und wir haben Verhandlungen geführt", heißt es von Seiten der Besitzer, der Reichler GBR in Litzelstetten. "Wir denken, dass ein Bio-Laden hier ganz gut passen wird."

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Die Anwohner der Fürstenbergstraße sehen das anders: "Wir brauchen einen normalen Supermarkt, in dem es alles zu kaufen gibt: Neben Lebensmittel auch Kosmetika oder Waschmittel", so Anna-Maria Gabor. "Ein Bio-Laden kann das nicht bieten. Außerdem sind viele Produkte viel teurer." Die Reichler GBR sieht das ganz pragmatisch: "Dann sollen die Menschen mehr Geld in die Hand nehmen und dafür mehr Qualität kaufen als in einem Discounter. Lieber weniger einkaufen und dafür bessere Produkte."

Seniorinnen fühlen sich im Stich gelassen

Die vier Frauen fühlen sich und ihre vielen Altersgenossen in der Nachbarschaft im Stich gelassen. Die nächsten Lebensmittelläden sind mehrere hundert Meter entfernt. Im ehemaligen Hotel Adler sind mittlerweile Senioren untergebracht, einige werden rund um die Uhr betreut, andere sind noch selbstständig unterwegs und gehen regelmäßig in den Supermarkt gegenüber einkaufen – auch für sie ist das spätestens ab 2019 nicht mehr möglich.

Die Netto-Pressestelle schreibt auf SÜDKURIER-Anfrage diese Worte: "Da die Netto-Filiale in der Fürstenbergstraße nicht mehr unserem modernen Netto-Konzept entspricht, wird die Filiale voraussichtlich im Herbst 2018 geschlossen." An die Menschen in der Nachbarschaft richtet das Unternehmen diese Worte: "Für die Kunden aus der Umgebung werden wir die Nahversorgung durch unseren Netto-Markt in Konstanz am Sepp-Biehler Platz aufrechterhalten. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir zu weiteren Details diesbezüglich momentan keine Informationen geben können." Für Maria Kurtz klingt das wie Hohn: "Sollen wir mit dem Rollator fünf Kilometer bis nach Allmannsdorf gehen? Oder uns mit dem Einkauf im Bus durchschütteln lassen? Das ist absurd."

In Fürstenberg wohnen 12.000 Menschen – greift das Nahversorgungsgesetz?

Für Christel Tweer steht die Nahversorgung auf dem Spiel. "Rund 12 000 Menschen wohnen in Fürstenberg. Und die meisten sind von der Schließung betroffen." Paragraf vier des Nahversorgungsgesetzes besagt: "Die Nahversorgung ist dann gefährdet, wenn es einer maßgeblichen Anzahl von Verbrauchern nicht möglich ist, die zur Befriedigung der notwendigen Bedürfnisse des täglichen Lebens dienenden Waren unter zumutbarem Zeit- und Kostenaufwand ohne Benützung eines Kraftfahrzeuges oder öffentlichen Verkehrsmittels zu kaufen."

Die Anwohner sehen genau diesen Fall eingetroffen. "Das passt exakt", sagt Maria Kurtz. "Unsere Lebensqualität wird abnehmen, wenn wir den Grundversorger nicht mehr in der unmittelbaren Nachbarschaft haben. Die Verwaltung kümmert das aber herzlich wenig. Die kümmert sich nur um Neubürger und neue Nachbarschaften. Wir Alteingessesenen sind nicht mehr wichtig für die Politik."

Walter Rügert, Pressesprecher der Stadt Konstanz, sagt dazu: "Grundsätzlich ist es eine private Unternehmensentscheidung, an welchen Standorten Geschäfte eröffnet oder geschlossen werden. Für die Stadt ist es allerdings ein wichtiges Anliegen, dass die Nahversorgung in den Quartieren gewährleistet ist. Diese sollte durch den Wechsel von Geschäften nicht beeinträchtigt werden."

Lebensmittel und Dienstleistungen

  • Nahversorgung wird in der Stadtplanung als die Versorgung der Bevölkerung mit Waren und Dienstleistungen des kurz- und mittelfristigen Bedarfs in engeren Umfeld der Wohnung definiert. In der öffentlichen Diskussion wird der Begriff meist auf die Versorgung mit Lebensmitteln durch den Lebensmitteleinzelhandel verengt. Fachlich wird zwischen der „Nahversorgung im engeren Sinne“ und der „Nahversorgung im weiteren Sinne“ unterschieden.
  • Nahversorgung im engeren Sinne umfasst das „Angebot von Gütern des täglichen Bedarfs, vor allem von Lebensmitteln, auch von Dienstleistungen, das zentral gelegen und fußläufig zu erreichen ist“.
  • Nahversorgung im weiteren Sinne bedeutet ein „umfassendes Angebot an Waren, in der Bandbreite von kurz- bis langfristigem Bedarfsbereich, aber auch von öffentlichen und privaten Dienstleistungen (Bank, Post, Gastronomie, Schulen, medizinische Versorgung etc.)“. Diese Definition umfasst alle Aspekte, die der Bevölkerung die gleichberechtigte Teilhabe am wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben in leicht überwindbarer Entfernung vom Wohnort ermöglichen sollen. Damit ist die Bereitstellung der Nahversorgung wesentlicher Aspekt bei der in Artikel 72 Absatz 2 Grundgesetz geforderten „Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse“.