Öko-Torso, so nennt sich im Fachjargon das, was von der Riesenpappel am Seerhein seit Dienstag übrig ist: Ein Reststamm, der vor sich hin verwittern darf, und dabei Käfern und anderen Arten noch Unterschlupf bieten soll. Bürger brachten am Mittwoch auf Plakaten nochmals ihre Trauer zum Ausdruck, unter anderem mit einem Zitat des früheren Bundespräsidenten Theodor Heuss: "Das menschliche Talent, Lebensraum zu schaffen, wird nur durch jenes übertroffen, ihn zu zerstören". Ein anderer nennt es "Leid-Kultur", einen solchen Baum zu fällen. Und dann geben sie dem Schweizer Politik- und Umweltwissenschaftler Philippe Goeldlin Interviews und werden so Teil einer neuen Bewegung. Nach Konstanz geholt hatte den Mann eine Bürgerinitiative, die für den Erhalt mächtiger Bäume kämpft.

Das Ziel lautet: Biokratie

Goeldlin verfolgt im Verbund mit anderen Zürcher Wissenschaftlern die Idee einer Biokratie, also einer integrativen Gesellschaft des Lebendigen, in dem es um Ausgleich zwischen allen Wesen geht. In einem ersten Schritt will er Menschen zum Austausch verhelfen, die vergeblich um den Erhalt von Bäumen gekämpft haben. Er zeichnet Gespräche mit ihnen auf, und stellt sie ins Internet (leafpolitics.ch). Er fordert dazu auf, über die Beziehung zum Baum zu sprechen. Die Einzelstimmen sammelt er, um den Menschen die Möglichkeit zu geben, sich über Bäume auszutauschen, und es geht darum, wie sie als Bürger stärker den Verwaltungsapparaten entgegentreten können. Bei seinen Interviews in Konstanz wurde Goeldlin vom Bäumesammler Michel Brunner unterstützt, der der Pappel ein fotografisches Denkmal setzt.

Der Umweltwissenschaftler Philippe Goeldlin (Mitte) befragte Konstanzer welche Beziehung sie zum Turnschuhbaum hatten. Von ihm steht nur noch der Torso. Bild: Claudia Rindt
Der Umweltwissenschaftler Philippe Goeldlin (Mitte) befragte Konstanzer welche Beziehung sie zum Turnschuhbaum hatten. Von ihm steht nur noch der Torso. Bild: Claudia Rindt

Wut und Unverständnis

In den Gesprächen brachten Konstanzer Baumfreunde ihre Wut und ihr Unverständnis darüber zum Ausdruck, dass die Riesenpappel zu Kleinholz verarbeitet wurde. Einer sagte, es sei jedes Jahr um diese Zeit dasselbe traurige Ritual. Seit der Turnschuh-Baum weg ist, sehe er auch die Uferlinie mit den modernen Neubauten aus ganz neuer Perspektive: "Die ganze Scheußlichkeit wird jetzt erst sichtbar."