Konstanz Bruder Klaus ist der letzte Pfadfinderstamm in Konstanz

Sie tragen eine Kluft, ziehen durch die Natur und sammeln spenden: Die Pfadfinder von Bruder Klaus helfen gemeinsam sich selbst und anderen.

„Bist du Mozart?“, fragt Katharina und schaut Marlene mit ernster Mine an. Antworten darf Marlene nicht. Lachen auch nicht. Es ist ein Spiel. Marlene dreht sich zu Mika um und stellt auch ihm eine Frage. Schmunzeln verboten. Und das ist gar nicht so leicht. Denn die jungen Wölflinge vom Pfadfinderstamm Bruder Klaus lachen und kreischen, toben und kichern mit großer Vorliebe. „Hast du heute etwa einen Clown gefrühstückt?“, fragt Jonah. Doch Bela bleibt eisern, verzieht keine Mine. Es fällt ihm sichtlich schwer.

Erik Ruckebier hört währenddessen aufmerksam zu. Der Leiter der jüngsten Pfadfinder der Stadt beaufsichtigt die Mädchen und Jungen im Alter von sieben bis elf Jahren und lässt sie mit einer fast stoischen Ruhe beim wöchentlichen Gruppentreffen durch Räume stürmen und Blödsinn machen. „Sie brauchen einfach die Möglichkeit, sich auszutoben. Danach kehrt dann auch wieder Ruhe ein“, erklärt der Pädagoge, der seit drei Jahren Pfadfinder bei Bruder Klaus ist und zuvor viele Jahre St. Gebhard angehörte. „Dem Stamm gingen dann vor fünf Jahren die Mitglieder aus“, sagt der 41-Jährige, „das ist leider überall so, es werden immer weniger.“

Auch in Konstanz ist die Zahl der Aktiven deutlich geschrumpft. Vor 30 Jahren waren es noch drei Stämme mit mehr als 400 Mitgliedern. Heute ist es ein Stamm mit rund 40 Mitgliedern. „Vielen Vereinen ergeht es ja nicht anders“, sagt Ruckebier. Das liege an den veränderten Interessen der Jugendlichen, aber auch an der erhöhten Belastung in der Schule. Der letzte Stamm in der Stadt ist angegliedert an die Bruder-Klaus-Kirche und katholisch orientiert. „Wir lernen nicht das Vaterunser auswendig, aber wir legen schon Wert darauf, christliche Grundwerte zu vermitteln“, so der Gruppenleiter. Sonst sei es eine Jugendgruppe wie jede andere.

Das Pfadfinderische ist geprägt vom Draußensein: Zeltaktionen, Lagerplätze, Naturerlebnisse. Ruckebier erklärt: „Es ist die Kombination aus der sozialen Erfahrung in einer Gruppe und sich der Natur bewusst zu werden. Wir ziehen nicht einfach durch die Wälder, sondern überlegen uns, wie wir in der Natur zurechtkommen.“ Dabei gebe es viele Spiele und Aktionen, Vogel- und Pflanzenkunde. „Das ist für die Kinder eine einzigartige Erfahrung. Allein das Rausgehen bietet uns unglaublich viele Möglichkeiten.“ Es sei ein reduziertes Leben weg von Rubel und Stress.

Doch der Schwerpunkt liegt nicht nur draußen in den Wäldern. Im letzten Jahr haben die Wölflinge bei der Straßenfasnacht mitgemacht und jüngst Spenden für Kinder auf den Philippinen gesammelt. „Wir überlegen uns, was wir machen wollen und dann machen wir das. Die Sammelaktion war eine Idee der Kinder“, erzählt der Leiter, der aber enttäuscht vom Resultat der Aktion ist: „Die Gruppe hat sich lange vorbereitet und dann 110 Euro eingenommen.“ Das sei nicht schlecht, aber es sei mehr drin gewesen. Die Pfadfinder hatten dennoch Spaß, sagt Ruckebier: „Sie lernen dabei, selbst tätig zu sein und dass das eigene Handeln etwas bewirkt. Das finde ich wichtig. Wenn wir uns nicht einsetzen, dann passiert nichts.“

Informationen und Kontakt im Internet:

www.pfadfinder-konstanz.de

„Die haben mir fast das Leben gerettet“

Erik Ruckebier (41), Lehrer an der Geschwister-Scholl-Schule und Leiter der Wölflinge vom Pfadfinderstamm Bruder Klaus, über den Wandel und die Werte der Pfadfinder.

Herr Ruckebier, Sie sind vor 30 Jahren Pfadfinder geworden. Was hat Sie damals zur Jugendgruppe geführt?

Ich bin über Freunde zu den Pfadfindern gekommen, bin einfach mal mitgegangen und dachte sofort: Das ist genau meins. Es war ein sozialer Treffpunkt mit anderen Jugendlichen. Es gab keine strengen Regeln wie im Sport oder in der Kirche. Wir haben zusammen Spaß gehabt und Blödsinn gebaut. Mit zehn, elf Jahren habe ich eine Axt in die Hand bekommen und durfte einen Tag auf Baumstämmen rumhämmern, das war für mich klasse. Später haben mir die Pfadfinder fast das Leben gerettet: Anstatt mit den Jungs rumzuhängen, die gekifft haben, habe ich bei den Pfadfindern gemerkt, dass man mit anderen Jugendlichen rumhängen kann und Spaß hat, ohne dass man dabei abstürzen muss.

Wie hat sich das Pfadfindersein über die letzten Jahrzehnte verändert?

Insgesamt sind es natürlich deutlich weniger geworden. Ich habe vor fünf Jahren erlebt, wie ein Stamm zu Grunde gegangen ist, weil nicht genügend Teilnehmer da waren. Vor allem ab 14, 15 Jahren brechen viele Mitglieder weg, weil es in dieser Altersstruktur eben andere Interessen gibt. Sonst hat sich kaum etwas verändert. Die Werte, die Inhalte sind genau die, die ich damals erfahren habe. Es hat sich vielleicht insofern verändert, dass die Leiter-Ausbildung professioneller geworden ist. Damit sind die Chancen besser, unsere Werte auch zu vermitteln. Aber für die Kinder ist es das Gleiche geblieben: Gemeinsam sind wir stark. Hier finden alle Anschluss, auch die, die vielleicht zu Hause Probleme haben. Hier kann jeder herkommen, es ist eine sehr offene Gruppe für alle.

Sie haben auch die eigenen Kinder zu den Pfadfindern gebracht. Warum war Ihnen das wichtig?

Ich wollte meinen Kindern die Möglichkeit geben, hier reinzuschnuppern und bin dann selbst wieder reingerutscht. Für mich ist aber der Hauptaspekt, dass es eine nicht leistungs orientierte Jugendorganisation ist. Es geht nicht um Leistung und Können, nicht darum, besser oder toller zu werden. Hier kann ich sein, wie ich bin und meine eigenen Erfahrungen machen. Es ist nicht wie beim Fußball: Wenn du nicht ins Training kommst, dann spielst du auch nicht. Hier spielt jeder mit, kann Kontakte knüpfen, Gutes für sich selbst und für andere machen.

Ihre Meinung ist uns wichtig
Adventskalender - weil Vorfreude die schönste Freude ist
Neu aus diesem Ressort
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren