Natürlich war ich am Samstag draußen. Ich habe mein neues Kleid angezogen – es ist ein Hemdblusenkleid mit großen Punkten. Und ja, es hat mich glücklich gemacht, denn ich bin ein im konsumorientierten Kapitalismus aufgewachsenes Geschöpf. Und ja, ich bin mir des Trügerischen dieses Glücks bewusst. Aber wie viel Glück bekommt man schon in diesen Tagen?

Raus aus der grauen Jogginghose

Ich zog also dieses schöne Kleid an – und ich glaube, auch im Gesicht meines Freundes ein kleines Lächeln darüber wahrgenommen zu haben, immerhin sah er mich die vergangenen Wochen nur in einer wahlweise grauen oder schwarzen Jogginghose – und wir marschierten los, Hand in Hand, Richtung See. Der Wind ließ mein Kleid flattern, die Sonne schien uns auf den Schopf, das Smartphone sagte, es seien 15 Grad. Ein perfekter Frühlingstag.

Verzückte Mienen überall

Die ersten 200 Meter waren wir noch relativ einsam, nur hier und da saßen im Paradies Einzelne auf der Wiese. Je näher wir dem See kamen, desto mehr Menschen begegneten uns. Viele mit verzückten Mienen, mit diesem Ausdruck im Gesicht, der sagt: Endlich einmal wieder bewusst Rausgehen und Genießen, was wir in Konstanz Wunderbares haben: den Bodensee, das glitzernde Licht auf seinen kleinen Wellen, seinen Geruch – finden Sie nicht auch, dass er nach Freiheit riecht?

Das könnte Sie auch interessieren

Auf zum Hörnle!

Unser Plan war, vom Seerhein zum Hörnle zu schlendern. Kaum erreichten wir das Ufer, fuhr ein Polizeiauto vorbei. Kurz darauf trotteten vier junge Männer im großen Abstand zueinander den Weg entlang, einer schimpfte: „Lasst uns woanders hin, sonst nervt uns die Polizei nochmal.“

Es waren zu viele. Wir waren zu viele

Uns entgegen kamen immer mehr Fußgänger und Jogger, nahezu auf jeder Bank am Ufer hatten Personen Platz genommen. Sie lagen am See, sie lasen, sie redeten. Alle versuchten, Abstand zu halten, aber selbst die Diszipliniertesten schafften es nicht. Es waren einfach zu viele Menschen, die den See genießen wollten. Zu viele, um die man sich herumschlängeln musste. Wir waren zu viele.

Sie haben die Geschäfte zugemacht und die Innenstadt ist leer, den See können sie aber nicht zumachen.

Spätestens, als ich es nur mit knappem Abstand an einer grauhaarigen Frau mit Rollator vorbei schaffte, war meine Sonnen-, Kleid- und See-Verzückung dahin. Weil mir klar wurde: Sie haben die Geschäfte zugemacht und die Innenstadt ist leer, den See können sie aber nicht zumachen. Wir werden es so nicht schaffen, die Krankheit einzudämmen. Nicht ohne größere Disziplin, nicht in Konstanz, an diesem verlockenden, bösen See.

Mein Freund und ich spazierten wieder nach Hause. Es wird der letzte Ausflug zum See für eine Weile gewesen sein, dachte ich, und schämte mich gleichzeitig, weil ich nicht nachgedacht hatte. Am Abend wusch mein Freund Wäsche. Meine graue Jogginghose war auch dabei.

75 Jahre Geschichte. 75 Jahre Erfahrung. 75 Jahre Journalismus. Sichern Sie sich jetzt für kurze Zeit ein ganzes Jahr zum Jubiläumspreis von 75 €.