Den ersten Applaus im 1000-Quadratmeter-Saal gibt es bereits nachmittags, als die Eröffnung noch gar nicht begonnen hat. Die geladenen Gäste des Festakts stehen lose zwischen den Stühlen im Bodenseeforum, als ein durchdringender Warnton erklingt. Feueralarm offensichtlich, aber das neue Haus hat offenbar einen sehr ausgeprägten Startbonus. Alle scheinen sich sicher zu sein, dass da einfach die Technik noch nicht richtig funktioniert. Niemand hetzt zu den neuen Fluchttüren, niemand wird auch nur ansatzweise nervös. Als das Jaulen endlich vorbei ist, brandet Beifall auf. Auch wenn die Handwerker und Bodenseeforum-Geschäftsführer Thomas Karsch alles getan haben, den Eindruck des Unfertigen zu vermeiden – die Gäste wussten es offenbar besser.

Aurelia Scherrer
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So startet auch der Abend, an dem Konstanz sein neues Haus und die Industrie- und Handelskammer ihre neue Zentrale feiern. So gelassen und unaufgeregt, wie das Projekt in der öffentlichen Wahrnehmung aufgelaufen war. Nichts ist am Eröffnungsabend mehr zu spüren von den harten Kämpfen um ein Konzert- und Kongresshaus auf Klein Venedig. Selbst Skeptiker der Investition – die Stadt lässt sich ihren Gebäudeteil immerhin 17,5 Millionen Euro kosten, und ob das Haus jemals schwarze Zahlen schreiben wird, ist unsicher – wie Stadtrat Günter Beyer-Köhler (Freie Grüne Liste) scheinen ganz erfreut, dass das Bodenseeforum jetzt tatsächlich an den Start geht.

Auch der ganze Bürgerabend mit mehreren tausend Besuchern ist vor allem von entspannter Atomsphäre gekennzeichnet. Bereits um 19 Uhr steht eine Menschentraube vor dem Bodenseeforum. Punkt 19.30 Uhr intoniert der Musikverein Eintracht Petershausen das erste Stück, die Türen öffnen sich und die Besucher strömen ins Foyer. Die Neugier, der sprichwörtliche Konstanzer Wunderfitz, treibt sie. Jetzt wollen sie wissen, wie gelungen das Gebäuderecycling ist. "Gigantisch. Das sieht richtig toll aus", freut sich Ulrike Längle aus Dingelsdorf. "Solch ein Veranstaltungshaus, dazu noch in dieser Lage: Das hat bisher in Konstanz gefehlt." Gemeinsam mit ihrem Mann Richard studiert sie das Programm und hat die ersten Entscheidungsschwierigkeiten.
 

"Der Saal sieht geil aus!", entfährt es Peter Schottmüller aus Konstanz spontan. Aus der Luft hat er sich das Gebäude bereits besehen. Deshalb bedauert er auch, dass der höher gelegene Innenhof der IHK gehört. "Wäre schön, wenn die IHK dort mal ein Hoffest veranstalten würde", regt er an. Ole Mittelstaedt ist beeindruckt von der "Großräumigkeit und der Professionalität". "Ein toller, neuer Veranstaltungsort", findet er. "Wenn hier mal ein Salsa-Kongress stattfinden würde, das wäre klasse", bringt er schon gleich die nächste Zukunftsvision ins Spiel.

Gegen 20 Uhr werden die Türen zum Saal geöffnet. Der Musikverein Eintracht intoniert die "Fischerin vom Bodensee" und die ersten Zuhörer summen bereits mit. Tobias Bücklein, Oberbürgermeister Uli Burchardt und Bodenseeforum-Geschäftsführer Thomas Karsch begrüßen die Gäste. Natürlich ist Bücklein neugierig und wendet sich an Thomas Karsch: "Ein Umbau, das weiß ich aus Erfahrung, ist immer chaotisch. War es hier der normale oder der abnormale Wahnsinn?" Karsch lacht: "Der abnormale Wahnsinn." Die Stimmung ist gelöst, und Tobias Bücklein warnt die Besucher vor: "Heute Abend wollen wir ein wenig von der Vielfalt präsentieren. Es wird einiges passieren. Es gibt geplantes, aber auch ungeplantes Chaos."
 

Und schon öffnen sich die Türen zu drei weiteren Sälen – der große Veranstaltungssaal präsentiert sich zunächst unterteilt und wird im Lauf des Abends Raum für Raum wieder zurückgebaut. Viele helfende Hände packen an, verschieben Wände und stellen Stühle auf, während das Gros der Besucher an einer der vielen Veranstaltungen teilnimmt. Auch die ganze Technik beeindruckt die Besucher.

Das Konzert von Patrick Manzecchi & Friends ist begehrt – der Raum wegen Überfüllung geschlossen. Ebenso der Kinovortrag von und mit Till Hastreiter. Nur mit Mühe erhascht man einen Blick auf die Leinwand. Konzentriert verfolgt ein interessiertes Publikum die Lesung von Natalie Hüning. Nur leise hört man von nebenan die Jazzmusik – Stresstest für die Schallisolierung. Aber solch unterschiedliche Formate werden im Realbetrieb wohl eher nicht nebeneinander zeitgleich stattfinden.
 

Auf jeden Fall zeigt der Abend die zahlreichen Spielarten, die räumlichen Variationen und die technischen Möglichkeiten auf. Und das faszinierte, wenngleich es manchmal doch sehr eng zuging. Bereits vor 21 Uhr bildeten sich lange Warteschlangen vor dem Haus. Auch die Feuerwehr rückte nochmals wegen eines Fehlalarms an. Aber wieder stört sich niemand, denn alle wissen, dass so etwas beim Premierenabend immer passieren kann. Der facettenreiche Abend gipfelt letztlich in einer rauschenden Party, und tausende Gäste haben einen ersten Eindruck, was in Konstanz jetzt geboten werden kann.


Bild: Aurelia Scherrer

Von der chemischen Fabrik über die Solarforschung bis zum Veranstaltungshaus

Ein Standort mit langer Geschichte: Wo gestern das Bodenseeforum feierlich eröffnet wurde, gab es in den vergangenen 150 Jahren viele verschiedene Nutzungen. 

  • Die Anfänge: Das rechte Ufer des Konstanzer Seerheins ist 1866 und damit vor genau 150 Jahren ein Industriestandort geworden. Wie die Arbeitsgruppe Bodenseeufer für die Stadt Konstanz in einem Gutachten zusammengetragen hat, errichtet in diesem Jahr der Konstanzer Apotheker Richard Spinnhirn eine chemische Fabrik. Aus Holz wird unter anderem Essigsäure und Teer gewonnen. Die Anlagen gehen 1879 auf die Reultinger Industriellenfamilie Bantlin über.
  • HIAG und Degussa: Die Firma Degussa (Deutsche Gold- und Silberscheideanstalt) wächst nach der Reichsgründung schnell zu einem Chemiegiganten heran und führt verschiedene Unternehmen, die Holz durch Verschwelung verarbeiteten, zur Holzkohlungsindustrie HIAG zusammen. Das Unternehmen hat seinen Hauptsitz in Konstanz. Am Seerhein werden unter anderem Essigsäure, Aceton und Teer, aber auch Formaldehyd und ab 1949 auch Blausäure gewonnen. Auch Benzin wird zeitweise hergestellt. Später ist Konstanz vor allem Forschungsstandort, aber auch Massenproduktion gibt es, es entsteht ein erst vor wenigen Jahren abgebauter Bahnanschluss. Ein wichtiges Produkt aus Konstanz sind über lange Zeit L-Aminosäuren für die Lebensmittelindustrie sowie Chemikalien für die Arzneimittelherstellung.
  • Niedergang mit GreatLakes: Weil die Geschäfte nicht mehr gut laufen, verkauft Degussa das Werk 1991 an die US-Firma Great Lakes. Doch auch sie schafft die Trendwende nicht. Zunächst baut sie Arbeitsplätze ab, 2001 versucht sie dann, die Anlagen zu verkaufen. Doch niemand will das Werk übernehmen, also wird es in der Folge geschlossen.
  • Neubeginn mit Centrotherm: Am Ende erwirbt die Stadt das Gelände, ebenso wie das rheinaufwärts gelegene Areal der früheren Texilfabrik Herosé. 2007 beginnt ein städtebaulicher Realisierungswettbewerb, der am rechten Seerhein-Ufer Büros, Gastronomie, Wohnen und Gewerbe vorsieht. 2010 startet der Bau der Firma Centrotherm, die den zum Rhein gewandten Teil des Great-Lakes-Geländes für den Bau eines Forschungs- und Vetriebzentrums gekauft hatte; Konstanz träumt davon, Solarhauptstadt Deutschlands zu werden. Der Kontakt zu Centrotherm kommt über Peter Fath zustande, der bei dem Unternehmen Entwicklungsvorstand ist und vor allem die Kontakte zur Universität Konstanz ausbauen will. Doch als das Gebäude 2012 vollständig fertiggestellt ist, steht Centrotherm bereits kurz vor der Insolvenz. Die geplante Protypen-Fertigung wird nie aufgenommen, die Mitarbeiter verlieren ihre Arbeitsplätze, bevor sie in ihre Büros richtig einziehen können.
  • Verkauf und Umbau: Der Gemeinderat hatte den Verkauf an Centrotherm an hohe Auflagen gekoppelt. Um Spekulation zu verhindern und um den Wirtschaftsstandort Konstanz voranzubringen, steht die Auflage, dass das Gebäue nur für die Forschung über erneuerbare Energien genutzt werden darf. Damit wird der nagelneue Bau fast unverkäuflich, denn in der Branchenkrise findet sich kein anderer Interessent. In Stadt Konstanz und IHK finden sich zwei Partner, die eine andere öffentliche Nutzung anstrebten. Am 21. Mai beschließt der Gemeinderat über den Kauf des Centrotherm-Gebäudes und den Umbau zum Kongress- und Tagungszentrum. Auch die IHK-Vollversammlung beschließt dies 2014 einstimmig. Innerhalb von zwei Jahren wird der grundlegende Umbau des städtischen Teils geplant und bewerkstelligt. Die Stadt investiert 17,5 und die IHK 14 Millionen Euro. Laut Oberbürgermeister Uli Burchardt bleibt das Projekt im beschlossenen Zeit- und Kostenplan. (rau)