Die gleißend hellen Lampen heißen Powermoons und lassen den echten Mond ziemlich düster erscheinen. Jedes einzelne der hochmodernen Teile hat einen eigenen Stromgenerator, und unter der mattweißen Folie tun leistungsstarke Leuchtdioden ihren Dienst. Sie tauchen die Reichenaustraße in fast taghelles Licht, und doch blenden die gewaltigen künstlichen Monde die Bauarbeiter nicht. In den vergangenen zwei Nächten haben sie daran gearbeitet, dass die Autofahrer die Bundesstraße 33 bald wieder wie gewohnt befahren können.

Auf der nördlichen Fahrbahn, von der Moschee bis zu den Gebäuden von Dentsply, ist die Baustelle erkennbar vorangekommen. Die Deckschicht, also der oberste Teil der Fahrbahn, sollte in den frühen Morgenstunden des Samstags fertiggestellt werden. Dann sieht niemand mehr, was im Untergrund alles liegt: teils neue Kanäle und Leitungen, die größtenteils wiederverwendete Tragschicht, die Binderschicht als Zwischenlage. Am Montagabend soll ein weiteres Stück fertig sanierte Reichenaustraße befahrbar sein, Ende des dritten von vier Bauabschnitten.

Auch die Schneckenburgstraße ist damit schon bald keine Sackgasse mehr. Wenn der aus Richtung Sternenplatz betrachtet rechte Teil der B33 fertig ist, wird auch der Engpass aufgelöst, der für beträchtlichen Schleichverkehr in der Markgrafen- und Klingebergstraße gesorgt hatte. Allerdings ist fürs erste nur das Abbiegen jeweils nach rechts erlaubt – also von der stadtauswärts führenden Spur der Reichenaustraße in die Schneckenburgstraße und von dieser in Richtung Radolfzell. Denn der B-33-Teil, auf dem im Moment noch der ganze Verkehr mehr oder weniger fließt, kommt in letzten Bauabschnitt an die Reihe. Bis Weihnachten soll auch das geschafft sein, so die Planung von Stadt Konstanz und der Neubauleitung Singen als zuständiger Dienststelle des Freiburger Regierungspräsidiums.

Dass auch bei diesem Teil der ehrgeizige Zeitplan eingehalten wird, dafür sorgen Männer wie Ralf Wagner. Viele andere haben längst Feierabend, als er am Donnerstag um 22.25 Uhr an seiner Asphaltmaschine steht. Im ersten Schritt hat er sich die Gehwege und andere kleinere Nebenflächen vorgenommen, für die zweite Nacht ist die eigentliche Fahrbahn eingeplant. "Bis zwei oder halb drei" gehe es in dieser Nacht auf jeden Fall, schätzt er. Eine besondere Belastung sei das nicht: "Um diese Zeit kommen wir richtig gut voran."

Weniger Autoverkehr ist nicht nur im Baustellenbereich selbst ein wichtiger Grund dafür, dass rund 20 Mann zu nachtschlafender Stunde ranmüssen. Auch die Lastwagen, die die Bitumenmasse anliefern, kommen dann ohne die tagsüber so häufigen Staus zur Baustelle, so das Regierungspräsidium. Und es laufen nicht ständig Fußgänger durch den noch weichen Straßenbelag. Denn weder Absperrungen noch die Sorge um hartnäckige Verschmutzung der Schuhsohlen konnten sie bisher in dem stark frequentierten Bereich Petershausens davon abhalten, quer durch die Baustelle zu gehen.

Aus diesem Grund kommt auf der Reichenaustraße auch ein neues Verfahren zum Einsatz. Eine dünne Klebeschicht wird flüssig aufgesprüht, damit die nächsten Arbeitsschritte sofort folgen können. Der Vorteil: Die Passanten bekommen keine schmutzigen Schuhe. Und sie tragen die schwarzen Spuren nicht auf das frisch gelegte, helle Pflaster und auch nicht in die Läden, Restaurants, ins Hotel oder das Bodenseeforum hinein. Das Regierungspräsidium habe diese Idee der Baufirma Storz gleich aufgegriffen, heißt es auf der Baustelle.

Einmal noch gibt es, voraussichtlich in Dezember, einen Nachteinsatz. Dann ist die Reichenaustraße wieder fit für die nächsten Jahrzehnte. Die Entwässerung erfolgt dann nicht mehr über herkömmliche Gullys, sondern mit modernen Schlitzrinnen, die auch starkem Regen besser gewachsen sein sollen. Auch die Technik unter der Straße ist bald wieder auf dem neuesten Stand. Und die öffentlichen Kassen sind am Ende um gut zwei Millionen Euro ärmer. So viel kostet die Sanierung von etwa 600 Metern vierspuriger Bundesstraße einschließlich Kreuzungen und Leitungen im Untergrund. Die Kosten teilen sich Bund, Stadt, Stadtwerke und Entsorgungsbetriebe. Die gleißend hellen künstlichen Monde machen davon nur einen winzigen Teil aus.

Teer und Asphalt

Frisch geteert: Wenn Straßenbauer das hören, zucken sie zusammen. Denn als Bindemittel für die kleinen Steinchen im Fahrbahnbelag wird seit 1984 kein Teer mehr verwendet, sondern Bitumen. Beide Stoffe haben viele Eigenschaften gemeinsam. Doch Teer wird aus Holz oder Kohle durch Verschwelung gewonnen, Bitumen ist ein Nebenprodukt bei der Verarbeitung von Erdöl etwa zu Benzin. Teer ist gesundheits- sowie umweltschädlich und muss aufwendig entsorgt werden, während Bitumen aus alten Straßenbelägen wiederverwendet wird.