Eine weiße Rose liegt vor dem Haus in der Tägermoosstraße 23, immer mehr Menschen drängen auf den schmalen Gehsteig vor dem Eingang, mittendrin die 93 Jahre alte Rosemarie Banholzer in Schwarz, gestützt auf einen Stock und von der Enkelin Lisanne Guettinger, doch innerlich stark. Zur Verlegung des Stolpersteins, der an die Zwangssterilisierung und Ermordung ihrer Mutter Berta Amann durch Nationalsozialisten erinnert, trägt sie ein aufrüttelndes Gedicht vor, ein Plädoyer für Frieden und Mitmenschlichkeit. Für diese Botschaft hat sie das Drama ihrer Kindheit öffentlich gemacht: dass die Nationalsozialisten 1941 ihre Mutter ermordeten, weil diese psychisch krank gewesen sein soll, und die Familie mit der Nachricht belogen, Berta Amann sei an einer Thrombose mit folgender Lungenemoblie gestorben.

Einladung an Rosemarie Banholzer

Über die tief bewegende Geschichte Rosemarie Banholzers hatte der SÜDKURIER in seiner Samstagsausgabe berichtet. Jahrzehnte lang hatte die heute 93-Jährige keine Gewissheit, keine Beweise, was die Nationalsozialisten ihrer Mutter angetan hatten. Der letzte Wohnsitz von Berta Amann vor der Heilanstalt Reichenau war in Allensbach, dorthin war die Familie für kurze Zeit gezogen. Doch als Adresse für den Stolperstein hat Rosemarie Banholzer bewusst die Tägermoosstraße gewählt: Es sei der letzte Ort gewesen, an dem sie und ihre Mutter glückliche Tage verbracht hatten. Heutige Bewohner des Hauses haben die 93-Jährige eingeladen, sich Garten und Räume nochmals anzusehen.

Flucht mit einer schwangeren 16-Jährigen

Mitmenschlichkeit geht bei Rosemarie Banholzer auch in schweren Zeiten vor, das zeigen ihre Erinnerungen. Die heute 93-Jährige kam bald wieder nach Konstanz, sie besuchte dort die Höhere Handelsschule. Sie absolvierte Pflichtjahr und Arbeitsdienst im besetzten Frankreich. Als Straßburg von französischen Truppen befreit wurde, suchte Rosemarie Banholzer schnell das Weite – vor allem aus Furcht vor möglichen Übergriffen. Sie nahm ein französisches Mädchen mit, gerade einmal 16 Jahre alt, das schwanger war von einem deutschen Soldaten.

Gunter Demnig bei dem Einsetzen des Stolpersteins. Viele Zuschauer verfolgten diese Gedenkaktion im Pardies. Der Künstler hat am Montag insgesamt 15 neue Stolpersteine an neun Stellen verlegt.
Gunter Demnig bei dem Einsetzen des Stolpersteins. Viele Zuschauer verfolgten diese Gedenkaktion im Pardies. Der Künstler hat am Montag insgesamt 15 neue Stolpersteine an neun Stellen verlegt. | Bild: Rindt Claudia

Suche nach dem Kindsvater

Die 16-Jährige wollte in Donaueschingen nach dem Kindsvater suchen. Er sollte dort stationiert sein, erinnert sich die Dichterin. In einem Kohlewaggon gelangten die beiden jungen Frauen nach Konstanz. Rosemarie Banholzers Vater hatte wieder geheiratet, und inzwischen zwei weitere Kinder, Halbschwestern Rosemarie Banholzers.

Illegal in Konstanz

Die 16-jährige Französin war illegal in Konstanz, "ich hatte sie praktisch versteckt", sagt die 93-Jährige. Der Krieg war vorüber, das Volk erhielt Essensmarken. Diese reichten kaum; galt es doch, die Frau des Vaters, der in russischer Kriegsgefangenschaft war, die Halbschwestern, die schwangere 16-Jährige, einen Onkel und eine Tante sowie sich selbst zu versorgen. Banholzers Glück war, dass sie beim französischen Gouvernement an der Seestraße als Sekretärin anfangen konnte.

Erstes Monatsgehalt: 150 Reichsmark

Die 150 Reichsmark Monatsgehalt mussten wohl überlegt ausgegeben werden. Sie erinnert sich an den Schwarzmarkt im Pfalzgarten. Butter ging zu Höchstpreisen weg. Als Rosemarie Banholzer 1948 im Alter von 23 Jahren heiratete, wollte der Hochzeitsfotograf kein Geld – dafür aber Butter und Schnaps.

Kindsvater war bereits verheiratet und drei Kinder

Die 16-jährige Französin stellte bei der Suche nach dem Kindsvater fest: Er war bereits verheiratet und hatte drei Kinder. Ein Tiefschlag für das Mädchen, das sich illegal in Konstanz aufhielt, und schon bald ihr Kind erwartete. Der damalige Chefarzt der Frauenklinik kam zur Hilfe. Er habe bei den Franzosen einen Aufenthaltsstatus bis sechs Wochen nach der Entbindung erreicht, erinnert sich Banholzer. Das Kind kam zur Welt, und die 16-Jährige kehrte mit ihrem Nachwuchs nach Frankreich zurück. Rosemarie Banholzer berichtet, sie habe sich an deren Eltern gewandt und erreicht, dass diese ihre wegen der Liaison mit dem deutschen Soldaten verstoßene Tochter wieder aufnahmen. Allerdings, so sagt Rosemarie Banholzer, sei die Französin wenige Jahre nach ihrer Rückkehr verstorben.

Neuer Job beim Südverlag

Rosemarie Banholzer blieb ein Jahr bei den Franzosen als Sekretärin angestellt. Dann stellte sie sich bei Johannes Weyl vor. Er hatte 1945 den Südverlag gegründet, aus dem der SÜDKURIER hervorging. Ihr Monatslohn betrug fortan 180 Reichsmark. Sie gebar fünf Kinder. Der alemannischen Mundart war und ist sie verbunden, Tausende Gedichte hat sie geschrieben und unzählige Lesungen gehalten. Älteren Lesern werden noch die Kolumnen „S'Frichtle monnt“, „Siehsches“ und „Lachend in die neue Woche“ bekannt sein. Selbst Beginn ihres Ruhestands 1989, zuletzt war sie Sekretärin in der Lokalredaktion, blieb sie dem Schreiben für ihren SÜDKURIER treu.