Einmal Spitzenkoch, immer Spitzenkoch.

Wenn Bertold Siber aus seinem Leben als erster Starkoch der Republik mit internationaler Reputation erzählt, ergibt das in seiner Gesamtheit ein Fünf-Gänge-Menü auf höchstem Niveau. Dann funkeln seine Augen, dann malt er mit den Händen schwunghaft Bilder in die Luft, zieht die Zuhörer in seinen Bann.

Bertold Siber hätte auch Entertainer werden können.

Das war er ja auch irgendwie – er unterhielt Menschen mit seinen kulinarischen Kreationen und seiner einnehmenden Persönlichkeit.

Vom Streben nach Perfektion

Kochen ist für ihn mehr als das Garen von Lebensmitteln über einem Feuer. Kochen ist für ihn die Kunst, das Leben zu genießen. Der Franzose nennt das savoir-vivre. Das passt zu Bertold Siber. Das, was er macht, möchte er mit savoir-vivre ausfüllen.

Koch-Entertainer unter sich: Bertold Siber mit Alfred Biolek.
Koch-Entertainer unter sich: Bertold Siber mit Alfred Biolek. | Bild: Archiv Siber

Langeweile und Einheitsfraß sind ihm zuwider wie ein lauwarmer, knautschiger Hamburger einer amerikanischen Fast-Food-Kette.

„Ich wollte immer perfekt sein. Das geht nicht immer, aber ich denke, dass uns das oft gelungen ist.“

Bereits in den 70er Jahren war er mit zwei Sternen des Guide Michelin dekoriert. "Damals war das schwieriger als heute", sagt er. "Es gab in Deutschland ja fast niemanden auf Sterne-Niveau."

Es sprach sich landauf, landab schnell herum, dass am südlichsten Zipfele ein außergewöhnlicher Gourmet ein Restaurant führt, wie man es sonst nur in Frankreich findet. Der berühmte Stephanskeller in der Konstanzer Altstadt war dereinst eine der ersten Adressen in Mitteleuropa.

Vom Stephanskeller ins Seehotel Siber

Bertold Siber gelang dann in den 80er Jahren der nahtlose Übergang ohne Qualitätseinbußen in sein mondänes Seehotel Siber in der Seestraße. Wer etwas auf sich hielt, der ging zu dem eloquenten Sterne-Koch am Bodensee, der hochklassige Küche und ästhetische Unterhaltung perfekt miteinander verband.

Präsident und Gourmet: Bertold Siber und Walter Scheel.
Präsident und Gourmet: Bertold Siber und Walter Scheel. | Bild: Archiv Siber

Waren beispielsweise italienische Wochen angesagt, spielten bekannte Musiker vom Apennin, wurde aus hochwertigem Keramik, das eigens eingeflogen wurde, gespeist, die Bedienung trug stets die zum Thema passende Kleidung – edel und maßgeschneidert, nicht von der Stange.

Stars und Sternchen gaben sich die Klinke in die Hand

Die Opernlegenden Anneliese Rothenberger und Jose Carreras, Bundespräsident Walter Scheel, der Barde Herbert Grönemeyer, die Kölschrocker von Bap, Jet-Set-Altstar Gunter Sachs, Entertainer Alfred Biolek, die Märchenprinzessin Soraya von Persien, König Carl Gustaf von Schweden, arabische Scheichs, Minister aus Bonn und Berlin, ganze Regierungen aus Afrika – sie waren alle zu Gast im Stephanskeller oder später im Seehotel Siber, heute das Riva. Die Liste ließe sich beliebig erweitern.

Lennart und Sonja Bernadotte waren ebenfalls gerne gesehene Gäste bei Bertold Siber.
Lennart und Sonja Bernadotte waren ebenfalls gerne gesehene Gäste bei Bertold Siber. | Bild: Archiv Siber

In mehreren Alben hat der heute 75-Jährige seine Karriere mit Bildern und ausgeschnittenen Artikeln dokumentiert. Kaum eine Illustrierte, die ihn nicht auf der Titelseite platziert hätte.

Er trat in TV-Shows auf, war in Werbespots zu bester Sendezeit zu sehen oder gesellte sich im Kreise der ganz Großen der Kochzunft – Paul Bocuse, Eckart Witzigmann, Roger Vergé oder Johann Lafer. Er arbeitete in und für die besten Häuser in Frankreich, der Schweiz, Florida, Hongkong oder auf Mauritius. Für die Lufthansa kreierte er Menüs für die First Class, er belieferte andere Sternehäuser mit seiner Gänseleberpastete oder der legendären Bouillabaisse.

Bertold Siber war lebte im Jet Set, die Stars ließen sich mit ihm ablichten – und noch lieber von ihm bekochen.

Im Siber gab's immer noch einen Absacker

Doch nicht nur Prominente und Stars, auch Generationen von Konstanzern steuerten am Wochenende tief in der Nacht die Siber-Bar an, wenn selbst das Tanzschiff im Hafen seine Pforten geschlossen hatte. Schüler, Studenten, Handwerker, Anwälte oder Beamte – an der Seestraße sammelten sich die Schönen der Nacht, im Siber gab's stets noch einen Absacker.

Anneliese Rothenberger schätzte die Kreationen des Konstanzer Zwei-Sterne-Kochs.
Anneliese Rothenberger schätzte die Kreationen des Konstanzer Zwei-Sterne-Kochs. | Bild: Wolff-Seybold

"Das erzählen mir die damals jungen Leute heute noch", erzählt der Koch lachend. Bei allem Leben auf der Überholspur blieb er stets auf dem (roten) Teppich.

Zitterpartien am Zoll

Bertold Siber war einer der Geburtshelfer für die erfolgreiche TV-Sendung "Essen wie Gott in Deutschland", die es auch in Buchform gab. Sein Credo: Wer Erfolg haben möchte, darf sich nicht mit der zweiten oder dritten Reihe zufrieden geben.

„Ich bin einmal pro Woche nach Feierabend mit dem Kleinbus von Konstanz nach Paris gefahren. Dort habe ich auf dem Markt frische Fische, ausgefallenes Obst und Gemüse eingekauft.“

Direkt nach dem Einkauf ging's wieder zurück an de See. "Das war immer ein Lotteriespiel am Zoll", fügt er schmunzelnd hinzu. "In den 80ern musste man ja alles verzollen." Jakobsmuscheln, Mittelmeerfische oder Bressehühner gab es damals in Deutschland selten zu kaufen. "Heute bekommst du das jeden Tag per Lieferservice frisch ins Haus geliefert."

Heute berät er den Nachwuchs

Nach der Schließung des Seehotels 2004 zog er mit seinem Lebensgefährten nach Grasse in Südfrankreich. In Konstanz berät er hin und wieder aufstrebende Köche. So ist Siber ein Mentor des Sternekochs Jochen Fecht, der mit Restaurantfachmann Thomas Haist das San Martino führt.

"Für mich es eine Ehre, wenn uns eine Kochlegende wie Bertold Siber unterstützt." Der heutige Sterne-Koch Jochen Fecht vom San Martino (rechts) und Bertold Siber, der heute in Südfrankreich lebt und hin und wieder zurück nach Konstanz kommt.
"Für mich es eine Ehre, wenn uns eine Kochlegende wie Bertold Siber unterstützt." Der heutige Sterne-Koch Jochen Fecht vom San Martino (rechts) und Bertold Siber, der heute in Südfrankreich lebt und hin und wieder zurück nach Konstanz kommt. | Bild: Oliver Hanser

Siber stellte 2013 den Kontakt zu San Martino-Inhaber Michael Ebert her. Als Gastkoch hat der Gourmet persönlich für die beiden geworben. Bertold Siber – einmal Spitzenkoch, immer Spitzenkoch.

Enchanté, monsieur Siber.

11. September 1996: Schüsse auf Siber und was dahintersteckte

  • Der Tag: Bertold Siber selbst bezeichnet den 11. September 1996 als den "schwärzesten Tag meines Lebens". Der Koch wird in der Nacht auf den 12. September in seinem Haus in der Haydnstraße niedergeschossen und entkommt nur knapp dem Tod.
  • Der Einbruch: Am Abend jenen Tages macht Bertold Siber früher Feierabend als sonst und geht heim ins Bett – er will am nächsten Tag für ein Fußballspiel mit der Kochnationalmannschaft ausgeschlafen sein. "Ich wachte plötzlich auf und sah am Bett meines Lebensgefährten, der zu der Zeit noch arbeitete, einen schwarzgekleideten Mann." Der Einbrecher kommt mit gezückter Pistole zu Bertold Siber und fordert ihn auf, mit ihm hinunter ins Wohnzimmer zu gehen. Hier werden zwei Komplizen ins Haus gelassen, die sofort mit der Untersuchung der Räume beginnen.
  • Der Fluchtversuch: Der Maskierte geht mit Bertold Siber in den Keller. In einem unbeobachteten Moment flieht der Koch in den nächsten Kellerraum und von dort in die Waschküche – der Einbrecher jedoch kommt sofort mit seinen Kumpanen nach.
  • Die Schüsse: Sie eröffnen das Feuer – ein Schuss trifft Siber in die linke Brust, nur wenige Millimeter neben das Herz. Die Täter fliehen. Siber verliert 3,5 Liter Blut, kämpft sich aber noch auf die Straße, wo er vor seinem mit dem Auto herannahenden Lebensgefährten zusammenbricht. Die Ärzte retten sein Leben.
  • Die Strafe: Erst 2000 kann einer der Täter identifiziert werden – dank Speichelprobe, die nach dem Feststellungsgesetz entnommen worden war. Er erhält eine elfjährige Freiheitsstrafe. Die beiden anderen Beteiligten sind nie festgenommen worden.