Konstanz Beim Fasnachtskonzert der Philharmonie biegen sich die Balken

Tobias Bücklein und die Südwestdeutsche Philharmonie fordern bei ihrem Fasnachtskonzert das Publikum. Ständig muss es abwägen, was Wahrheit und was Fake News sind.

"Fake News" als Motto des Fasnachtskonzerts der Südwestdeutschen Philharmonie (SWP): Das wollte sich der Dirigent, Chansonnier, Moderator, Musikkabarettist und Inhaber einer Show-Manufaktur nicht entgehen lassen: Tobias Bücklein stieg zum vierten Mal in Folge aufs Fasnachtspult im Konzil. Da galt es zu allererst, dem zweimal vollen Saal klar zu machen: Das wird ein Abend, bei dem man mitdenken muss: Was ist Wahrheit? (Diese Frage stellte auch mal Pontius Pilatus). Was ist Lüge? (Das muss heutzutage ja bis in den letzten Winkel Deutschlands, also Konstanz, auf englisch gefragt sein.) Unglaubliches aus Zeitungen stellte der Pultmaster seinem Publikum zur Entscheidung vor, und da gab es weitaus Unglaublicheres, als dass Beat Fehlmann nun doch der SWP treu bleibt.

Aber der Reihe nach: Bücklein denkt zyklisch, und so eröffnete er den musikalischen Teil nach der "Abschieb-Sinfonie" von 2016 jetzt mit Haydns "Ankunftssymphonie": Eher unmotiviert schlurften die Musiker (gefühlt 9 Uhr morgens) nacheinander aufs Podium, fingen an zu stimmen und zu üben und ließen sich schließlich zum Probenbeginn überreden; dass das noch nicht geschliffen klang, sondern voller Fehler war, lag daran, dass wohl jede Menge falscher Noten aufgelegt waren. Aber dann waren die SWPler eingestiegen und blieben in jederlei geforderter Musik wach bis zum Konzertende. Unterdessen wurde großes Info-Material im Saal gereicht: Die "Entenpost" aus Papier von gefällten Konstanzer Pappeln, prall voll von gefakten News vom Bodensee und dem tollen Abendprogramm samt Bach-Choral zum Mitsingen. Haupt-Ente war Beat "Brille" Fehlmann, der sich diesmal eher zurückhielt; immerhin servierte er einen Ententanz von Format, bevor er sich auf den Weg nach Ludwigshafen machte.

Kurzweiliges musikalisches Ratespiel: Wer kann Fremdmotive in der "Nicht gerade kleinen Nachtmusik" erkennen? Da wäre Nachsitzen des Publikums nötig: Mehr als drei der vielen versteckten Melodien konnte es nicht aufzählen. Da griff Bücklein dann lieber zur eigenen Stimme und servierte als gesangliche Meisterleistung samt brillanter Koloraturen Händels Messias-Arie "Warum denn toben die Heiden?" Nein! Er sang natürlich: "Warum denn kaufen die Schweizer?"

Die Stimme aus dem Hintergrund

Themenwechsel: Es ist Fasnacht, und das hat mit Narrenvereinigungen zu tun; da wurde der Moderator zum Musikwissenschaftler und entdeckte im Keller der Lutherkirche (gibt es den überhaupt?) uralte Manuskripte, die bewiesen, dass der älteste Konstanzer Narrenverein – horribile dictu! – ein protestantischer ist und sich "Trampeltiere" nannte. Die frechste Lüge aber leistete er sich mit großartiger Kastraten-Stimme in einem "Fledermaus"-Couplet; gerade noch vor dem Finalton kam's heraus: Das war gar nicht er, sondern der Background-Tenor Moritz Magic von Cube, der sogleich ein weiteres, exorbitantes Solo, gesungen aus dickstem Partiturwälzer, anhängte: Mehr als drei popartige Töne waren in dem Stockhausen-Stück für ihn nicht drin. Fazit: "Alles nur geklaut", gab das Ensemble den Hörern in die Pause mit.

Danach eine veritable Bach-Kantate: Aus Äolus, dem griechischen Gott der Winde, wurde der Autobus voller Schwaben aus der Drogeriemarkt-Stadt Ulm: Ein Abgesang auf die Verödung unserer Marktstätte! Auflauf von Volk, Polizei, Feuerwehr, OB; ein ganz entscheidender Vorschlag kam da vom bassgewaltigen Bürger Marcus Kerbholz (bürgerlicher Name: Nabholz): Baut ein Kulturkino zwischen Windeln und Handcremes ein! Diese Geschichte sang der "Evangelist" von Cube hinreißend Bach-nah, während die SWP ihre liebe Not mit der historischen Aufführungspraxis hatte: Schrille Signale und wüste Patzer konnten den heiligen Bach trotzdem nicht entweihen, und der vom Volk gesungene Burchardt-Choral endete auch kläglich.

Publikum ist jede Sekunde gefordert

Zurück zu den Trampeltieren: Sie brauchen einen neuen Präsidenten, und es bewarben sich unter türkischen Mozart-, amerikanischen Song- und russischen Taigaklängen die vier gefürchtetsten Diktatoren des Globus: Erdogan, Kim Jong Un, Trump und Putin, herrlich vereint in verlogenem Terzett "Ein Feind, ein guter Feind". Da schufen die drei Sängerhelden Nabholz, von Cube und Bücklein Weltmusik von Rang! Allerdings wurde dem Bücklein vorher der Taktstock von Ari Rasilainen entrissen, der als Dunkler Vater aus "Star Wars" eingeschwebt war und die SWP zum gloriosen Ende führte.

Neu war diesmal das alles umfassende "Leitmotiv":Das war so voll von fantastisch servierten Anspielungen, musikalischen Gags und Absurditäten aus Konstanz und der Welt, dass man jede Sekunde dranbleiben musste, sonst hatte man wieder eine Pointe verpasst. Der überlange Applaus führte noch zu "Wochenend und Sonnenschein": Eine Idylle: Konstanz im Winter! Da simmer nämlich unter uns!

Anspruchsvolles Konzept

2015 übernahm Tobias Bücklein erstmals das Fasnachtskonzert der Südwestdeutschen Philharmonie (SWP). Sein konsequent verfolgtes Konzept bewegt sich musikalisch auf hoch gehängter Latte symphonischer, Bühnen- oder auch Schlagermusik und deren kabarettistischer Umarbeitung, die er selbst arrangiert und dirigiert. In den Moderationen greift er aktuelle lokale und weltweite Themen bissig oder humorig auf und bindet dazu regelmäßig lokale Größen als Gäste singend und agierend ein: Bernd Konrad, Beat Fehlmann, Be Ignacio, Barbara Mauch, Steffen Schreyer, Ari Rasilainen und Marcus Nabholz waren bisher dabei.

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