Rolf und Erika Bölle aus dem Buhlenweg in Wollmatingen sind liebenswerte und gastfreundliche Menschen. Kommt Besuch, gibt’s selbst gebackenen Kuchen und frisch gebrühten Kaffee. „Das gehört dazu, das machen wir sehr gerne“, sagt Erika Bölle und ihr Ehemann nickt zustimmend. In den Genuss dieser offenen Arme kommen nicht nur Mitmenschen. Auch Vögel sind gerne gesehene Gäste bei dem Ehepaar. Doch der Reihe nach.

Vor zehn Jahren besuchten die Bölles einen Bauernmarkt im Markgräflerland. Dort erstanden sie ein Füllhorn aus Korb, das auf dem Balkon seinen Platz finden sollte. Blumen sollten dort hinein. Den Sommer verbringen die beiden gerne mit Freunden hier draußen. Von hier aus blickt man ins Grüne, die hohen Bäume im Vorgarten der Anlage erwecken den Eindruck, als würde man sich hier mitten im Wald aufhalten. Idylle auf Balkonien.

„Wir haben das Füllhorn im Eck auf dem Balkon aufgehängt und wollten die Blumen besorgen“, erzählt Rolf Bölle. „Doch der Graue Fliegenschnäpper war schneller und schon war das Füllhorn besiedelt.“ Sie wollten ihren Augen nicht glauben: Ein Pärchen baute sich ein Nest und legte fünf Eier hinein. Lisa Maier vom Naturschutzbund Nabu: "Das ist selten, dass sie so nah am Menschen brüten und man sie so gut beobachten kann."

Als das Gelege vollständig war, begannen die Vögel mit der Bebrütung. Spätestens jetzt dürfen die Vögel nur noch aus der Ferne und am besten mit einem Fernglas beobachtet werden. Bei häufigen Störungen könnten die Vögel ihre Brut im Stich lassen, um an einem geschützten Ort einen neuen Brutversuch zu beginnen. "Wir betreten im Mai und im Juni so gut wie nie den Balkon", berichtet Rolf Bölle. Das Ehepaar kann stundenlang am Esstisch sitzen und den Vögeln zuschauen. Es wäre übertrieben, von einer Freundschaft zu reden. Graue Fliegenschnäpper gelten nicht unbedingt als empathische und emotionale Tiere. Doch die Tatsache, dass seit zehn Jahren jedes Jahr das Füllhorn als Brutstätte genutzt wird, spricht für ein spezielles Verhältnis der Tiere zu den Bölles. Der Naturschutzbund Nabu geht davon aus, dass hier geschlüpfte Jungtiere aufgrund der guten Erfahrungen zurückkommen auf den Balkon, um ihre Brut hier ebenfalls hochzuziehen.

Rolf Bölle ist seit jeher ein Vogel-Fan. In seiner Kindheit im Sierenmoos baute er den elterlichen Balkon zu einem großen Vogelkäfig um und züchtete Wellensittiche und Zebrafinken. Im Alter von 21 Jahren endete die Leidenschaft aufgrund eines tragischen Erlebnisses, wie er erzählt: "Damals lagen nach dem Seenachtsfest acht violette Wellensittiche tot auf dem Boden. Wahrscheinlich sind sie wegen des Lärms an einem Schock gestorben." Rund 60 Jahre später eroberte ein Paar Graue Fliegenschnäpper das Herz des ehemaligen Postlers und leidenschaftlichen Fasnachters sowie seiner Frau. Gastfreundlichkeit scheint sich herumzusprechen. Auch unter Vögeln.


Grauer Fliegenschnäpper

Von Europa bis in die Mongolei ist der Schnäpper weit verbreitet. Er benötigt hohe Bäume für die Insektenjagd. In Deutschland ist die Anzahl mit 20 000 Brutpaaren stabil.