Das ist Futter für die Bürgergruppe, die für den Erhalt der mächtigen Pappel am Seerhein gegenüber den Neubauten der HTWG kämpft. Der Schweizer Baumexperte Fabian Dietrich sieht die Pappel, in der viele Turnschuhe hängen, als keineswegs bruchgefährdet an, sondern spricht sich klar für den Erhalt aus. Nach einer Begutachtung vor rund 40 interessierten Bürgern sagte er, er halte den Baum für standsicher, aber pflegebedürftig. Vor allem ein in die Straße ragender Ast müsse dringend gekürzt und gesichert werden. Dieser könnte ansonsten brechen. Dies sei allerdings ein uraltes Problem des Baumes und er frage sich, warum diese Gefahr nicht schon vor langer Zeit beseitigt wurde.

Die Politik soll das Thema noch einmal diskutieren

Gisela Kusche von der Freien Grünen Liste will das Thema Pappel in die Politik bringen. Sie hat für die Sitzung des Technischen Ausschusses, am Dienstag, 16. Januar, eine Diskussion über Möglichkeiten zum Erhalt des Baumes beantragt. Die Pappel sei markant und stadtbildprägend am südlichen Rheinufer und habe aufgrund seiner Größe eine hohe ökologische Bedeutung, so ihre Begründung. Davor wollen Bürger mit Aktionskunst für den Baum werben. Das alles erinnert nicht zufällig an das Vorgehen der Initiative, die vor drei Jahren mobil machte gegen die Fällung der Pappeln im Tägermoos. Christel Thorbecke, die zum Motor der damaligen Bürgerbewegung gehörte, setzt sich nun auch für die Pappel am Seerhein ein und hatte Fabian Dietrich zur Begutachtung des Baums mit mehr als sechs Metern Stammumfang nach Konstanz geholt. Dietrich war auch im Tägermoos-Konflikt als Experte der Bürgergruppe beigezogen worden. Auch damals war er zu dem Schluss gekommen, dass die Pappeln sicher seien, wenn man sie ausreichend pflege.

Wie der Experte zum Urteil "top vital" kam

Am Seerhein rückte der Experte mit einem Holzhammer an, er beklopfte den Baum, nahm seine Rinde unter die Lupe, umrundete die Pappel in verschiedenen Abständen, betrachtete sie intensiv von der Krone bis zu den Wurzeln. Er sagte, ihn interessierten weniger die Schäden am Baum als der Umgang der Pflanze damit. Er kam zu dem Schluss, der Baum am Seerhein sei sehr gut in der Lage, Schäden zu kompensieren. So sei der Baum zwar hohl, aber stabil, ähnlich wie ein Rohr. Er attestierte der Pappel eine enorm hohe Grundsicherheit. Denn der Baum zeige reges Wachstum, was an bestimmten Rissen zu erkennen sei. Der Experte verglich den Baum mit einem Teenager: "Er wächst wie wild. Er ist top vital."

Warum die Stadtverwaltung die Pappel fällen will

Der Zuwachs sei vor allem an der Seite zum Seerhein zu erkennen. Er empfahl dort dringend, große Steine einer ehemaligen Mauer zu beseitigen, die durch den Baum schon bewegt wurden, und die die Pflanze am Wachstum hinderten. Der Baum habe auch Schwachstellen: So gebe es am Ansatz des markanten Asts, der in die Straße ragt, einen alten Riss. Um einen Abbruch zu verhindern, müsse der Ast gekürzt und gesichert werden. Das Problem mit dem Ast sieht auch die Stadt Konstanz. Die kritische Stelle habe durch einen Sturm im August weitere Schäden davon getragen. Experten der Stadt plädieren deshalb für das Fällen. Fabian dagegen spricht sich für intensive Pflege aus. Unter anderem sei es notwendig, Totholz zu entfernen.

Barbara Koutney heftet eine Liebeserklärung an die Pappel, die nun gefällt werden muss. Bild: Claudia Rindt
Barbara Koutney heftet eine Liebeserklärung an die Pappel, die nun gefällt werden muss. Bild: Claudia Rindt | Bild: Claudia Rindt

Kritiker betonen den ökologischen Wert des Baums

Auf Nachfragen aus dem Publikum, wie der mächtige Baum im Vergleich zu den anderen am Seerhein zu bewerten sei, sagte Dietrich. "100 Jungbäume ersetzen diesen Baum in keiner Weise." Sein ökologischer Wert liege weit über allen Bäumen, die er am Standort der Pappel an beiden Seiten des Seerheins erkennen könne. Aus ökologischer Sicht seien gerade die Hohlräume für Vögel und Insekten interessant. Der Baum biete hunderten Wesen Lebensraum. Fabian Dietrich fragt sich angesichts seiner Erkenntnisse, ob es der Stadt vor allem darum gehe, sich die Pflegekosten zu sparen, wenn sie den Baum fällen wolle. Grundsätzlich stellte Dietrich fest, vor einem Orkan sei kein Baum sicher, egal wie gut gepflegt er sei.

Auch aus der Schweiz gibt es kritische Nachfragen

Der grüne Kantonsrat Jost Rüegg setzte noch eines drauf: Er fragte, warum die Stadt angesichts des angekündigten Sturms Burglind die Straße am Baum nicht absperrte, obwohl sie einen Bruch des dicken Asts offenbar für möglich hält. "Entweder war das grob fahrlässig oder man weiß, der Ast fällt nicht." Rüegg warb mit emotionalen Worten dafür, den Baum zu erhalten: "Alte Bäume wie alte Menschen können schön sein, auch wenn sie am Stock gehen." Er hat den Eindruck, dass manche Bäume weichen sollen, weil sie als nicht schön genug angesehen werden.

Christel Thorbecke hält die Pappel sogar für ein Naturdenkmal

Unter den 40 Bürgern, die zum Termin am Seerhein gekommen waren, würden einige es als Sünde betrachten, den Baum ohne Not zu fällen. "Konstanz kann stolz sein, einen solchen Giganten zu haben", sagte Barbara Koutney, die nach eigenen Angaben schon in der Wildnis von Kanada gelebt hat. Ein anderer sprach von der "trotzigen Aura" des Baums, die ihn beeindrucke. Beweise dafür, dass der Baum wirklich krank und reif zum Fällen ist, forderte Edith Ehestädt, die sich jeden Tag in der Natur bewegt. Ein jüngerer Mann plädierte dafür, die Natur nicht ständig aus der Stadt zu drängen. Der Bezug zur Natur gehe ansonsten völlig verloren. Christel Thorbecke will den Baum auf die Liste der Naturdenkmäler setzen lassen.

Wo die Stadt Konstanz ebenfalls Bäume fällen will

Fast jeden Winter kündigt die Stadt die Fällung einiger Bäume an, die sie für stark geschädigt oder abgestorben hält. Auf der Fäll-Liste dieses Winters standen fast 60 Bäume, darunter markante Exemplare: die letzte Linde in der Oberen Laube, deren Wurzeln geschädigt sein sollen, der Turnschuhbaum am Seerhein, der durch einen Sturm im August Schäden davongetragen haben soll, ein faulender Silber-Ahorn im Stadtgarten und die Douglasie beim Kindergarten St. Georg in Allmannsdorf, die zum Astabwurf neigen soll und als nicht mehr sturmfest gilt. Immer wieder gab es Debatten um Fällentscheidungen, aber nie zuvor einen solchen Sturm der Entrüstung, wie vor drei Jahren im Tägermoos. Damals wurden 41 Pappeln an der Spaziergänger-Allee am Seerhein abgesägt.

Bürger verhinderten weitere Fällungen. Inzwischen versucht die Stadtverwaltung Kontroversen vorzubeugen, indem sie frühzeitig über Eingriffe informiert. In der Nachbarschaft zum Turnschuhbaum wurden vor einigen Jahren Pappeln gefällt und durch Jungeichen ersetzt. Damals gab es keinen Protest.