Senad und Dose sind zwei Hipster mit einem Traum: Konstanz in ihren Lieblingskiez zu verwandeln. Sie gründen die Rhymathafen Gastronomie GmbH, betreiben das Szenelokal Wohnzimmer und verleihen Konstanz eine Prise Berlin. So zumindest würden wohl Senad Kalajdzisalihovic und Dose alias Simon Wiesinger die Geschichte erzählen.

Vorausgesetzt sie würden mit Journalisten sprechen.

Doch das tun sie trotz mehrfacher Kontaktversuche über unterschiedliche Kanäle nicht. Sie äußern sich weder über die seit April laufende Insolvenz, noch über schwere Vorwürfe gegen sie.

Chaotischer Führungsstil, emotionaler Druck, Wutausbrüche, Sexismus

Recherchen des SÜDKURIER haben ergeben, dass weit mehr hinter der Insolvenz von Rhymathafen zu stecken scheint als gastronomische Unerfahrenheit.

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Mindestens sieben ehemalige Mitarbeiter geben an, über längere Zeit gar keinen oder nicht den vollständigen Lohn erhalten zu haben. Sie berichten von chaotischem Führungsstil, emotionalem Druck, Wutausbrüchen und sexistischen Sprüchen.

Was ein früherer Service-Chef im Wohnzimmer erlebt hat

John Sakthisivantha arbeitete zwischen 2016 und 2017 als Service-Chef im Wohnzimmer. Gerichtsdokumente, die dem SÜDKURIER vorliegen, ergeben, dass ihm in zwölf Monaten nicht ein einziges Mal sein vollständiges Gehalt ausbezahlt wurde.

Im März 2018 verurteilte das Arbeitsgericht Villingen-Schwenningen die Rhymathafen GmbH zu Zahlungen des ausstehenden Gehalts im mittleren vierstelligen Bereich. Auch seine Tätigkeit wurde nie korrekt angemeldet, sodass seitens Rhymathafen noch höhere Summen bei Finanzamt und Krankenkasse zu begleichen sind.

"Ich will dich jetzt hier auf dem Sofa nehmen"

Sakthisivantha beschreibt Kalajdzisalihovic und Wiesinger zwar als extrem unorganisiert, wirft ihnen aber dennoch kalkuliertes Ausnutzen der Mitarbeiter vor. Wiesinger gebe den verplanten aber netten Chef, während Kalajdzisalihovic unberechenbar auftrete und zu teils extremen Wutausbrüchen neige.

Gegenüber Mitarbeiterinnen habe er außerdem sexistische Kommentare, wie “Ich will dich jetzt hier auf dem Sofa nehmen“, geäußert. Mitarbeiter seien gezielt gegeneinander ausgespielt worden. Wer gerade gemocht wurde habe sein Geld bekommen, andere nicht.

Sakthisivantha sagt: „Hätten Senad und Dose den Laden sauber geführt, hätte er gar kein Geld abgeworfen. Das Grundproblem ist – egal, wie häufig sie das Wohnzimmer eröffnen – sie sind keine Unternehmer. Sie haben sich immer nur an dem Laden bereichert.“

Sakthisivanthas Geschichte ist kein Einzelfall

Auch Ghertrude Brasoveanu arbeitete 2016 im Wohnzimmer in der Küche und im Service. Ihren Lohn habe sie nur im ersten Monat vollständig erhalten, erzählt sie. Nach etwa sechs Monaten habe ein vierstelliger Betrag an Gehalt ausgestanden. Die daraufhin vereinbarte Ratenzahlung sei nur einmal erfolgt. Schließlich klagte Brasoveanu das ausstehende Gehalt ein.

Der dem SÜDKURIER vorliegende Schriftverkehr zeigt, dass Rhymathafen auf Zahlungsaufforderungen von Brasoveanus Anwalt nicht reagierte und schließlich im März 2017 das Geld per Zwangsvollstreckung gepfändet wurde.

"Sie geben sich als gute Freunde"

Brasoveanu sagt heute, sie sei „dumm gewesen" und habe sich durch „psychologische Manipulation“ ausnutzen lassen. „Simon und Senad schaffen von Anfang an dieses Vertrauensverhältnis, das es eigentlich gar nicht gibt. Sie geben sich als gute Freunde und so, als seien sie verständnisvoll. Das hat mich dazu gebracht teilweise 14 Stunden am Stück zu arbeiten, ohne dafür bezahlt zu werden.“ Zunächst sei sie vertröstet, später angeschrien worden.

Als sie mehr im Service arbeiten wollte, habe Wiesinger ihr gesagt, dass sie das nicht könne, weil „da ja wirklich Sex in the Air“ sein müsse. Trotzdem ist es Brasoveanu wichtig klarzustellen, dass „Senad und Simon nicht die einzigen sind, die Menschen auf die Art und Weise ausnutzen. Für mich war die Erfahrung beim Wohnzimmer ein notwendiges Übel, um mit offenen Augen und Integrität durch das Leben zu gehen“.

Junge Mitarbeiter sind in der Hochschulstadt schnell ersetzt

Sie hätten das Konzept und den Laden sehr gemocht und das Betreiberduo habe es verstanden, das Gefühl einer gemeinsamen Reise zu erzeugen, erzählen ehemalige Mitarbeiter. Die Kehrseite dessen sei aber gewesen, dass diejenigen, die über fehlendes Gehalt sprachen oder den unvorhersehbaren Führungsstil bemängelten, als Verräter an der großen Sache bezichtigt wurden.

Wer sich wehrte oder das Wohnzimmer verließ, war schnell ersetzt. In der Hochschulstadt Konstanz besteht kein Mangel an jungen und unerfahrenen Arbeitskräften für die Gastronomie.

Probleme mit Schwarzarbeit und baurechtliche Beschwerden

Das für Ermittlungen im Bereich Schwarzarbeit zuständige Hauptzollamt Singen bestätigt auf Anfrage, dass ein Verfahren "gegen einen Gastronomiebetrieb in Konstanz anhängig ist". Weitere Auskünfte erteilt der Zoll mit Verweis auf laufende Ermittlungen nicht. Zusätzlich belasten baurechtliche Probleme das Wohnzimmer in der Schneckenburgstraße.

Die Nutzung der Galerieebene für gastronomische Zwecke wurde durch das Baurechts- und Denkmalamt Konstanz Mitte 2017 untersagt. Dieses baurechtliche Verbot gelte "bis zum Nachweis eines zweiten Rettungswegs. Ein solcher Nachweis wurde bis heute nicht geführt", so Amtsleiter Andreas Napel.

John Sakthisivanta berichtet, dass trotz des Verbots Gäste im Obergeschoss des Wohnzimmers bewirtet worden seien.

Für die Betreiber muss ein Facebook-Post sprechen

Die beiden Hipster vom Lieblingskiez würden die Geschichte des Wohnzimmers wohl vollkommen anders erzählen. Als eine Geschichte von Träumen, Unerfahrenheit, aber besten Absichten. Da sie nicht mit Journalisten sprechen wollen, spricht an dieser Stelle einer der Facebookposts des Wohnzimmers.

Zum zweijährigen Jubiläum hieß es: „Ja, es lief nicht immer alles glatt. Ja, manchmal gab es Reibereien und Streitereien. Ja, man schüttelt manchmal mit dem Kopf. Aber Reibung erzeugt Wärme, lässt Feuer entstehen und Feuer im Herzen ist Wohnzimmer ?.“