Alles fing also als Kohlrabi an. Mit fünf Jahren stand Gregor Müller das erste Mal im Gemüse-Kostüm auf der Bühne des Feuerwehrhauses von Kaltbrunn bei Allensbach. Müller war sozusagen festes Ensemblemitglied der Kindertheatergruppe Kaltbrunn. „Eine super Truppe“, sagt er heute, 31 Jahre später bei einem Treffen im Café Wessenberg.

Nebenan, auf dem Münsterplatz, arbeiten die Bühnenhelfer gerade noch an der historischen Theaterkulisse für das Freilichtspektakel des Jahres: Am 22. Juni zeigt das Theater Konstanz Cyrano de Bergerac nach Edmond Rostand. Am Abend wird zum ersten Mal unter freiem Himmel geprobt.

"Du läufst auf Messers Schneide stets"

Mit dabei ist auch Gregor Müller. Er spielt Le Bret, den mahnenden Freund und Vertrauten der Hauptfigur Cyrano de Bergerac (Ingo Biermann). Während Cyrano de Bergerac, Gardeoffizier und freiheitsliebender Dichter mit spitzer Zunge sowie auffällig unschöner Nase, keine Auseinandersetzung scheut, ist Le Bret besorgt: „Du läufst auf Messers Schneide stets", zitiert Gregor Müller seine Figur.

Ist er denn auch im echten Leben lieber der Mahner, denn der, der gerne streitet? "Ich bin schon eher der Harmonie-Mensch", antwortet Müller. "Bringt ja nichts, sich anzubrüllen. Also ich mag es nicht. Das Potenzial von Menschen entfaltet sich besser, wenn man sich auf einer guten Grundlage begegnet. Das gelte auch für die Arbeit mit Regisseuren, die ja durchaus mal cholerisch werden können. "Ja, solche hab ich auch schon erlebt", erzählt Müller.

"Der ist zu cool, um auszurasten"

Gehört Mark Zurmühle, der Regisseur von Cyrano de Bergerac, auch dazu? „Im Gegenteil. Der ist zu cool, um auszurasten“, antwortet Müller. Verbergen kann er es nicht, wie sehr er nicht nur Schauspieler in seiner Truppe sondern auch Fan ist. "Wenn in den Proben mal was nicht so gut läuft, bespricht er zwei Kleinigkeiten und schon läuft es großartig. Ich schätze seine Arbeit sehr".

Es ist nicht das erste Mal, dass Müller mit Zurmühle zusammenarbeitet. Die beiden haben sich am Theater Lüneburg kennengelernt, wo Müller sechs Jahre festes Ensemblemitglied war. Dort spielte er unter anderem den Hochstapler Felix Krull oder den Mephisto aus Goethes Faust. "Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht; denn alles, was entsteht, Ist wert, dass es zugrunde geht; drum besser wär's, dass nichts entstünde", antwortet Müller auf die Frage nach einer seiner Lieblingsstellen des Stücks.

 "Ich bin gerne der, der sich blind in etwas Gutes stürzt"

"Wir hatten bei dem Stück mal eine Schulklasse zu Besuch und ich habe mit den Schülern darüber diskutiert. Es sind ja viele hochphilosophische Dinge, die da drin stecken." Mephisto, der die christliche Schöpfungsmythologie schwärzt, indem er sagt: Bevor es Licht gab, gab es die Dunkelheit, das Böse. "Mephisto hätte eben gerne wieder die guten alten Zeiten. Das ist schon sehr reaktionär."

Es muss aber nicht immer der Böse sein für Gregor Müller. "Es gibt ja so Schauspieler, die wollen nur die Bösen sein. Aber ich bin gerne der, der sich blind in etwas Gutes stürzt", sagt er. "Ich will lieben." Wie als Ferdinand in Schillers Kabale und Liebe. "Das war so ein Aha-Erlebnis. Reines, anarchisches Power-Theater".

"Ich mag Rollen, bei denen man so richtig aus sich herausgehen muss"

Und wenn er so von der Aufführung erzählt, ohne Punkt und Komma, zwischendurch zündet er sich eine Zigarette an: Dann tut er das so gut, als sitze man gerade selbst in der Aufführung. "Ich mag die Rollen, die nach vorne gehen. Bei denen man so richtig aus sich herausgehen muss. Rollen, die emotional sind. Ich bin nicht so der subversive Typ".

Die Stümer und Dränger, die, die sich ins Abenteuer stürzen, die wahnhaft lieben und sich oft verlieren: das sind die Rollen, die er immer gerne gespielt hat. "Wobei ich mir heute, wenn ich mir die Texte durchlese, schon mal kurz denke: wie bescheuert. Und sie dann aber wieder verstehen kann", sagt Müller und lacht. In der rührigen Vaterrolle allerdings, wie sie ihm kürzlich angeboten wurde, sieht er sich als Schauspieler auch noch nicht so richtig. Dann doch lieber der beste Freund, wie der des Cyrano.

Der 36-Jährige, der mit seiner Freundin in Leipzig wohnt, hat noch einen alten VW-Bus in der Garage stehen und einen Plan, den er schon einmal wegen eines Engagements verschieben musste: eine Weltreise. Bis dahin freue er sich, wieder in Konstanz und Kaltbrunn zu sein. Auch während seiner Zeit in Lüneburg kam er öfter zu Besuch – einmal sogar mit dem ganzen Ensemble, das bei einer besonderen Gastgeberin in Kaltbrunn unterkam: bei der Ortsvorsteherin Elisabeth Müller, seiner Mutter. | Bild: Sandra Pfanner