Sie hatten eigens einen Haufen Sand hergekarrt und fabrikneue Spaten gekauft. Doch das mit den schönen Bildern zur Erfolgsnachricht "Bahnhof Konstanz wird endlich barrierefrei" wollte nicht so recht klappen. Zu groß ist der Frust, dass die Deutsche Bahn die 2009 geweckten Erwartungen nicht längst erfüllt hat. Am Ende wird es 13 Jahre gedauert haben, bis zwei Fahrstühle an die Unterführung angebaut und zwei Bahnsteige um eine Handbreit erhöht wurden. Ein Grund zum Feiern sieht in der Tat anders aus.

Auch die Stadt Konstanz trägt für die Verzögerung Verantwortung

Entsprechend frostig fiel der Empfang für die Vertreter der Deutschen Bahn am Freitag aus. Zurecht verwies Baubürgermeister Karl Langensteiner-Schönborn darauf, dass auch die Stadt Konstanz ihre Mitschuld an der Verzögerung hat. Lange setzte man im Rathaus auf eine neue, breite, sichere und komfortable neue Unterführung, die bis an den Hafen führen sollte. Die Idee ist immer noch gut, aber die Erfahrungen der Radolfzeller mit ihrer Seetorquerung macht für eine Umsetzung nur wenig Mut. Aber gut ist das, was die Bahn mit ihrem engen Tunnel zum wichtigsten Bahnsteig vorhat, trotzdem nicht. 

Selten war es so wahr: Ein Ja mit der Faust in der Tasche

Ist also der Spatz in der Hand nun eben das, womit sich Konstanz abfinden muss? Behindertenbeauftragter Stephan Grumbt sagt, er trage die Minimal-Lösung "mit der geballten Faust in der Tasche" mit, Landtagsabgeordnete Nese Erkli stellte sich zu den Offiziellen wie auch zu ihren protestierenden Parteifreunden von der Freien Grünen Liste mit aufs Bild und stand so sinnbildlich für die Zerrissenheit in dieser Frage. Immerhin, möchte man sagen, hat nicht einmal die Bahn versucht, den Konstanzern diesen mehr als kläglichen Spatz als Taube zu verkaufen.

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Nicht auszumalen, wenn es im engen Tunnel zu einer Panik kommt

Durchschnittlich 50 000 Passagiere benutzen jeden Tag den Bahnhof Konstanz. Die meisten von ihnen dürften froh sein über die Aufzüge und weiter Beklemmung erleben, wenn sie durch die enge Unterführung müssen. Nicht auszumalen, was darin passieren könnte, wenn es einmal zu Panik käme. Dass das Eisenbahn-Bundesamt solche Zustände trotz der vielfachen Warnungen aus dem Konstanzer Rathaus toleriert, ist vollkommen unverständlich. Und das Wort "Notlösung", das Nese Erikli am Rande des Spatenstichs benutzte, bekäme auf einmal einen ganz anderen, noch viel bittereren Beiklang.

Drei Gleise und kaum Platz: Das ist eines Oberzentrums unwürdig

Wer mit dem Zug in Konstanz ankommt, fühlt von Oberzentrum erst einmal nicht viel. Enge Bahnsteige, schmale Unterführung – all das steht in krassem Widerspruch zu einer Stadt mit bald 90 000 Einwohnern. Friedrichshafen, Singen, Radolfzell: Überall sind die Bahnhöfe besser. Und das, obwohl in Konstanz Handlungsdruck besteht. Die Schweiz wird in wenigen Jahren Konstanz mit viel mehr Zügen bedienen und so auch den Konstanzern noch bessere Reisemöglichkeiten ins Nachbarland bieten. Mehr Züge aber bedeuten mehr Reisende und noch mehr Enge. Und trotz des Wissens um die langen Vorlaufzeiten wartet man erst einmal ab.

Kein Wunder, dass die Fernbusse in Konstanz so boomen

Wer das Bahnfahren fördern will, muss es attraktiv machen. Mit guten Verbindungen, pünktlichen Zügen und insbesondere auch mit nutzerfreundlichen Bahnhöfen, an denen sich Alte und Junge, Einheimische und Gäste, Familien und Singles, Radtouristen und Flughafentransfer-Passagiere, Behinderte und Nichtbehinderte gerne aufhalten. Der erste Schritt, der nun begonnen ist, darf nicht der letzte sein. In wenigen Jahren gibt es an der Schänzlebrücke eine moderne Fernbus-Station. Hoffentlich ist bis dahin für das umweltfreundliche Verkehrsmittel Bahn und seine wichtigste Schnittstelle zum Kunden der Zug nicht abgefahren.