Die Regale der Buchgeschäfte biegen sich: Kinder verstehen, Mein kompetentes Kind, Das Geheimnis zufriedener Babys, Das glücklichste Baby der Welt – vier Titel von Ratgebern, die dafür sorgen wollen, dass das neue Familienmitglied zufrieden ist. Oder besser gesagt: Dessen Eltern. Auf das erleichternde „Gott sei Dank, alles gesund“ folgt das unvermeidliche Streben nach Zufriedenheit.

Kaum gesund auf der Welt beginnt die Suche nach der Beschäftigung

Komm, ich zeige dir die Welt. Das stand auch für mich fest, nachdem meine Tochter geboren war. Nicht irgendwann, wenn sie auch nur annähernd Interesse an meiner Erwachsenenwelt hat. Sondern gleich und sofort, so der Anspruch.

Gerade als Vater will man ja auch etwas bieten können: Die weiten Wege entlang des Bodensees zeigen, die Konstanz so einzigartig machen; durch Wollmatingen gehen, mit wortreichen Erklärungen zur Entwicklung des Stadtteils, in dem ich aufgewachsen bin; der Kleinen andere Kinder vorstellen; gemeinsam spielen mit babygerechtem Fachmaterial.

Sie soll schließlich anspruchsvoll unterhalten werden, um ganz sicher ein zufriedenes Leben zu führen. So ein erwachsener Quatsch!

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Das Highlight im töchterlichen Unterhaltungsprogramm: ein Trageriemen

Eine kleine Auswahl aktueller Höhepunkte im Unterhaltungsprogramm meiner Tochter: Der schwarze Trageriemen einer Yoga-Matte, Schatten an der Wand, meine Haare.

Echte Zufriedenheit? Wenn das Trageband einer Yogamatte zum Höhepunkt der Unterhaltung wird.
Echte Zufriedenheit? Wenn das Trageband einer Yogamatte zum Höhepunkt der Unterhaltung wird. | Bild: privat

Dass sie seit einigen Tagen davon begeistert ist, wenn ich ihr aus den Geschichten vom Urmel vorlese oder Kinderlieder vorsinge – ich will es, zur eigenen Zufriedenheit, zumindest weiter glauben.

Nach zweieinhalb Monaten Papaleben habe ich gelernt, wie glücklich das Leben sein kann, wenn der Interessenshorizont noch Grenzen hat, die es für Erwachsene nicht mehr geben darf.

Vergessen wir Netflix oder abends ausgehen

Kein Durchforsten der interessantesten Serien bei Netflix, mehr als eine halbe Folge pro Abend schafft man eh nicht; keine Suche nach den aktuell spannendsten Romanen, mehr als zwei Seiten pro Abend schafft man eh nicht; keine Planung fürs abendliche Konstanzer Barleben, nach einem Achtel Bürgertröpfle fällt man eh ins Bett.

Die Prioritäten liegen jetzt anders: Meine Tochter lacht mich an, wenn ich mit ihr herumalbere = super. Sie schläft irgendwann zufrieden und tief seufzend ein = super. Sie lässt Mama und Papa abends gleichzeitig Abendessen = super. Alles andere ist nachrangig. Neulich hat mir jemand dazu gesagt: „Ist ja alles schön und gut, aber dieses sehr runtergedampfte Freizeitleben ist schon auch langweilig.“

Das stimmt, aus Erwachsenenaugen schon

Und wie andere junge Väter trauere auch ich manchmal diesem romantisierten Davor hinterher: Mit Kumpels ohne Vorplanung noch auf ein Kaltgetränk losziehen, spontan ins Kino gehen, einfach mal nur egoistisch den eigenen Plänen folgen. Dass es Müttern nicht viel anders geht, verdrängt man(n) gerne – sie haben schließlich schon neun Monate echte Vorbereitungszeit, während wir Papas mit dem Moment der Geburt aus allen Gefühlswolken fallen.

Aber auf die Frage nach der angeblichen Langeweile kann ich nur noch, manchmal im buchstäblichen Sinne, müde lächeln. Und meiner Tochter stattdessen die Zunge rausstrecken – noch so ein Highlight für sie.