Hamed Abdel-Samad ist erzürnt. Gerne wäre er am kommenden Montag, 8. Mai, ins Bodenseeforum nach Konstanz gekommen. Dort sollte der Islam-Kritiker auf Einladung der Volkshochschule im Landkreis Konstanz (VHS) über den Koran sprechen. Der Titel des Vortrags: „Botschaft der Liebe oder Botschaft des Hasses?“ Die Frage muss in Konstanz vorerst offen bleiben, genauso wie die anschließend vorgesehene Diskussion mit dem Leiter der SÜDKURIER-Politikredaktion, Dieter Löffler.

Denn Hamed Abdel-Samad erhält kein Forum im Bodenseeforum. Wegen eines Sicherheitsaufwandes, „der deutlich unsere Kapazitäten als Veranstalter übersteigt“, wie die VHS mitteilt. Abdel-Samad selbst hat für die Entscheidung kein Verständnis und nennt sie im Gespräch mit dem SÜDKURIER „sehr schade und feige“.

Absage aus Sicherheitsgründen sei "Alibi-Grund"

Der 45-Jährige gebürtige Ägypter geht noch weiter: „Die Absage aus Sicherheitsgründen entspricht nicht der Wahrheit, das ist ein Alibi-Grund.“ Seine private Sicherheit sei nicht Sache der Veranstalter, sondern die des Staatsschutzes und der Polizei.  

Zum Hintergrund: Hamed Abdel-Samad steht seit Jahren unter Personenschutz und wird vom zuständigen Landeskriminalamt Berlin als gefährdet eingestuft. Die Konstanzer Polizei plante am 8. Mai rund um das Bodenseeforum deshalb einen entsprechenden Einsatz mit mehreren Kräften. „Aufgrund von Vorfällen, die es bei vergleichbaren Veranstaltungen in Dortmund und Hannover gegeben hat“, bestätigt Polizeihauptkommissar Siegfried Keller.

Die Konstanzer Polizei hat Dorothee Jacobs-Krahnen, stellvertretende Vorsitzende der VHS, empfohlen, ergänzend einen privaten Sicherheitsdienst zu engagieren, der zum Beispiel den Einlass kontrollieren könne. Dies habe sich laut Keller in der Vergangenheit bewährt. „Unser Einsatz wäre allerdings keine Herausforderung gewesen, der über das übliche Maß bei ähnlichen Veranstaltungen hinausgeht“, so Keller.

Hamed Abdel-Samad erhebt nach der Absage schwere Vorwürfe gegenüber der VHS. „Ich weiß, dass es jemanden aus dem Veranstaltungs-Team gab, der gegen meinen Auftritt war und auch kein Plakat mit meinem Gesicht dort sehen wollte.“ Aus Sicht von Dorothee Jacobs-Krahnen ein Missverständnis. Es habe zwar einen Anruf bei der VHS gegeben, mit der Forderung „das Plakat mit Herrn Abdel-Samads Bild abzuhängen. Aber das haben wir natürlich abgelehnt.“ Jacobs-Krahnen weiter: „Ich kann mich dafür verbürgen, dass die Absage allein mit Sicherheitsbedenken zu tun hat.“ Weder inhaltliche noch finanzielle Motive – der Einsatz einer Sicherheitsfirma hätte einen niedrigen vierstelligen Betrag gekostet – hätten laut Jacobs-Krahnen „einen Einfluss auf die Entscheidung gehabt“.

Landrat Hämmerle: "Ich bedauere die Absage"

Bis zuletzt habe die VHS versucht, die Veranstaltung durchzuführen. „Aber Ende April hat sich die Situation derart zugespitzt, dass wir nicht anders reagieren konnten“, so Jacobs-Krahnen. „Wir halten den Kopf hin, es geht auch um die Sicherheit von mehreren Hundert Gästen.“ Von dieser Zuspitzung hat der Redner offenbar nichts mitbekommen. Hamed Abdel-Samad: „Wenn man mit uns gesprochen hätte, wäre ich natürlich trotzdem aufgetreten, auch ohne private Sicherheitsfirma.“

Jacobs-Krahnen kann den Ärger des ausgeladenen Gastes verstehen und sagt: „Da geht es schließlich auch um seine Einnahmen als freiberuflicher Autor“. Gleichzeitig bestreitet sie Kommunikationsprobleme: „Der Verlag wusste, dass es kritisch wurde. Im Übrigen hätte eine Kommunikation aber auch nichts an unserer Einschätzung der Lage geändert.“

Erinnerungen an Februar dieses Jahres werden wach. Damals stand Landrat Frank Hämmerle vor einer ähnlichen Entscheidung wie nun die VHS. Hämmerle ließ zu, dass im Landratsamt eine Ausstellung zum Völkermord an den Armeniern 1915 in der heutigen Türkei gezeigt wurde – trotz scharfer Kritik aus der türkischen Gemeinschaft in Deutschland. Entsprechend äußerte sich der Landrat gegenüber dem SÜDKURIER: „Ich bedauere die Absage der Veranstaltung. Der wahre Skandal aber ist, dass die grundrechtsgeschützte Meinungsfreiheit unter dem Druck radikaler Elemente verkommt.“ Grunderechte zu haben bedeute, „sie auch wahrzunehmen und zu verteidigen.“

In der Auseinandersetzung um die Absage, können sich beide Parteien immerhin auf einen Begriff einigen: traurig. Traurig aus Sicht von Hamed Abdel-Samad, dass „sich die Feigheit breit macht“. Traurig aus Sicht von Dorothee Jacobs-Krahnen, dass die VHS zum ersten Mal in ihrer Geschichte eine Veranstaltung aus Sicherheitsgründen absagt: „Ich frage mich: Wo steuert unsere Gesellschaft hin?“

Zur Person

Hamed Abdel-Samad (45) wurde nahe Kairo (Ägypten) geboren und studierte Englisch, Französisch, Japanisch und Politik. Einem größeren Publikum wurde er durch seine Autobiografie "Mein Abschied vom Himmel" (2009) bekannt. Darin beschreibt er unter anderem, wie er in seiner Kindheit in Ägypten missbraucht wurde. Wegen seiner kritischen Haltung genüber dem Islam steht er seit mehreren Jahren unter Polizeischutz. Abdel-Samad gilt als einer der bekanntesten Intellektuellen mit muslimischem Hintergrund im deutschsprachigen Raum. Er ist Mitglied der Deutschen Islam Konferenz. Für die TV-Dokumentation "Entweder Broder – Die Deutschland-Safari" erhielt er gemeinsam mit dem Autor Henryk M. Broder den Bayrischen Fernsehpreis.

 


Islamkritiker Abdel-Samad kommt doch

Das Konstanzer Stadtheater hat reagiert und Abdel-Samad für Oktober eingeladen. Die Volkshochschule hatte ihn ausgeladen, der Islamkritiker sollte am 8. Mai im Bodenseeforum sprechen (Anm. d. Red.).