Die gute Nachricht nennt Christina Fleischmann zuerst: „Unter den PAK gibt es noch gefährlichere Stoffe als die beiden gefundenen.“ Die Ärztin aus Konstanz bezieht sich dabei auf die Analyseergebnisse einer Staubprobe, die Felix Braun Ende April untersuchen ließ.

Zwei dieser polyzyklisch aromatischen Kohlenwasserstoffe sind darin nachgewiesen worden. „Insbesondere Pyren verursacht genau die Symptome, die bemerkt worden sind, vor allem eine Rötung der Augen“, erklärt Fleischmann.

Anwohner hatte eine Probe privat in Auftrag gegeben

Weil er dies und dauerhaften Hustenreiz bei sich, seinen Kunden und Mitarbeitern bemerkt hatte, ließ Fahrradladen-Inhaber Braun die Probe des Staubs am 24. April überhaupt erst analysieren. An diesem Tag sorgte der Abriss des Kamins des früheren Vincentius-Krankenhauses in seiner Nachbarschaft für starke Staubbildung, wie der SÜDKURIER berichtete.

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Christina Fleischmann hält das Geschehen an diesem Tag „aus medizinischer Sicht für bedenklich. Und die lange fehlende Transparenz, nachdem die Analyse der Probe schon bekannt war, ist seltsam“. Die Analyseergebnisse zeigten klar, dass mindestens zwei Stoffe – neben Pyren handelt es sich um Fluoranthen – gefunden wurden, die das Erbgut verändern könnten.

„Warum negiert das Landratsamt das, schließlich sind mögliche Spätfolgen für die Gesundheit nicht auszuschließen,“ fasst die Ärztin zusammen. Sie hatte sich in den vergangenen Tagen mit Experten für Arbeitsmedizin über den Vorfall ausgetauscht und erklärt: „Auch die halten das Vorgehen für äußerst fragwürdig und raten Personen, die gesundheitliche Einschränkungen bemerkten, ihren Arzt aufzusuchen.“

Ein Architekt sagt: Das Abrissunternehmen scheint keine Fehler begangen zu haben

Ein Kratzen im Hals habe auch Martin Krehl gespürt. Er ist Kunde von Felix Braun und als Architekt „empfand ich den Ablauf des Abrisses doch als seltsam. Man konnte klar sehen, dass der Wasserstrahl nicht bis zum Ende des Kamins reicht“. Fachlich gesehen habe das Abrissunternehmen keinen Fehler gemacht. „Aber die Kommunikation mit denjenigen, die sich besorgt gezeigt haben, war sehr unglücklich“, sagt Krehl.

Video: Felix Braun

Abrissunternehmer: Es bestand keine Gefahr für die Gesundheit

Tatsache ist: Die Witterungsbedingungen am 24. April waren unglücklich. Noch am Tag zuvor hatte es geregnet, vom Kamin-Abriss wäre dann kaum etwas bemerkt worden. Dies führt auch Markus Christadler als Argument ins Feld. Der Geschäftsführer der mit dem Abriss beauftragten Firma CK Abbruch und Erdbau erklärt: Der für den Abbruch des Kamins verwendete Bagger verfüge zwar über eine Wasserdüse an der Schaufel, die Staub möglichst gar nicht erst entweichen lassen soll.

„Aber der Wind hat die Technik nicht ausreichend wirken lassen, der Staub flog davon, bevor er überhaupt in die Nähe der Wasserdüse kam.“ Auch eine Unterbrechung der Arbeiten bis zum Folgetag sei nicht möglich gewesen: „Der Abtransport des Abbruchmaterials war fest terminiert.“

Eine Gefahr für die Gesundheit habe nicht bestanden, ein entsprechendes Schadstoffgutachten gelte für sämtliche Gebäudeteile. Ferner sei laut Christadler am 24. April nur noch die Beton-Hülle des Kamins abgetragen, Stahlrohre aus dem Innenleben dagegen bereits zuvor entsorgt worden.

Behörde sah zunächst keinen Anlass, aktiv zu werden

Noch am selben oder folgenden Tag habe das städtische Baudezernat das Landratsamt auf Bedenken der Bürger wegen der starken Staubbildung hingewiesen, erklärt Walter Rügert, Sprecher der Stadtverwaltung auf Anfrage. Die Antwort des Landratsamts sei am 26. April erfolgt. Demnach habe eine „Kontrolle auf dem Vincentius-Abbruchareal keinen Anlass ergeben, etwas zu veranlassen“.

Diese Auffassung des Landratsamts hatte sich später offenbar geändert, denn am 17. Mai veröffentlichte die Stadt Konstanz eine Mitteilung, wonach das Landratsamt „inzwischen angeordnet hat, dass unverzüglich mehr Staubbindeanlagen einzusetzen sind“.

Die Abrissarbeiten der alten Vincentius-Gebäude sind inzwischen nahezu abgeschlossen, mittels Wasser soll eine Verbreitung des Staubs minimiert werden.
Die Abrissarbeiten der alten Vincentius-Gebäude sind inzwischen nahezu abgeschlossen, mittels Wasser soll eine Verbreitung des Staubs minimiert werden. | Bild: Brumm, Benjamin

An diesem Freitag waren auf der Vincentius-Baustelle vereinzelt Arbeiter zu sehen, die mit Wasser aus einem Schlauch den Abriss der noch stehenden Fassaden begleiteten. Bis spätestens Anfang kommender Woche sollen die oberirdischen Abbrucharbeiten endgültig beendet werden. Offen ist noch, ob sich der Staub dann auch im übertragenen Sinne legen wird.