Eigentlich will Michael Haiser nur noch kurz mit dem Hund raus. Routine, wie fast jeden Abend. Also schlüpft der 46-Jährige um halb zehn schnell in die Hausschuhe. Bindet Ridgeback-Hündin Lowa das Halsband um. Schließt das Gartentor seines Feriendomizils in der Dingelsdorfer Fließhornstraße – und wird binnen weniger Minuten vom Gassigänger zum Lebensretter.

Als der Stuttgarter, der fast jede freie Minute am Bodensee verbringt, auf der Straße steht, ruft ein älterer Herr in Richtung des gegenüberliegenden Hauses. „Ich habe es in der Küche brennen gesehen“, erinnert sich Haiser. Geistesgegenwärtig bringt er den Hund zurück in den Garten und holt seinen CO2-Feuerlöscher aus dem Technikraum.

Lebensretter in Hausschuhen

„Ich bin in meinen Schlappen rübergerannt, doch die Stahltür des Hauses war geschlossen“, fährt er fort. Mit Hilfe eines Passanten klettert Haiser auf den Balkon im ersten Stock, wo er durch das Fenster bis auf Kniehöhe eine dicke schwarze Rauchschicht und darunter seine 74-jährige Nachbarin am Boden liegen sieht.

„Ich habe gerufen, aber sie hat nicht reagiert“, sagt Haiser, der das Fenster mit einem Stein einschlägt, allen Mut zusammennimmt und in die stockdunkle, verqualmte Wohnung steigt.

Die Feuerwehr ist nach wenigen Minuten da

Der 46-Jährige holt auf dem Balkon nochmals tief Luft, löscht das Feuer, das sich durch Gegenstände auf dem Herd entzündet hatte, und kümmert sich sofort um die Frau. „Ich bin immer rein und raus, um Luft zu holen. Als ich sie unter den Armen genommen habe, hat sie Aua gesagt“, erzählt Michael Haiser glücklich, „denn da wusste ich, dass sie nicht bewusstlos ist.“

Als Haiser ein Stuhlpolster unter die Nachbarin schiebt und sie auf den Balkon ins Freie zieht, kommt auch schon die von Passanten gerufene Feuerwehr, für die Haiser im Erdgeschoss die Tür öffnet. „Die waren richtig gut und schnell“, sagt der Stuttgarter, „das Ganze hat vielleicht drei Minuten gedauert.“

Rettung genau zur rechten Zeit

Die Rettungsaktion geht zwar nur einen kleinen Moment, doch es ist genau der richtige. „So ein Zufall“, sagt der Retter noch eine Woche nach dem Unfall kopfschüttelnd. „Wäre ich fünf Minuten später oder drei Minuten früher gekommen, wäre das Feuer schon zu groß gewesen, oder ich hätte vielleicht noch nichts gesehen.“

So greift er beherzt ein und scheut auch nicht davor, sich selbst in Gefahr zu bringen. „Er hat sich toll verhalten und intuitiv richtig gehandelt, ist aber auch ein gewisses Risiko eingegangen. Das hätte auch schiefgehen können“, sagt Klaus Menge, Sprecher der Konstanzer Feuerwehr. „Die Fragen sind immer: Ist überhaupt Sauerstoff im Raum? Kann ich die Luft 30 Sekunden lang anhalten, um jemanden rauszuholen. Man muss die Situation einschätzen“, fährt Menge fort. Dies tut Michael Haiser.

"Ich hatte gar keine Alternative"

„Man muss sich darüber im Klaren sein, was man macht, und was ich gemacht habe, war überschaubar“, sagt er. „Es war kein Riesenfeuer. Dafür sind Feuerlöscher schließlich da.“ Das Glück seiner Nachbarin sei vielleicht gewesen, „dass alle Türen und Fenster geschlossen waren und das Feuer sich nicht weiter ausbreiten konnte“, sagt der Unternehmer, der sich auch in der Stresssituation jederzeit bewusst war, was er tut.

„Ich wusste, wenn Luft in die Wohnung kommt, wird das Feuer größer. Daher war es wichtig, keinen Rauch einzuatmen“, sagt er. „Ich hatte aber gar keine Alternative. Ein paar Minuten länger, dann wäre der Rauch vielleicht zu Boden gesunken, oder der Brand hätte sich ausgebreitet.“

Michael Haiser würde sofort wieder helfen

Eines steht für den Stuttgarter fest. „Jeder, der einigermaßen fit ist, sollte helfen. Ich würde es jedenfalls sofort wieder machen.“ Angst hatte der spontane Retter nicht. „Ich hatte nur zwei große Sorgen“, sagt er und lacht: „Als ich den Stein ins Fenster geworfen habe, habe ich gehofft, sie nicht zu treffen. Und als ich sie über die Glasscherben rausgezogen habe, war ich froh, dass sie sich dabei nicht verletzt hat.“

Als Michael Haisers Einsatz beendet ist, löscht die Feuerwehr, die mit 18 Einsatzkräften und drei Fahrzeugen vor Ort ist, die Glutnester auf dem Elektroherd. Haisers Nachbarin wird mit einer Drehleiter vom Balkon geholt und mit dem Verdacht auf Rauchgasvergiftung ins Krankenhaus gebracht.

75-Jährige feiert in diesem Jahr zweimal Geburtstag

Dort besuchen sie wenige Tage später auch Michael Haiser sowie seine Frau und die beiden Töchter. „Wir haben uns echt gefreut, dass sie doch keine Rauchvergiftung hatte und dass es ihr so gut ging“, sagt der Ferien-Dingelsdorfer. Und weiter: „Sie war richtig happy, als wir mit den Kindern plötzlich da waren. Ihr haben die Worte gefehlt.“ Kein Wunder, schließlich gratuliert ihr der Retter am Krankenbett zum 75. Geburtstag. Und den darf die Frau in diesem Jahr gleich zweimal feiern.