Die Fenster des Litzelstetter Pfarrhauses werden gerade gestrichen. Der Boden im Erdgeschoss, in welchem sich auch das Pfarrbüro befindet, ist mit Malerflies ausgelegt. Pfarrer Armin Nagel arbeitet noch immer unter chaotischen Umständen. "Es ist noch immer ein Leben in der Baustelle", seufzt Nagel, hält kurz inne und kündigt an: "Jetzt zeige ich ihnen die Kammer des Grauens." Er öffnet die Zimmertüre, die wider Erwarten kein ächzendes, knarzendes Geräusch von sich gibt. Der Anblick lässt staunen: Ein Großteil der Decke des frisch renovierten Raumes ist offen und gibt den Blick auf alte Balken und Stroh frei.

 Seither arbeitet er gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen des Pfarrbüros "in chaotischen Zuständen", denn "alles ist belagert, zugestellt oder in Kartons verpackt". Die Baustelle kostet Zeit, wertvolle Zeit, die er viel lieber für die seelsorgerische Tätigkeit investiert hätte. "Ich fühle mich wie ein Tellerjongleur, der alles am Laufen halten muss", beschreibt Armin Nagel. "Ich habe viel mehr Verwaltungsarbeit als früher; gerade auch in Zusammenhang mit dem Umbau, bei dem einiges schief lief. Ich hätte es mir reibungsloser gewünscht." Er freut sich schon darauf, wenn endlich alles seine Ordnung hat, denn "dann bin ich freier und habe mehr Zeit für die Menschen und die Seelsorge."

Sein Anfang in der Bodanrückgemeinde war insgesamt nicht ganz so einfach, denn die Erwartungen an den neuen, jungen Pfarrer waren groß. Knapp 30 Jahre lang war sein Vorgänger, Pfarrer Bernd Zimmermann, für die Bodanrückgemeinden zuständig gewesen. "Mein Vorgänger hat das Gemeindeleben stark geprägt und er hatte seinen eigenen Stil. Dass der Wechsel nicht völlig reibungslos über die Bühne gehen würde, war klar", sagt Pfarrer Armin Nagel. Viele Gemeindemitglieder hatten sich sehr auf den gerade einmal 43-jährigen Pfarrer gefreut, der mit neuen Ideen für Belebung sorgen würde. Nicht bei allen habe dies "Begeisterungsstürme ausgelöst", bekennt Armin Nagel.

Pfarrer Armin Nagel ist die Begegnung mit den Menschen wichtig, auch außerhalb der Kirche. Seine offene, ehrliche und unkomplizierte Art stößt auf positive Resonanz – insbesondere bei jüngeren Menschen. Auch mit dem evangelischen Pfarrer Christof Ellsiepen versteht er sich gut. <em>Bilder: Aurelia </em><em>Scherrer</em>
Pfarrer Armin Nagel ist die Begegnung mit den Menschen wichtig, auch außerhalb der Kirche. Seine offene, ehrliche und unkomplizierte Art stößt auf positive Resonanz – insbesondere bei jüngeren Menschen. Auch mit dem evangelischen Pfarrer Christof Ellsiepen versteht er sich gut. Bilder: Aurelia Scherrer

Die Änderung der Gottesdienstordnung zum Beispiel, die im Rahmen einer Klausur mit dem Pfarrgemeinderat ausgearbeitet wurde, war nicht unumstitten. Vor der Neuordnung gab es in jeder Gemeinde einen Sonntagsgottesdienst. Der Nachteil: "Der Pfarrer musste von einem Gottesdienst zum nächsten hetzen und hatte keine Zeit, mit dem Gemeindemitgliedern in Kontakt zu kommen", schildert Armin Nagel.

"Mein Ansatz ist, zu den Leuten zu gehen, mir ihre Sorgen und Nöte anzuhören und eine Antwort aus dem Glauben herzuleiten", sagt Pfarrer Armin Nagel. Bild: Aurelia Scherrer
"Mein Ansatz ist, zu den Leuten zu gehen, mir ihre Sorgen und Nöte anzuhören und eine Antwort aus dem Glauben herzuleiten", sagt Pfarrer Armin Nagel. Bild: Aurelia Scherrer

Aus diesem Grund findet jetzt in einem ausgeklügelten Turnus die Sonntagsmesse im Wechsel in den Teilorten statt. Die Testphase der neuen Gottesdienstordnung dauere eineinhalb Jahre. In dieser Zeit würden Rückmeldungen gesammelt, so Nagel, der weiß: "Gerade ältere Menschen haben Probleme, in den Rhythmus zu kommen. Wir überlegen im Moment, ob wir für sie einen Fahrdienst organisieren könnten. Für viele ist der Sonntagsgottesdienst ein Fixpunkt und auch wichtig als Anlauf- und Kontaktstelle."

Auf positive Resonanz – insbesondere bei jüngeren Menschen – stößt Armin Nagels offene, ehrliche und unkomplizierte Art. Mit dem evangelischen Pfarrer Christof Ellsiepen "habe ich mich gleich gut verstanden", lächelt Nagel. Beide Geistlichen geben an der Litzelstetter Grundschule Religionsunterricht und "wir haben uns auch schon gegenseitig vertreten", erzählt Nagel von der gelebten Ökumene. Vor 500 Jahren war die Kirchenspaltung, aber die beiden Pfarrer sind sich einig: "Wir stellen das Gemeinsame in den Vordergrund".

Gemeinsam standen Pfarrer Armin Nagel und Pfarrer Christof Ellsiepen auch schon auf der Fasnachtsbühne und begeisterten mit ihrer humorvollen Darbietung. Nach den Auftritten ging Pfarrer Armin Nagel noch an die Bar. "Zum Teil haben wir tiefe Glaubensgespräche geführt", durchaus mit Menschen, die nicht in die Kirche gehen. "Von der Intensität her waren es beinahe schon Beichtgespräche – und das bei einem Glas Bier. Ich war selbst erstaunt, dass die Leute so offen reden", so Armin Nagel, glücklich über diese Begegnungen. Kirche müsse seiner Ansicht nach mehr nach draußen gehen, das gehöre eigentlich zu den Grundaufgaben. "Mission hat immer so einen Negativton", findet Armin Nagel, denn mit Missionieren assoziiere man zumeist Zwang und Druck. "Mein Ansatz ist, zu den Leuten zu gehen, mir ihre Sorgen und Nöte anzuhören und eine Antwort aus dem Glauben herzuleiten", sagt Pfarrer Armin Nagel, der sich endlich mehr Zeit für seine seelsorgerische Tätigkeit wünscht.

Zur Person

Pfarrer Armin Nagel trat am 1. September 2016 die Nachfolge von Pfarrer Bernd Zimmermann an. Zimmermann war ab 1989 für die Litzelstetter Pfarrei St. Peter und Paul und mit Schaffung der Seelsorgeeinheit Bodanrück 1999 auch für Dingelsdorf-Oberdorf und Dettingen-Wallhausen zuständig. Pfarrer Armin Nagel (43) betreut heute die Kirchengemeinde Konstanzer Bodanrückgemeinden mit insgesamt etwa 4300 Gemeindemitgliedern. (as)