Auf einen Tee mit Werner Dingler...

...der in seiner Praxis über Homöopathie spricht.

Bild: Foto: Oliver Hanser
Herr Dingler, wie kommt es, dass Sie als Schulmediziner sich plötzlich für die alternative Medizin interessiert haben?

Weil ich sie widerlegen wollte. Eine Bekannte von mir hat die Ausbildung zum Heilpraktiker gemacht. Wir hatten abends unsere Streitgespräche. Ich war von der Schulmedizin überzeugt, aber sie hat mir vorgehalten, dass ich nur theoretisch rede. Damit hat sie bei mir den Schwachpunkt getroffen. Deswegen habe ich mich in ihren Unterricht gesetzt und zugehört. Das fand ich dann doch sehr spannend und habe mich für den Lehrgang eingeschrieben, nicht wissend, was ich danach mit dieser Ausbildung anfangen würde. Zumindest habe ich gedacht, ich kenne mich dann aus und kann überzeugen, was falsch ist an der Sache. Als die Homöopathie an der Reihe war, hatte ich wieder zuerst den Eindruck, dass alles Unsinn ist, was da erzählt wird.

Und wie es dann so im Leben ist, kommt der Zufall dazu. Meine Mutter hatte eine akute Krankheit. Da habe ich die Gelegenheit genutzt, alternative Medizin auszuprobieren und war sehr überrascht von den positiven Reaktionen, die ich am Organismus gesehen habe. Wir hatten damals auch einen Hund, der ein Geschwür hinter dem Ohr hatte, das ein Jahr lang trotz intensiver medizinischer Bemühungen des Tierarztes nicht abheilen wollte. Dann habe ich ihm das homöopathische Mittel Graphit gegeben und innerhalb einer Woche ist dieses Geschwür abgeheilt. Das waren für mich zwei sehr auffällige Phänomene. Da dachte ich aber noch an Zufall. Aber als bei einer Kollegin, die eine Trommelfellperforation hatte, dann auch noch das Trommelfell abgeheilt ist, war mir klar, dass an Homöopathie was dran sein muss. So bin ich bei der Sache geblieben.

Sehen Sie Schulmedizin und Homöopathie als Gegensätze?

Nein. Die Schulmedizin hat genauso wie die Homöopathie ihre Berechtigung in bestimmten Bereichen. Eigentlich müssten sich die beiden Medizinrichtungen zum Wohle des Patienten ergänzen. Das ist auch meine Vision. Ich träume immer noch davon, dass irgendwann die Homöopathie so viel Positives nach außen gezeigt hat, dass die Menschen und insbesondere die Ärzte nicht mehr darüber hinwegsehen können. Schön wäre es, wenn in jedem Krankenhaus ein Homöopath wäre, der bei Wundheilungsstörungen dazugezogen würde. Ich habe in diesen 30 Jahren erlebt, dass Patienten operiert wurden und die Wunden wochenlang nicht zugeheilt sind, so dass sie nochmals operiert werden mussten. Nachdem sie eine Woche lang die homöopathischen Mittel Arnika und Calendula eingenommen haben, ist die Wunde völlig abgeheilt. Ich habe auch Hilferufe von einer Mutter bekommen, deren Tochter mit einer chemischen Pneumonie im Krankenhaus auf der Intensivstation lag. Trotz Cortison und Antibiotika waren ihre Atemgase so schlecht, dass man um das Leben dieses jungen Mädchens gefürchtet hat. Aufgrund der genauen Schilderung der Mutter konnte ich das Heilmittel Bryonia alba wählen. Nach einer Woche war diese Pneumonie abgeheilt.

Was kann die Homöopathie, was die klassische Medizin nicht kann?

Die Homöopathie kann die Selbstheilungskräfte anregen, wenn das richtige Mittel gefunden wird. Und es ist eben die große Crux der Homöopathie, dass man nicht immer auf Anhieb das Heilmittel findet. Man braucht sehr viel Erfahrung dazu und die Patienten müssen lernen, sich genau zu beobachten. Oftmals haben sie die Symptome, die für uns interessant wären, dem Arzt mehrfach erzählt und der hat immer abgewunken, weil er das nicht wissen will. Den Arzt interessiert nicht, dass ein Patient sagt: ‚Komisch, seitdem ich diese Krankheit habe, werde ich um elf Uhr immer schwach und dann muss ich etwas essen, sonst halte ich nicht bis zum Mittagessen durch. Und ich muss abends meine Füße aus dem Bett strecken und manchmal habe ich das Gefühl, als würde eine Maus an meinem Bein hochkriechen.’ Diese Symptome sind ausschlaggebend, damit ich das Heilmittel Sulfur verordnen kann.

Die Schulmedizin dagegen ist im Grunde eine Notfallmedizin. Sie greift aktiv in den Organismus ein und versucht zu reparieren. Sie unterbindet mit chemischen Mitteln Reaktionen, zum Beispiel mit Betablockern zu schnelle Herzreaktion oder mit Antibiotika und Kortison Fieber und Entzündungen. Wir Homöopathen können auch in bestimmten Notfällen helfen, aber nicht, wenn ein Mensch schwer verletzt auf der Straße liegt und die Arterie abgeklemmt werden muss, damit er nicht verblutet. Wenn der Chirurg die Wundränder oder die Knochenenden einer Fraktur zusammengefügt hat, hat er alles getan, was in seiner Macht steht. Wenn die Selbstheilungskraft des Körpers dann nicht einsetzt, kann der Homöopath mit Calendula oder Staphysagria die Wundheilung fördern oder mit Symphytum die Kallusbildung, so dass die Knochenenden zusammenwachsen. In der homöopathischen Praxis kommen auch giftige Substanzen wie Belladonna (die Tollkirsche) oder Arsen zum Einsatz, allerdings in einer Zubereitung, dass sie nicht mehr giftig wirken.

Gibt es auch Fälle, in denen Sie nicht weiterwissen?

Ja, absolut. Und es gibt auch Fälle, in denen man zwar das Heilmittel kennen würde, aber der Krankheitsprozess zu dynamisch ist. Das heißt, bis meine Mittel wirken, ist der Patient tot. Also muss er durch die Schulmedizin am Leben erhalten werden, zum Beispiel bei einem Hirntumor. Es geht auch nicht darum, dass die Homöopathie die Schulmedizin verdrängen will. Aber man könnte in vielen Fällen, wenn man nicht immer mit Kanonen auf Spatzen schießt, die Menschen im frühen Stadium einer Krankheit so stabil machen, dass die Schulmedizin nicht mehr so häufig gebraucht wird und es nicht mehr zu so vielen Endzuständen käme.

Wie gehen Sie vor, wenn jemand kommt und eigentlich gar nicht weiß, was ihm fehlt?

In der Regel ist es so, dass die Menschen zu mir kommen, nachdem sie schon überall waren und auch mit Antibiotika nicht weiterkommen. Für mich ist es wichtig, dass vorher immer eine saubere Diagnostik gemacht wird und man nicht ins Blinde therapiert. Der Patient darf nicht nur sagen, dass ihm unwohl ist, sondern ich will genau wissen, was nicht passt. Ist ihm übel, ist ihm schwindelig? Man muss Befindlichkeiten genau kontrollieren und dokumentieren. Nur so ein diffuses Gefühl reicht nicht, ich brauche Konkretes. Und dann schaue ich, welches von den 4500 bekannten Medikamenten der Homöopathie auf den Zustand dieses einen Patienten passt. Nehmen wir mal eine Augenentzündung bei einem Kind. Wenn die Tränen milde sind, es an der frischen Luft besser wird und das Kind sehr weinerlich wird und nicht mehr richtig trinkt, dann ist Pulsatilla das Mittel der Wahl. Wenn die Augenabsonderung aber scharf und wundmachend ist, dann ist es Euphrasia, der Augentrost.

Wie lange haben Sie gebraucht, bis Sie diese 4500 Mittel draufhatten?

Die hat man nie ganz drauf. Mit etwa 130, 140 Medikamenten kann man 80 Prozent der üblichen Praxis bestreiten. Es mögen 30, 40, 50 Symptome vorhanden sein, aber drei bis maximal fünf davon geben den Ausschlag, welches Mittel man gibt. Mal ist es ein Gemütssymptom, mal ist es eine bestimmte Uhrzeit und der Patient sagt: ‚Immer nachts um drei Uhr geht es mir nicht gut.’ Dann weiß man, dass man ein Mittel geben muss, das dafür bekannt ist, bei periodischen Krankheiten zu heilen. Mal ist es eine besondere Temperaturempfindlichkeit, mal die Widersprüchlichkeit der Symptome. Wenn ich das Heilmittel Ignatia verordne, dann meldet der Patient Widersprüchlichkeit und sagt: ‚Wenn ich traurig bin, muss ich lachen.’

Wie gut sind Ihre Heilungserfolge?

Je länger Sie diese Therapie betreiben, umso besser werden natürlich die Erfolge. Bei meiner Mutter, bei meinem Hund, bei meiner Kollegin waren es Zufallstreffer. Aber die waren nötig, sonst wäre ich nicht bei der Disziplin geblieben. Dann kommt die Durststrecke, denn man weiß zwar was, aber nicht genug, so dass man oft auf das falsche Mittel setzt. Dann hat man 30 Prozent Heilerfolge. Mittlerweile würde ich schon sagen, dass ich bei 70 Prozent bin. Wohlgemerkt sind das dann aber auch Krankheitszustände, bei denen vorherige Therapien nichts gebracht haben. Ich habe einen Internisten als Freund. Wenn ich mit dem spreche, sagt er: ‚Von einer solchen Quote träumen wir.’

Aber Sie können Skeptiker verstehen, die sagen, dieser ganze Hokuspokus bringt doch nichts?

Mir sind die Skeptiker überhaupt am liebsten. Die sind mir viel lieber als diejenigen, die mich auf einen Sockel stellen und dann kann ich nicht all ihre Lebensprobleme lösen. Ich kann nicht eine bessere Arbeit verschreiben. Ich kann nicht einen anderen Partner verordnen. Manchen Leuten muss ich sagen, dass sie ihre Lebensweise ändern müssen. Es geht nicht, dass sie jeden Tag einen Liter Rotwein trinken. Die Leute sind dann enttäuscht und sagen: Der kann mir ja auch nicht helfen. Also bin ich nicht bereit, da etwas zu tun.

Warum sind viele Menschen der Homöopathie gegenüber noch so skeptisch?

Weil die Homöopathie nicht so betrieben wird, wie es ihr Begründer hinterlassen hat. Samuel Hahnemann hat gesagt: ‚Macht es nach, aber macht es genau nach.’ Und wenn Sie heute weltweit schauen, wie viele Homöopathen es ihm genau nachmachen, würde ich sagen, sind wir bei zehn Prozent. Die anderen betreiben eine mystisch-hypothetische Homöopathie. Der eine verordnet Mittel nach dem Horoskop, der andere schaut sich an, ob die Leute einen gelben oder schwarzen Pullover tragen und wählen danach ihre Mittel aus. So kann man keine Homöopathie betreiben.

Zählen Sie sich zu diesen zehn Prozent der richtigen Nachahmer?

Ich hoffe, ich gehöre dazu. Über sich selber positiv zu urteilen ist nicht mein Ding. Ich sage immer, man muss sehen, was für eine Spur ein Mensch im Leben hinterlässt. Wenn Leichen seinen Weg säumen, dann war er wohl ein Mörder. Ich hoffe, dass die Spur, die ich hinterlasse, von Menschen geprägt ist, denen es besser geht. Manche Leute bezeichnen Sie als Wunderheiler.

Würden Sie dem zustimmen?

Nein. Es mag zwar manches wie ein Wunder aussehen, aber wenn man die Gesetze der Homöopathie kennt, sind das alles keine Wunder. Es ist die Kunst, das richtige Mittel und die richtige Dosierung zu finden. Ich habe ja auch mit fünf Globuli angefangen. Das führt aber zu massiver Erstverschlimmerung. Kinder kommen mit Neurodermitis, Sie geben fünf Globuli und das alles explodiert und eitert wochenlang. Wenn man die richtige Dosis nimmt, dauert diese Erstverschlimmerung nur einige Stunden. Man muss sich trauen, von fünf Globili weg auf einen Globulus zu kommen und den dann nur einmal in sechs Wochen und nicht täglich zu geben. Dieser Prozess dauert Jahre. Viele denken eben: ‚Es ist ja schon nichts drin und jetzt gebe ich auch noch so wenig.’ Obwohl ich 20 Jahre lang in allen möglichen Städten über die Erfahrungen mit dieser Dosierung gesprochen habe, werde ich immer noch belächelt. Es heißt: ‚Das ist einer, der nach diesem ganz alten Buch von Hahnemann handelt.’ Aber ich muss sagen, die Erfolge sind besser geworden. Wenn noch mehr Homöopathen nicht nur das richtige Medikament, sondern auch die richtige Dosierung hinbekommen könnten, würde die Homöopathie explosionsartig mehr Anerkennung bekommen.

Sie schreiben auf Ihrer Homepage, man sollte sich ab und zu mal Pausen gönnen und gesund leben. Schaffen Sie das selbst?

Inzwischen ja. In der Zeit, in der ich überall doziert habe, nein. Das war zwischen meinem 40. und 50. Lebensjahr. Diese zehn Jahre fehlen mit dadurch, dass ich nur gearbeitet habe. Meine Frau hat dann auch irgendwann gesagt, sie habe sich eigentlich etwas anderes unter der Ehe vorgestellt als nur Arbeit. In den vergangenen Jahren ist es mir immer mehr gelungen, das zu ändern. Im Moment publiziere ich auch nicht, insofern kann ich wirklich sagen, das Wochenende ist frei. Das ist wichtig, denn was die Menschen heute krank macht, ist im Wesentlichen der Stress, den die Menschen miteinander haben. Der Stress und die ungesunde Lebensweise mit mangelnder Bewegung, einseitiger Ernährung und zu wenig Schlaf schwächen das Immunsystem und dann können sich die Bakterien, Viren und Pilze vermehren und krank machen. Was möchten Sie den Lesern noch mit auf den Weg geben? Alle Menschen, insbesondere meine ärztlichen Mitmenschen, aber auch die Journalisten, sollten die Homöopathie prüfen und nicht einfach nur nach irgendwelchem „Das habe ich gehört“ beurteilen.

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