Konstanz Auf der Suche nach Jan Hus

Es ist kompliziert: Warum die Debatte um Jan Hus‘ Rolle in der Geschichte am Mittwochabend im Konzil einem Facebook-Status glich.

Bei Facebook gibt es eine schöne Funktion: Wenn man nicht so recht weiß, ob man gerade in einer festen Beziehung oder doch eher nur lose mit jemandem bekannt ist, kann man den Status „Es ist kompliziert“ für sich wählen. Ein Stück weit ist das bei Jan Hus und der Stadt Konstanz auch so. Seit der Verbrennung des tschechischen Reformators vor fast 600 Jahren hat man irgendwie miteinander zu tun, ist sich aber nicht so ganz sicher, was man vom anderen eigentlich halten soll. Vielleicht liegt es daran, dass die meist gesagten Sätze bei der Podiumsdiskussion „Jan Hus: Held des Glaubens = Held der Freiheit?“ am Mittwochabend im Konzil lauteten: „So einfach ist das nicht“ und „Das ist alles ziemlich kompliziert“.

Rund 250 Besucher waren gekommen, um sich mit dem mittelalterlichen Prediger zu beschäftigen. Auf dem Podium saßen Volker Leppin, evangelischer Theologe an der Universität Tübingen, Helmut Walther, Historiker, Fabio Crivellari, Medienhistoriker, und die Moderatorin und Religionsforscherin Dorothea Weltecke. Die Perspektiven waren klar abgesteckt: Leppin sah in Hus einen Vorgänger von Martin Luther, Walther verwehrte sich gegen jede Heroisierung von Hus, weil dies die historischen Quellen nicht hergäben, und Crivellari versuchte, über die Person Hus hinaus zu denken und lieber die Frage zu stellen, warum diesem Menschen in verschiedenen Jahrhunderten so unterschiedliche Bedeutungen gegeben wurden. Dabei ging es viel um die Quellenlage zu Hus, um den jeweils einseitigen Blick auf den Reformator von evangelischer beziehungsweise katholischer Geschichtsschreibung. Dem Menschen Hus kam man so aber nicht näher. Um ihn zu verstehen, sagte der neuseeländische Hus-Experte Thomas A. Fudge aus dem Publikum, müsse man dessen Texte lesen: „Wer Hus nicht im Original liest, hat nur eine Meinung, und das führt nicht weiter“, so Fudge.

Taugt Jan Hus denn heute noch zum Idol? Für Volker Leppin in gewisser Weise schon: „Es gibt gesellschaftliche Konstellationen, in denen jemand voll und ganz zu seiner Überzeugung steht und auch nicht weichen kann. Diese Konfliktfähigkeit fehlt uns heute vielleicht manchmal“, so der Theologe. Helmut Walther konnte hingegen nichts Vorbildhaftes an dem Tschechen ausmachen. Natürlich kam irgendwann auch die Frage nach einer möglichen Rehabilitierung von Hus. Mathias Trennert-Helwig, anwesender katholischer Dekan, sagte dazu: „Für uns heute ist es barbarisch, dass religiöse Dissidenten hingerichtet werden, aber ob eine Rehabilitation von Hus angemessen wäre, kann ich nicht beantworten.“ Helmut Walther sah in dieser Frage eine Scheindebatte: „Ob wir Hus nun rehabilitieren oder nicht, er bleibt tot.“ Es war Fabio Crivellari, der dann noch mal den Blick weitete: „Dieses Konziljubiläumsjahr bietet die Chance, sich weiter auszutauschen und der Person und dem Fall Hus zu nähern.“ Mit anderen Worten: Diese erste Debatte kann nur ein Anfang gewesen sein. Weiteres soll folgen.

Trotzdem scheiterte die Diskussion am Ende ein bisschen auch an sich selbst: Diskutiert wurde eher selten, die zweistündige Veranstaltung glich eher einem wissenschaftlich geprägten Gedankenaustausch. Durch den Titel „Held des Glaubens = Held der Freiheit?“ hatten die Veranstalter zumindest angedeutet, dass sie eine Antwort auf diese Frage hätten. Sie hatten sie nicht. Je länger das Gespräch dauerte, umso mehr bekam man das Gefühl, dass Fabio Crivellari recht hatte. Ganz am Anfang hatte er gesagt, dass je näher man Jan Hus komme, umso diffuser werde das Bild. So war es. Vielleicht ist das aber auch gar nicht schlimm. Das Konzil sei schließlich so viel mehr als die Hus-Hinrichtung, sagte Helmut Walther. „Es wäre besser, die gesamteuropäische Dimension des Konzils und die Konsequenzen daraus stärker in den Blick zu nehmen, als sich immer nur auf die Figur Jan Hus zu konzentrieren.“


Weitere Veranstaltungen

Jan Hus ist die Leitfigur des zweiten Konziljubiläumsjahres. Nach dem Auftakt mit der Podiumsdiskussion wird es noch viele andere Veranstaltungen geben, die sich mit dem Reformator beschäftigen.

Poetry Slam: Am 19. März, 20 Uhr, findet im K9 ein Dichterwettbewerb zu „Jan Hus und die Gerechtigkeit“ statt. Wer teilnehmen will, kann sich per E-Mail (info@k9-kulturzentrum.de) bewerben.

Musik: Das Vorarlberger Landeskonservatorium führt ein Hus-Oratorium von Francisco Obieta auf (9. Mai) und der Sinfonische Chor singt das Oratorium von Carl Loewe (15. November).

Film: Premiere einer neuen Filmproduktion zu Jan Hus (23. Juni)

Gedenkwochenende: Rund um den 600. Todestag von Jan Hus (6. Juli) gibt es zahlreiche Veranstaltungen wie Ausstellungen, Theaterstücke und Lesungen. (lün)

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