Zehn bis zwölf Ausstellungen zeigt das Landratsamt Konstanz im Jahreslauf in seiner Bodenseehalle. Der Schauplatz ist kein maßgeschneiderter Raum für die Kunst, er ist das Foyer einer Behörde. Hier sind Werke regionaler Maler ebenso zu sehen wie Baukunst aus Baden-Württemberg. Seit einigen Tagen präsentieren der Hausherr Landrat Frank Hämmerle und sein Ausstellungsorganisator, der Kreisarchivar Wolfgang Kramer, hier eine Dokumentation, deren Wahrnehmungsgrad über das Stadium höflicher Aufmerksamkeit weit hinausgeht. Sie polarisiert mit einer Wucht, die am Ende auch die gut vorbereiteten Veranstalter überrascht hat, wie am Abend der Eröffnung deutlich wurde.

Die Wanderausstellung der Deutsch-Armenischen Gesellschaft widmet sich dem Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich des Jahres 1915 und zeigt in der Hauptsache, was bis heute aus der armenischen Architektur geworden ist – aus Wohnvierteln, aus Geschäftshäusern, aus Kirchen und Klöstern. Sie zeigt "das Erodieren, Verblassen, Zerstören", wie Regina Randhofer es formuliert. Die aus Hannover angereiste stellvertretende Vorsitzende der Deutsch-Armenischen Gesellschaft hält am Eröffnungsabend zudem fest: "Die Ausstellung möchte dazu einladen, armenischen Erinnerungsspuren nachzugehen."

Die Verantwortlichen im Landratsamt hatten lange darüber diskutiert, ob man die Wanderausstellung zeigen solle. Kritik war absehbar. Die Resolution des Bundestags vom Juni vergangenen Jahres, in der die Verbrechen an den Armeniern im Osmanischen Reich als Völkermord bezeichnet werden, hat das Verhältnis zur türkischen Regierung stark belastet. Der türkische Präsident Erdogan hatte damals den Botschafter seines Landes aus Deutschland zurückbeordert. Wut und Abwehrhaltung türkischer Interessenvertreter, die die Resolution des Bundestags verurteilen, treffen nun die Ausstellungs-Organisatoren in Konstanz. Im Landratsamt gingen Warnungen ein. Eine davon haben der Landrat und der Kreisarchivar selbst zum Ausstellungsstück gemacht. Besucher können nachlesen, was der türkische Generalkonsul in Karlsruhe geschrieben hat.

Stößt hier auch beim Konstanzer Universitätsrektor Ulrich Rüdiger auf Interesse: der Beschwerdebrief des türkischen Generalkonsuls unter Glas.
Stößt hier auch beim Konstanzer Universitätsrektor Ulrich Rüdiger auf Interesse: der Beschwerdebrief des türkischen Generalkonsuls unter Glas.

Die türkische Gemeinschaft in Deutschland sei enttäuscht, dass "die Leitung einer öffentlich-rechtlichen Institution die Schirmherrschaft für eine mit Vorurteilen beladene Ausstellung unterstützt", so führt der Generalkonsul Cem Örnekol aus. Türken müssten dies als Demütigung empfinden. Der Generalkonsul warnt, dass die Ausstellung auch negative Folgen für städtepartnerschaftliche Initiativen der Stadt Konstanz in der Türkei haben könnte. "Wir wollen deutlich machen, wohin Intoleranz und Hass führen", sagt der Landrat bei der Ausstellungseröffnung. Es gehe nicht um Schuldzuweisung, sondern um die Schärfung der Wahrnehmung. Jede Gesellschaft müsse sich der Aufarbeitung der Geschichte stellen. Und: "Es geht auch um Meinungsfreiheit." Er sei erschrocken, dass am Bodensee wohnende Armenier baten, die Ausstellung abzusagen, weil sie Nachteile für sich und Angehörige in der Türkei befürchten. "Reicht der Arm von Herrn Erdogan bis nach Konstanz?", fragt Hämmerle.

Cem Özdemir, Bundesvorsitzender der Grünen und prominenter Redner im Konstanzer Landratsamt, wertet die Aufarbeitung der Völkermorde des 20. Jahrhunderts als Bildungsauftrag: "Die Schulkinder sollten etwas lesen können über die Völkermorde und Debatten." In Schulbüchern fehlten Hinweise auf den Völkermord an den Armeniern. Özdemir erinnert auch an deutsche Mitverantwortung für die Verbrechen an den Armeniern: "Die Türkei sollte im Ersten Weltkrieg an der Seite Deutschlands gehalten werden." Das Deutsche Reich sei über die Verbrechen informiert gewesen und habe diese in Kauf genommen. Özdemir verwies auf weitere Völkermorde im 20. Jahrhundert. Er erinnerte an das Schicksal der Herero und Nama in Namibia. Hier sei Deutschland nicht nur Mittäter, sondern Haupttäter. Und heute: "Wir müssen uns der Diskussion stellen. Der Geist des Populismus und Ultranationalismus ist auch im Westen vorhanden."

Als die Präsentation der Wanderausstellung Anfang 2016 in der Volkshochschule Aachen gezeigt wurde, blieb es nicht bei verbaler Kritik. Ein Unbekannter zerschnitt eine Ausstellungswand. Ein politischer Hintergrund wurde vermutet. Die Veranstalter im Landratsamt haben eine Videoüberwachung im Ausstellungsbereich eingerichtet. Möglichen Störungen am Eröffnungsabend beugten die Veranstalter in Konstanz mit peniblen Einlasskontrollen vor. Keine besonderen Vorkommnisse, so hieß es am Ende.

Ausstellung "1915-2015, Armenische Architektur und Genozid", Landratsamt Konstanz, Benediktinerplatz 1, bis 22. Februar

Podiumsdiskussion

"Der Völkermord an den Armeniern – darf man das sagen?" Darüber diskutieren am Donnerstag, 16. Februar, Beginn 19 Uhr, fünf Experten im Landratsamt Konstanz. Stellung beziehen werden: Aleida Assmann (Uni Konstanz), die zum Thema Erinnerungskultur forscht, die Armenien-Spezialistin Tessa Hofmann (Osteuropa-Institut FU Berlin), Raffi Kantian (Vorsitzender der Deutsch-Armenischen Gesellschaft) und Seyhan Bayraktar (Institut für Soziologie, Uni Basel). Ali Söylemezoglu (Verein Dialog für Frieden) wird die türkische Sicht auf die Geschehnisse verdeutlichen. Moderator ist Dieter Löffler, Leiter des Ressorts Politik beim SÜDKURIER.