Konstanz Antje Boll (BUND) gegen Uli Burchardt: Debatte um Wachstumsdruck in Konstanz

Auf Einladung der Bürgergemeinschaft Allmannsdorf-Staad-Egg diskutierten der OB und die Naturschützerin darüber, wie viel Wohnbauprogramm gut ist – und wo die Grenze ist

Antje Boll, Geschäftführerin des Bundes für Umwelt und Naturschutz, übt Generalkritik am Handlungsprogramm Wohnen der Stadt Konstanz. In einer Debatte bei der Bürgergemeinschaft Allmannsdorf tauschten sich die Naturschützerin und Oberbürgermeister Uli Burchardt vor rund 70 Gästen zum Bodensee-Leitbilds aus. In der internationalen Erklärung wurden Eckpfeilfer für den Erhalt der einzigartigen Bodenseelandschaft formuliert. Boll beklagte, Konstanz verstoße vielfach gegen die Grundsätze im Leitbild und forderte dazu auf, die Wachstumsbremse zu treten. OB Uli Burchardt dagegen sieht eine maßvolle Entwicklung als unaufhaltsamen Wandel an, und widersprach der Ansicht, die Stadt missachte dabei das Leitbild.

Der Siedlungsdruck auf die einzigartige Bodenseelandschaft wächst, dies legte Sven Martin, Vorsitzender der Bürgergemeinschaft, anhand von Zahlen dar. Demnach befinden sich nicht nur das Oberzentrum Konstanz auf Wachstumskurs, sondern auch kleinere Orte wie Bodman-Ludwigshafen, Owingen oder Salem. Heute lebten vier Millionen Menschen im Bodenseeraum, elf Prozent mehr als vor 16 Jahren. Viele Bürger fühlten sich nicht mehr wohl wegen der ständig dichteren Bebauung. Ist es möglich, unter diesen Bedingungen den einzigartigen Naturraum mit dem Trinkwasserspeicher Bodensee überhaupt zu erhalten, fragte Martin in die Runde.

Für die Naturschützerin Boll ist klar: Werde das Bodensee-Leitbild nicht kosequent umgesetzt, komme es zum Raubbau an der Landschaft. Das Leitbild sehe beispielsweise das seeabgewandte Bauen, den Erhalt naturbelassener Uferstücke und den Erhalt von Grünverbindungen zwischen See und Hinterland vor. Dies alles sieht Boll durch gefährdet durch Straßen- und Siedlungsbau. Durch das Handlungsprogramm Wohnen der Stadt Konstanz würden massiv neue Baugebiete erschlossen, und neue Flächen verbraucht. Sie forderte, nur mehr Wohnungen für untere Gehaltsgruppen zu bauen, die heute schwer oder gar keine Wohnung in Konstanz finden. Sie kritisierte zwei konkrete Neubauten im Zuge des Handlungsprogramms. Es seien hier Luxuswohnungen für Preise zwischen 600000 und 700000 Euro entstanden, statt bezahlbarer Wohnraum. Die BUND-Geschäftsführerin mahnte, dem spekulativen Wohnungsbau Einhalt zu gebieten. "Das Kapital aus ganz Europa fließt hierher." Boll sieht es weiter als notwendig an, die Grundsätze des Bodenseeleitbilds verbindlich in die Bauleit- und Regionalplanung aufzunehmen. Das umstrittene Fracking (Zerklüften des Gesteins mittels Chemikalien bei Tiefenbohrungen) müsse grenzüberschreitend am See geächtet, und die aktuell diskutierte Massentierhaltung von Fischkulturen im See strikt untersagt werden.

OB Uli Burchardt widersprach der Naturschützerin. Er sieht keine bedrohliche Entwicklung im Sinne des Bodensee-Leitbilds und keine Verstöße dagegen. Die Stadt arbeite auch nicht im Sinne von Investoren, sondern habe das Gesamtwohl im Blick. Das Handlungsprogramm Wohnen sei von allen Fraktionen und Gruppierungen im Gemeinderat einstimmig verabschiedet worden. Es sei das fundierte Papier einer an Nachhaltigkeit orientierten Stadt. Konstanz zähle zu den Städten, die sich positiv entwickelt haben, und deshalb besonders viele Menschen anziehen. Dabei sei das große Problem nicht die Zuwanderung an sich, sondern die Menge an Wohnraum, die jede Person für sich in Anspruch nehme. Denn diese sei immer weiter gestiegen. In einem Modellprojekt wolle die Stadt attraktive Möglichkeiten für das Wohnen auf weniger Quadratmetern bieten. Der OB sieht zudem Bedarf für neue Gewerbeflächen. "Wir müssen einen Weg des smarten Wachstums finden." Mit Blick auf die Verwaltung sagte er: "Meine Leute können nicht einfach nur sagen, was sie alles nicht wollen. Sie müssen Lösungen bringen." Aus Nachfragen aus dem Publikum sagte der OB über die Lage des Verkehrs in Konstanz: "Wir stehen da, wo jede attraktive Stadt auch steht. Wir haben ein Problem." Die Beschlüsse zur Neuregelung des Innenstadtverkehrs seien aber gefasst. Der OB sieht Entwicklungen als grundsätzlich normal an. "Es gibt keine Stabilität in der Natur." Vieles hätte sich auch positiv entwickelt: "Im Konstanz vor 40 Jahren, da wollten sie heute nicht mehr leben."

Zuhörer kritsierten, das Ökosystem sei schon heute ganz enorm aus dem Gleichgewicht, was sich beispielsweise am massiven Schwund von Insekten zeige. Künftige Generationen hätten auch ein Recht auf intakte Naturlandschaften. Andere forderten, weitere Entwicklungen zuzulassen. "Es ist nicht fair zu sagen: Ich bin jetzt hier und nach mir ist das Ende der Entwicklung", sagte ein Sprecher aus dem Publikum.

Das Bodensee-Leitbild

Es handelt sich um das Werk der Internationalen Bodenseekonferenz (IBK), also der Kooperationsgemeinschaft der Bodensee-Anrainer Baden-Württemberg, Bayern, Vorarlberg, Appenzell, St. Gallen, Schaffhausen, Thurgau sowie Liechtenstein Die IBK hat sich zum Ziel gesetzt, die Bodenseeregion als attraktiven Lebens-, Natur-, Kultur- und Wirtschaftsraum zu erhalten und zu fördern. (rin)

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