Zwei Menschen verlieben sich, heiraten, bekommen Kinder. Doch mit der Zeit vergiftet sich ihre Beziehung. Die Ehe – sie wird zur Hölle. Aus Egoismus wird Rechthaberei, aus Überdruss Hass, aus Eitelkeit rasende Eifersucht. Warum werden Paare manchmal so schnell so unglücklich miteinander? "Es ist nicht einfach nur ein Eifersuchtsdrama", sagt Annette Vietor über das Theaterstück, das sie gerade probt. 

"Es geht um mehr. Welchen Stellenwert beispielsweise Liebe, Ehe und Moral haben. Oder wie die Gesellschaft Beziehungen beeinflusst".

In wenigen Tagen ist Premiere im K9. Hinter Annette Vietor liegen dann Monate intensiver Proben, die ihr auch als Mutter viel abverlangen – schließlich hat sie drei Kinder, leitet seit dem Schuljahr 2017/2018 die Theater AG der Haidelmoos Grundschule und betreut darüber hinaus ein Theaterprojekt im Jugendzentrum mit. "Wie sie das alles schafft, weiß ich auch nicht", sagt ihr Kollege und Regisseur Denis Ponomarenko. Gutes Zeitmanagement? "Management wäre das falsche Wort", antwortet Annette Vietor und lacht. "Jeder Tag ist anders".

Geburtsort: Ein Flughafen in Phoenix, USA

Jeder Tag ist anders: Was andere vielleicht als stressig empfinden, ist gewissermaßen Annette Vietors Lebensmotto. Schon ihr Vater war jeden Tag an einem anderen Ort, und erfuhr erst kurz vorher, wo es überhaupt hin geht. Als Pilot arbeitete er bei der Lufthansa, als Annette Vietor in einem kleinen Krankenhaus am Flughafen von Phoenix, USA geboren wird. Sie wächst in Aschaffenburg auf, macht dort Abitur.

Was danach kommt, wusste sie nicht schon davor. "Ich war nie eine von denen, die schon in der fünften Klasse wusste, dass sie Ärztin wird. Warum auch? Das Leben ist lang genug, da kann so viel passieren." In Berlin macht sie eine Ausbildung als Filmeditorin und studiert später Ethnologie, Altamerikanistik und Japanologie. Ein bisschen japanisch kann sie bis heute – wenn auch mehr die Wirtschaftsbegriffe, die sie gelernt hat. "Ich kann sagen, wie groß das Wirtschaftswachstum von Tokio ist – aber nicht, dass ich Hunger habe".

"Jeden Tag an einem anderen Ort zu sein – das habe ich geliebt"

Nach dem Studium reist Annette Vietor mit ihrem Freund nach Mexiko und lebt dort für mehrere Monate. Eine passende Stelle findet sie aber auch dort nicht. Zurück in Berlin bewirbt sie sich als Flugbegleiterin. Und findet schließlich tausende Meter über dem Boden ihren Traumjob. "Ich habe diese Unregelmäßigkeit, dieses ständige woanders sein geliebt". Annette Vietor fliegt 16 Jahre lang, Kurz- und Langstrecken, von Mallorca bis Thailand. Angst habe sie nie gehabt. Aber nach dem Anschlägen vom 11. September habe sich doch etwas verändert. "Man hat die Passagiere plötzlich anders angeschaut. Wer sich da nur am Schuh rumfummelte, war irgendwie verdächtig."

Ihr Herz hat sie inzwischen neu vergeben

Und noch etwas war anders: 2000 kommt ihr Sohn Vincent auf die Welt, 2003 Josephine und 2009 Paula. Von Berlin zieht Annette Vietor in die Schweiz, wo ihr Mann arbeitet, und später nach Konstanz. Zunächst arbeitet sie in Teilzeit und pendelt zu jedem Flug nach Frankfurt, bis sie feststellt: Auch das raubt zu viel Zeit vom Familienkonto. "Mein Mann arbeitet schon viel – und ich war dann auch noch an den zwei Wochenenden im Monat weg, die wir vielleicht gemeinsam gehabt hätten." Annette Vietor kündigt – mit schwerem Herzen und einem langen Brief an ihren Arbeitgeber.

"Das Fliegen war mein Leben. Diesen Ausweis abzugeben war schrecklich. Es hat mir das Herz herausgerissen", sagt sie. Ihr Herz hat sie inzwischen neu vergeben, an eine spät entdeckte Liebe. "Dass nicht nur das Theater in mein Leben trat, war ein Glück. Sondern auch, dass es auch noch so tolle Leute zu mir in mein Leben gebracht hat. Ich könnte mir niemand besseren vorstellen, mit dem ich zusammen arbeiten möchte", sagt Annette Vietor über Denis Ponomarenko, Sylvia Seminara und ihren Schauspielkollegen Tarek Boschko, hier im Bild zu sehen: 

"Zum Glück habe ich so einen tollen Mann und so wunderbare Kinder – wenn sie sich nicht so mitfreuen würden und mir mit so vielem helfen würden, könnte ich das alles gar nicht machen", sagt Annette Vietor, hier bei den Proben mit Tarek Boschko zur Kreutzersonate. <em>Bild: Tim Vietor</em>

Die ganze Familie unterstützt sie

"Gut, die Zeiten, vor allem während der intensiven Proben, sind genauso bekloppt", sagt Vietor und lacht. "Zum Glück habe ich aber auch so einen tollen Mann und so wunderbare Kinder – wenn sie sich nicht so mitfreuen würden und mir mit so vielem helfen würden, könnte ich das alles gar nicht machen", sagt Annette Vietor und ergänzt: "Klingt jetzt vielleicht ein bisschen dramatisch, aber es ist so". Bei der Premiere werden sie mit dabei sein, auf den Brettern, die der Mama die Welt bedeuten. Und längst auch ihre Kinder begeistern. Sie spielen im Jugendclub des Theaters, des Jugendzentrums und in der Theater-AG mit. So geht kreatives Familienmanagement.

Premiere am 20. April 

Annette Vietor, 52, ist eine der beiden Darsteller bei Splitter, einem freien Konstanzer Theater. Vietor hat inzwischen an mehreren Schauspielkursen teilgenommen und war an verschiedenen Vorführungen des Konstanzer Theaterclubs beteiligt. Wer sie live auf der Bühne sehen will, hat ab 20. April die Gelegenheit. Um 20 Uhr ist im Kulturzentrum K9 die Premiere des Stücks "Die Kreuzersonate" nach Leo Tolstoi. Eintritt 10 Euro/ermäßigt 8 Euro

Alle Termine und Orte:www.facebook.com/splittertheater