Sebastian ist überall.

Auf den weiß lackierten Holzschildern an der Haustür des kleinen Reihenhauses in Steinen im Kreis Lörrach steht sein Name gemeinsam mit denen seiner Eltern und der beiden Geschwister. Im Wohnzimmer hängen sein Foto und eine Kinderzeichnung.

Doch Sebastian nicht mehr da.

Anfang März starb der 23-Jährige bei einem nächtlichen Brand in seiner Wohnung in Konstanz.

„Dass etwas mit Sebastian sein könnte, war für uns so ganz weit weg“, erinnert sich Ronny Egelkraut an sein Gefühl, als ihn Anfang März Mitarbeiter des Lörracher Kriseninterventionsteams des Roten Kreuzes bei der Arbeit aufsuchten.

Und doch war da etwas Schlimmes passiert in Konstanz mit seinem so zuverlässigen Ältesten, der dort seit zwei Jahren lebte. Bilder zeigen den Großeinsatz der Feuerwehr. Die Hauswand an dem mehrstöckigen Gebäude in Petershausen ist rußgeschwärzt.

Bild: Christopher Kutschker

Die Bewohner mussten evakuiert werden. Für Sebastian aber kam jede Hilfe zu spät.

Zwei Wochen nach der Katastrophe sitzen die Eltern im Wohnzimmer ihres gemütlichen Zuhauses in Steinen und können die Situation nach wie vor nicht fassen. Sie haben jede Menge Fragen und kaum eine Antwort.

„Es hat ihm gefallen in Konstanz“, sagt Andrea Leithner. Die Stadt am Bodensee war für den Sohn die erste Station auf dem Weg in ein eigenständiges Leben – seit zwei Jahren lebte er im Stadtteil Petershausen. Andrea Leithner ist Kinderkrankenschwester in der Frühchenstation eines Lörracher Krankenhauses. Dass Eltern um Kinder trauern müssen, ist ihr daher nur allzu vertraut.

„Ich habe lernen müssen, dass es keine absolute Sicherheit gibt.“
Andrea Leithner, Sebastians Mutter

Sie meint damit, dass der in Sebastians Wohnung installierte Rauchmelder in der Nacht des 6. März wohl zuverlässig ausgelöst hat, dass dies aber dem Schlafenden nicht half, weil er durch die giftigen Dämpfe sehr schnell das Bewusstsein verlor.

Die neunjährige Tochter Svana schmiegt sich an die Mutter. Sie hat kurz nach dem Tod ihres großen Bruders ein Porträt gezeichnet. „Sebastian, ich hab dich lieb“ steht darunter. „Er hat immer aufgepasst, dass die anderen mich nicht ärgern“, sagt das Mädchen. Nur beim Monopolyspielen habe er immer gewinnen wollen.

Und dann sagt Svana sehr ernsthaft: „Mein größter Wunsch wäre es, dass er wieder leben würde.“

Silvan, der drei Jahre jüngere Bruder, lenkt sich derweil mit dem Malen von Ölbildern davon ab, dass Sebastian nicht mehr ist.

Es gibt so viel Positives, was die Eltern über den Sohn zu erzählen wissen. „Er war ein so fröhlicher, offener Typ“, sagt Ronny Egelkraut. Einer, der mit natürlicher Höflichkeit und Freude die Nachbarschaft unterhielt.

Zugleich sei Sebastian aber auch die Familie wichtig gewesen, er sei ebenso gern bei der Oma und den beiden Opas im fernen Plauen gewesen wie bei der Tante in der Nähe von Frankfurt.

Er habe die Natur geliebt, sei ein großer Fan von Mineralien und Pflanzen gewesen, habe gerne gelesen und Spiele gespielt. Ganz besonders habe sich Sebastian für Kinder eingesetzt, ergänzt Vater Ronny.

Der junge Mann war viele Jahre aktiv in der Leichtathletikabteilung des TuS Höllstein in Steinen und hatte sich um den Nachwuchs gekümmert.

Seit Kindertagen habe Sebastian sich außerdem in der Lörracher Friedensgemeinde engagiert. Mit Kindergruppen ging es alljährlich nach Sylt – zunächst als Teilnehmer, später als Betreuer. Andrea Leithner sagt über das soziale Engagement ihres Sohnes: „Er war keiner, der vorgeprescht ist, aber er war immer da.“

Sebastian zieht nach Konstanz, um eine Ausbildung zu beginnen

Als es schließlich um die Entscheidung ging, womit er als junger Erwachsener seine Brötchen verdienen wollte, habe sich ihr Sohn sich für eine Ausbildung zum Industriemechaniker entschieden. Und nachdem die Freundin, die Sebastian beim TuS Höllstein kennengelernte hatte, ein Studium in Konstanz aufgenommen hatte, folgte er ihr mit dem Gesellenbrief in der Tasche an den Bodensee.

„Uns tröstet, dass wir mit ihm auch nach seinem Auszug stets intensiv im Austausch waren“, sagt Andrea Leithner. Erst am Geburtstag des Vaters im Januar war Sebastian einige Tage daheim in Steinen gewesen.

Ein Trost ist der Familie auch die mitfühlende Art, mit der die Nachbarn auf das furchtbare Ereignis reagiert haben. „Das hat niemanden gleichgültig gelassen“, meint Ronny Egelkraut. Und auch bei all den Besuchen, den Anrufen und intensiven Gesprächen sei deutlich geworden, welche Persönlichkeit da mit gerade mal 23 Jahren gestorben ist.

Eines hat das Paar beschlossen: Andrea Leithner und Ronny Egelkraut wollen nicht, dass der Tod, die Trauer und das Gefühl des Verlustes die Kontrolle in ihrem Leben übernehmen.

Sie möchten Sebastian in lebendiger Erinnerung behalten mit allem, was er an Positivem in die Familie eingebracht hat.

„Das geht auch gar nicht anders. Wir dürfen nicht in Trauer versinken. Unsere beiden uns gebliebenen Kinder brauchen uns jetzt schließlich mehr als je zuvor.“
Andrea Leithner

Das Ehepaar weiß, dass noch schwere Tage auf sie zukommen. Und dass diese mit der Beerdigung auf dem Steinener Friedhof ganz sicher noch nicht vorbei sein werden.

Sebastian wird weiter da sein in ihrem Leben. Nicht nur auf Bildern und Namensschildern.

Sebastians Tod hat die Familie in finanzielle Bedrängnis gebracht. Für die Überführung, die Grabstelle und -pflege und vieles mehr stehen Kosten von rund 8000 Euro ins Haus. Wer helfen möchte, kann dies per E-Mail (beerdigungsl@gmail.com) tun: Es gibt eine automatische Weiterleitung zum Paypalkonto von Andrea Leithner.