Man stelle sich vor, dass allein eine Stadt wie Konstanz 30 000 Flüchtlinge unterbringen und versorgen müsste. In Relation gesehen, ist das in etwa das Problem, vor dem der Libanon steht. In dem Land im Mittleren Osten leben rund vier Millionen Libanesen, hinzukommen etwa eine Million registrierte syrische Flüchtlinge und 300 000 Palästinenser. Wie können ein Land und die Menschen vor Ort eine solche Aufgabe stemmen?

Steffi Gentner sitzt in der Küche ihrer Konstanzer Altbauwohnung und zeigt Bilder aus dem Bekaa-Tal, im Osten des Libanon, nahe der syrischen Grenze. Ein Jahr hat die Politologin und promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin in der Stadt Zahlé gelebt und von dort für die Kaufbeurer Hilfsorganisation Humedica die medizinische Betreuung von Kriegsflüchtlingen als Landesdirektorin koordiniert. Ein Projekt, das durch die finanzielle Unterstützung des deutschen Auswärtigen Amtes ermöglicht wird. Davor hat sie bei der WHO in Genf gearbeitet, war unter anderem für kürzere Missionen im Jemen und in Zimbabwe und für Humedica in Uganda tätig. Gentner zeigt Bilder, die einer der Ärzte aus ihrem Team gemacht hat. Bilder von den Lagern, von Überschwemmungen, von zerrissenen Familien und lachenden Kindern, die in Zelten zur Welt gekommen sind und kein anderes Leben kennen. Riesige Lager wie in Jordanien gibt es im Libanon nicht. Die Syrer werden vom Staat nur geduldet. Viele von ihnen zelten in informellen Lagern, auf Äckern, die sie meistens von libanesischen Bauern gemietet haben. Die mobilen Ärzte-Teams von Humedica ziehen von Zeltdorf zu Zeltdorf und bieten Sprechstunden an – bis zu 3400 Patienten werden pro Monat behandelt, berichtet Gentner.

Der Libanon ist ein kleines Land mit Problemen, die seit dem Krieg im benachbarten Syrien größer geworden sind. Noch ist die Lage im Land stabil. "Die Libanesen lieben das Leben, haben eine unglaubliche Widerstandkraft ", sagt Gentner. Aber das Land sei an der Grenze seiner Belastbarkeit angekommen. Hilfe ist dringend nötig, betonte kürzlich UN-Generalsekretär Ban. In einem Dokumentarfilm der Heinrich-Böll-Stiftung mit dem Titel "Eine tickende Bombe" wird deutlich, dass die Stimmung im Land droht, zu kippen. Sowohl bei den Einheimischen als auch bei den Flüchtlingen. "Die Frustrationsgrenze ist nach fünf Jahren extrem gestiegen", bestätigt Gentner. Auch, weil der Wert der elektronische Lebensmittelkarten, die die Syrer bis 2015 von dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen bekamen reduziert werden musste - auf zwischenzeitlich 14 US-Dollar im Monat.* Alles Gründe, warum sich im Sommer viele Syrer auf den Weg nach Deutschland machten. Die, die geblieben sind, versuchen, sich irgendwie durchzuschlagen. In einem Land, in dem die Mieten und Lebensmittelpreise vergleichbar sind mit denen in Deutschland, sagt Gentner. "Es gibt große gemeinsame Bemühungen von nationaler und internationaler Seite, den syrischen Kindern eine Schulbildung zu vermitteln", sagt Gentner. Das funktioniert nur bedingt. Nur etwa ein Viertel aller Flüchtlingskinder im Libanon werden erreicht. Während eine immer größere Zahl der Flüchtlingskinder zum Lebensunterhalt der Familie beitragen und damit auf eine Schulbildung verzichten muss. Trotz der schwierigen Verhältnisse ist die Geburtenrate in den Camps hoch – unter anderem aus Gründen der Tradition.

Seit ein paar Wochen ist Steffi Gentner zurück in Konstanz. Auf die Interviewanfrage reagiert sie zurückhaltend. "Ich möchte da nicht zu sehr im Mittelpunkt stehen", sagt sie am Telefon. Dass sie doch zusagt, erklärt sie mit ihrer eigenen Motivation, überhaupt in den Libanon zu gehen: "Jeder hat ein Recht auf Gesundheit. Und mich interessieren die Zusammenhänge, sei es politischer, wirtschaftlicher oder gesellschaftlicher Art. Wir leben in einer gemeinsamen Welt, daher ist es immer wichtiger zu verstehen, was, wo und wie etwas passiert. Diese Arbeit ermöglicht es mir, dieses Verständnis zu entwickeln. Es ist meine Art über den Tellerrand hinauszuschauen. Und dabei im besten Fall einen Unterschied zum Besseren zu bewirken.“ Was sie für sich persönlich mitgenommen hat? "Man nimmt sich selbst nicht mehr so wichtig."

 

Das Projekt

Nahe der Grenze Syriens sichern Humedica-Teams die medizinische Versorgung in rund 35 informellen Flüchtlingslagern. Aktuell wird das Projekt um weitere zwei Jahre bis Februar 2018 durch das deutsche Auswärtige Amt finanziert. Neben Aufklärungskomponenten im Bereich der Familienplanung, konnte unter anderem dadurch auch das Team, zu dem Steffi Gentner (Bild) gehörte, durch einen ‚Special Case Officer‘ erweitert werden, der die Betreuung und Weitervermittlung von besonders schweren medizinischen Fällen übernimmt, die nicht in den Camps behandelt werden können. Jedoch fehlt es oft an den finanziellen Ressourcen, den Patienten die benötigte medizinische Versorgung zukommen zu lassen. Humedica sei daher vermehrt auch auf private Spenden angewiesen, so Gentner.

Weitere Infos und Spendenmöglichkeiten: www.humedica.de


* Update vom 19. Mai:
Die Pressesprecherin des UN World Food Programme in Berlin machte uns per Mail darauf aufmerksam, dass die Lebensmittelkarten-Kürzungen von 27 auf zwischenzeitlich 14 US-Dollar im Monat "vor allem dank der großzügigen Unterstützung der Bundesregierung wieder zurückgenommen werden konnten und bis Ende des Jahres ist die Hilfe des Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen für syrische Flüchtlinge im Libanon gesichert"