Wenn alles wie geplant läuft, ist in sieben Jahren, also 2025, der Spatenstich am Hafner, dem neuen Quartier fürs Wohnen und Arbeiten in Wollmatingen. Das Interesse an dem Vorhaben ist riesig, das zeigte sich zum Auftakt der Dialogreihe mit Bürgern, welche bei den Planungsprozessen mitreden sollen. Es kamen rund 450 in die Halle von Wollmatingen. Die Stimmung bewegte sich zwischen Aufbruchseuphorie und Skepsis. Auf der einen Seite steht die Hoffnung auf neuen, vor allem günstigeren Wohnraum für Konstanzer sowie auf ganz neue, gemeinschaftliche Wohnformen auf dem Areal, auf der anderen Seite stehen Sorgen um den Verlust von Grün- sowie Erholungsräumen sowie die Angst vor dem Verkehrskollaps.

Ihre widerstreitenden Anregungen, Bedenken und Wünsche schrieben Bürger auf Klebezettel und auf Würfel, die sie auf einen riesigen Kartenausschnitte des Planungsgebiets setzten. Bürgermeister Karl Langensteiner-Schönborn stellte in Aussicht, es werde das Beste für den Ort entwickelt. Vier zentrale Themen wurden diskutiert:

Wie und für wen wird gebaut?

Die Bürger bewegte vor allem die Frage: „Wie schaffen wir es, dass es ein Stadtteil für Konstanzer wird?“ Einer schlug ein Verfahren vor, nach dem Wohnungen und Grundstücke immer zuerst Konstanzern angeboten werden. Die Stadtverwaltung verfolgt das Ziel vom Wohnen für Alle, mit dem Schwerpunkt preisgedämpften Wohnraum für Familien zu schaffen. An der Vorgabe der Stadt, nach der im Gebiet mindestens 2500 Wohnungen entstehen sollen, rieben sich einige. Sie fragten, ob es nicht besser wäre, so eine Zahl erst bei den Planungen festzulegen.

Die Stadt will am Hafner einen sanften Wachstumskurs verfolgen, bei dem sich Wohnqualität nicht mehr an der Größe einer Wohnung bemisst. Die Flächen sollen effizient genutzt werden, was unter anderem eine Abkehr von der Einfamilienhaus-Bebauung bedeutet.

Wie viel Öko steckt im Hafner?

Doch Hochhäuser lehnen einige Bürger komplett ab, andere wollen sie nur in bestimmten Arealen, eine dritte Gruppe hält bis zu fünfgeschossige Gebäude für verträglich. Bürger regen gemeinschaftliche, generationenübergreifende Wohnformen, Wohnen auch für Senioren und Behinderte sowie Öko-Häuser aus Holz oder anderen recyclebaren Materialien an, mit begrünten Fassaden und Dächern sowie großen Freiräumen. Die einen wollen lieber kein Gewerbe im Areal, andere regen Wohnungen für Handwerker und Platz für ihre Betriebe an.Mehrfach zu finden ist die Forderung nach besonders günstigem Wohnraum. Um den Hafner zu entwickeln, will die Stadt zum Instrument der „städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme“ greifen. Diese biete den Eigentümern und Investoren umfassende Mitwirkungsmöglichkeiten und -rechte, hieß es vonseiten der Planer. Noch laufen Prüfungen dazu.

Wie läuft der Verkehr während und nach der Bauphase?

Auch bei den Verkehrsfragen zeichnen sich schon jetzt größere Konfliktlinien ab. Der geplante Rückbau der Landstraße 220 zwischen Reichenau-Waldsiedlung und Wollmatingen ist umstritten. Die einen wollen ihn unbedingt, die anderen warnen eindringlich davor, weil dann der Verkehr gar nicht mehr fließe. Die Stadt strebt ein autoarmes Quartier an, das, anders als heute, gut angebunden wird ans Radwege- und Carsharingnetz. Ziel sei es, den Ortskern Wollmatingen nicht weiter zu belasten. Unter den Bürger klaffen die Vorstellungen weit auseinander. Die einen träumen von einem autofreien Quartier mit Parkplätzen am Rande und guter Anbindung ans Öffentliche Verkehrsnetz, aber auch alternative Fortbewegungsmittel wie das Lastenrad oder das Carsharing.

Wie viele Wohnungen und Autos kommen denn nun dort hin?

Vorgeschlagen wurden der Aufbau einer Straßenbahn-Verbindung zur Uni und in die Altstadt sowie Straßen, die nur Elektromobile nutzen dürfen. Auch Ladestationen für die Elektromobilität sind vorgeschlagen. Andere gehen davon aus, dass die Effekte des Carsharings überschätzt werden, und zeigen sich grundsätzlich skeptisch. Bei 2500 Wohnungen sei mit mindestens 4000 neuen Autos zu rechnen. Sie fragen sich, wo diese fahren und parken sollen. Konkret wurde gefordert, die Litzlestetter Straße, den Ortskern von Wollmatingen und die Kindlebildstraße nicht zusätzlich zu belasten. Einer schlug eine neue Zufahrt zur Universität über Allmannsdorf und Egg vor.

Welche soziale Infrastruktur bekommt das neue Stadtviertel?

Ziel der Stadt ist es, das neue Quartier in die bestehenden einzubinden. Im Hafner soll das Prinzip der kurzen Wege gelten, ohne den bestehenden Wollmatinger Ortskern zu schwächen. Bürger wünschen sich eine Infrastruktur für Jung und Alt, von der Kindergartengruppe bis zum Alterswohnen, andere wünschen sich ein Quartier ohne Zäune, aber mit Räumen für Inklusion, ein Bürgerzentrum, eine Sporthalle, öffentliche Anlaufstellen für künstlerisch-kreative Projekte sowie integrative Vereine. Auch zu den Eckpfeilern der Planung gehört es, ein sozial gemischtes Quartier für alle Bevölkerungsschichten zu schaffen.

Wie viel Freiräume bleiben im neuen Wohnquartier?

Die Frage, wie dicht und welche Flächen überhaupt bebaut werden sollen, spaltet schon heute. Bürger wollen wissen: Wie und wo wird die Bodenversiegelung ausgeglichen? Sie fordern, dazu auf, den Klimaschutz als übergeordnetes Ziel über das Wohnen zu stellen. Einige Bürger sorgen sich um die Artenvielfalt am Vochenberg, dort seien etwa Siebenschläfer, Rotmilane und Erdhummeln heimisch. Andere sorgen sich um die Vereine, die Gelände im Frankenried nutzen. Wollmatinger fragen, welche Naherholungsgebiete und beliebte Spazierstrecken ihnen noch bleiben. Sie fordern den Erhalt alter Baumbestände und möglichst viele Freiflächen. Freibleibende Biotopflächen sollten zudem mit den umliegenden Naturschutzgebieten verknüpft werden. Das anvisierte Baugebiet liegt im Naturraum Bodanrück. Er ist von Hügeln geprägt und hat heute als Erholungs- und Klimaraum für die Kaltluftbildung Bedeutung. Dies alles wollen die Planer berücksichtigen.

So geht es weiter

Der Dialog mit den Bürgern zum Planungswettbewerb geht in weitere Runden. Bevor die Planer loslegen, können Bürger ihnen ihre Ideen nahe bringen. Noch vor der Sommerpause, vermutlich im Juli, sollen Bürger dann über verschiedene Planungsalternativen diskutieren. Ende des Jahres wird dann voraussichtlich der beste Entwurf ausgewählt. Bis zum Spatenstich am Hafner vergehen aber noch Jahre. Er ist auf 2025 anvisiert. Die Stadt Konstanz hofft, mit der Bebauung des Nördlichen Hafners dem Mangel an Wohnraum und Gewerbeflächen begegnen zu können. Es ist die größte Fläche im Handlungsprogramm Wohnen.