Das könnte man durchaus falsch, oder sollte es besser heißen: richtig verstehen? Das Konstanzer Stadttheater bietet laut eigener Darstellung eine Alternative an zum Kirchgang am siebten Tag der Woche: Das Wort zum Sonntag – so heißt das neue Format von Dramaturg Daniel Grünauer. Wenn die Glocken rufen, öffnet das Theater seine Pforten. Theater als Konkurrenz zur Kirche? Da muss der gebürtige Oberpfälzer lächeln. „Nein, nein“, sagt er beschwichtigend. „Es ist uns natürlich klar, dass der Titel kirchlich besetzt ist. Wir möchten den Menschen eine Möglichkeit bieten, mit weltlichen Personen über Gott, Glaube und Religion zu debattieren.“ Dazu lädt die städtische Institution ab dem zweiten Adventssonntag in regelmäßiger Folge Personen des aktuellen Zeitgeschehens in die Werkstatt ein. Und wie reagiert die Kirche darauf? Immerhin handelt es sich hier um ein geistiges Angebot am heiligen Sonntag just zu dem Zeitpunkt, zu dem der Herr seine Lämmer ins Gotteshaus ruft. Münsterpfarrer und Dekan Mathias Trennert-Hellwig betont seine Gelassenheit, als der SÜDKURIER ihn über die neue Veranstaltung informiert: „Jeder hat das Recht, Formate mit religiösen Themen durchzuführen“, erklärt er. „Ich kenne den Intendanten Christoph Nix sehr gut und saß auch schon mit ihm auf der Bühne. Sein Haus ist sehr interessiert und offen für kirchliche Fragen.“ Vielleicht werde er bei Gelegenheit teilnehmen beim Wort zum Sonntag.

Daniel Grünauer überlegte lange hin und her, wie er dieses schwierige Thema inszenieren könnte. Passend zum Motto der aktuellen Spielzeit „Ist da wer?“ wollte er der Frage nachgehen, nach was sich die Gesellschaft sehnt in unserer Zeit. „Wir alle suchen Gewissheit und Gesundheit“, erzählt er. „Ich höre oft: Ich glaube zwar nicht an die Kirche, aber an Gott.“ Die Widersprüchlichkeit, an Gott zu glauben und beispielsweise durch Yoga Spiritualität erreichen zu wollen, habe ihn fasziniert. „Wir sind dabei, etwas Neues zu erschaffen.“ Ausgangspunkt sind diese Fragen: Könnte das Leben, könnte die Gesellschaft, könnte die Welt ohne Glauben funktionieren? Ist Glauben ein geistiges Vermögen? Lebt man gottlos glücklicher? Wieso geht uns Religion immer weniger an und trotzdem werden wir religiöser?

Der weltliche Gottesdienstersatz im Theater stellt einen hohen Anspruch an sich selbst. Daniel Grünauer versucht, diesem Anspruch mit hochkarätigen Gästen gerecht zu werden: Am Zweiten Advent diskutieren ab 11 Uhr Prof. Dr. Dorothea Lüddeckens, die renommierte deutsche Professorin für Religionswissenschaft mit sozialwissenschaftlicher Ausrichtung am Religionswissenschaftlichen Seminar der Universität Zürich, mit Dr. Nikolai Blaumer, dem Referenten der Abteilung Kultur des Goethe-Instituts. Eine Predigt soll beim Wort zum Sonntag nicht herauskommen. Trotz der Uhrzeit.