Im Schnitt ist es eine Minute der Spannung. Marlene, Julia, Greta, Anton und Elias gruppieren sich locker nebeneinander und rufen sich gegenseitig zur Ordnung. Einer klingelt, dann ist es still. Öffnet jemand? Wenn die Tür aufgeht, schlüpfen alle fünf Kinder schnell in ihre Rolle und singen "Segen bringen, Segen sein". Diese eine Minute ist symptomatisch für den Alltag der Sternsinger im Jahr 2018. Was früher ein wohlbekannter Brauch in allen katholisch geprägten Regionen war, ist inzwischen keine Selbstverständlichkeit mehr.

In den Quartieren, in denen die Kleingruppen unterwegs sind, sind die Menschen evangelisch, katholisch, konfessionslos, bei der Arbeit, im Stress oder haben kaum Ahnung von kirchlichen Bräuchen. Die fünf Sternsinger der Pfarrei Konstanz-Petershausen sind allerdings gut vorbereitet und lassen sich nur schwer irritieren. "Ich finde es cool mitzugehen und anderen zu vermitteln, dass es wichtig ist, zu helfen", erklärt Julia Seeberger, zehn Jahre, ihre Motivation für die Teilnahme an der Aktion. Greta, ebenfalls zehn, gefällt es, die Leute kennenzulernen "und ihnen den Segen zu bringen".

Konstanzer Kinder sammeln für indische Kinder

In diesem Jahr sammeln die Sternsinger für Kinder in Indien, die von Kinderarbeit betroffen sind. Die Neugierde hilft den Sternsingern, auch ablehnende Reaktionen gelassen hinzunehmen. Solche sind an diesem Nachmittag allerdings nicht an der Tagesordnung. Wesentlich häufiger kommt es vor, dass die Kinder an der Tür niemanden antreffen. Und dann gibt es die Adressen, bei denen ein Haushalt die Sternsinger bestellt hat. Heimspiel.

Gerda Müller freut sich über den Besuch. "Ich bin katholisch und finde, dass dieser Brauch zum Glauben dazugehört." Für die Sternsinger hat sie Süßigkeiten parat und eine Spende an das Kindermissionswerk. Auch sonst hat die Gruppe Glück: Eine Spaziergängerin mit Hund kommt vorbei und erklärt, wo sie wohnt. Sie bittet um Besuch der Sternsinger. Es gibt Menschen, die den Segen für das eigene Heim nicht verpassen wollen.

Sternsinger kommen auch auf Bestellung

Ein organisatorisches Problem ergibt sich aus den Seelsorgeeinheiten. Es sei für ein paar Gruppen kaum möglich, alle Straßen der Seelsorgeeinheit abzulaufen, berichtet Pfarrer Andreas Rudiger. Daher sei man zum System der Bestellung übergegangen: Familien, die den Besuch der Sternsinger wünschen, tragen sich in eine Liste ein. Dorthin kommen die Kinder dann auf jeden Fall. An anderen Haustüren in der Nachbarschaft wird nach Zufallsprinzip geklingelt. Bei St. Suso, ebenfalls der Seelsorgeeinheit Konstanz-Petershausen zugehörig, versuchen die Organisatoren bei allen katholischen Haushalten zu klingeln.

Barbara Hiller, 18 Jahre, koordiniert die Gruppen mit 20 Kindern. Sie selbst ist eng verbunden mit der Tradition, schon als Dreijährige sei sie bei den Sternsingern mitgelaufen. Ihre ganze Familie ist kirchlich engagiert, ihr Vater war Mesner, sie ist über die Geschwister mit dem Brauch vertraut geworden. Sie kennt auch die Tiefen des Rundgangs: "Bei Mehrfamilienhäusern wird oft unten aufgemacht, oben an der Wohnung bleibt die Tür dann zu. Viele wollen nicht zugeben, dass sie mit der Sache nichts zu tun haben wollen. Das ist ärgerlich, eigentlich hat jeder die zwei Minuten Zeit." Allerdings hielten sich herzlicher Empfang und Gleichgültigkeit die Waage. Für Barbara Hiller ist die Verbundenheit mit den Sternsingern prägend für eigene Ziele: Nach dem Abitur in diesem Jahr will sie für das Kindermissionswerk nach Bolivien reisen und dort an einem Projekt mitarbeiten.

Die Tradition stammt aus dem Mittelalter

Der Brauch des Sternsingens geht bis ins Mittelalter zurück. Damals ging es etwa Klosterschülern darum, für die eigene Existenz zu sammeln. In manchen Regionen war das Sternsingen nur einzelnen Berufsgruppen erlaubt. In Deutschland, der Schweiz und Österreich wird das Sternsingen heute zwischen Weihnachten und dem 6. Januar von katholischen Gemeinden organisiert.

Diskussionen hat es gelegentlich um den dunkelhäutigen König gegeben, im Laufe der Jahre kamen Rassismus-Vorwürfe auf, wenn Kinder symbolisch schwarz geschminkt wurden. Irmgard Fritz, die seit Jahren in Petershausen mithilft, hat solche Vorwürfe nicht erlebt. Man lasse den 'schwarzen König' einfach weg. "Er ist seit Jahren kein Thema mehr."

Pfarrer Andreas Rudiger ist ein großer Freund des Brauchs, "es ist eine sehr sympathische Tradition". Er betont den diakonischen Aspekt – es gehe darum, dass Kinder aktiv werden, um anderen Kindern zu helfen. "Sie müssen auf die Straße und lernen auch, mit Ablehnung umzugehen." Das passe zum diakonischen Gedanken, dem Dienst des Menschen am Menschen.

Wie die Region den Brauch ausübt

  • Was eingenommen wird: In Konstanz-Petershausen sammelten die Sternsinger 2017 Spenden in Höhe von 11 000 Euro, in der Seelsorgeeinheit Konstanz-Alststadt waren es 7300 Euro. In der Seelsorgeeinheit Singen sammelten Sternsinger 9409 Euro. In Stockach-Wahlwies kamen 3043 Euro zusammen, berichtet Dagmar Lempp von der Seelsorgeeinheit See-End. In kleinen Orten wie im Singener Ortsteil Überlingen am Ried ist die Spendenbereitschaft hoch. Dort sammelten 25 Sternsinger 3500 Euro.
  • Wieviele Kinder im Kreis teilnehmen: In der Altstadtpfarrei Konstanz haben bis 2015 jährlich 25 Kindern teilgenommen, so auch 2018. 2016 und 2017 seien es weniger Teilnehmer gewesen, berichtet Pfarrjugendleiter Philipp de Luca. In der Seelsorgeeinheit Konstanz-Petershausen beteiligen sich 2018 33 Kinder. Auch hier habe es zuvor weniger Beteiligung gegeben, berichtet Diakon Klaus Käfer. In der Seelsorgeeinheit Singen zogen früher fast nur Ministranten durch die Straßen. Da es schwieriger geworden ist, die Jugendlichen für die Aktion zu gewinnen, werben Pfarreien auch Erstkommunionkinder an. Laut Gemeindereferentin Susanne Ploberger stellten sich 2016 rund 80 Kinder zur Verfügung; 2018 sind es nur 40. Diana Auer aus der Seelsorgeeinheit Aachtal startete diesbezüglich einen Aufruf im SÜDKURIER. In Steißlingen steigt hingegen die Zahl. 2017 waren es 76 Teilnehmer, 2018 sind es 80. Das liege laut Mitorganisatorin Sandra Streit daran, dass Kinder aller Konfessionen mitmachen dürfen. Die Sternsinger singen am Montag nach Dreikönig in Schule und Kindergärten. Im Stockacher Ortsteil Wahlwies sind 28 Kinder unterwegs.