Leicht ist es nicht, Almila Bagriacik für ein Interview ans Telefon zu bekommen. Am Berliner Flughafen, kurz vor ihrem Abflug nach Istanbul, klappt es dann doch noch. Die 25-jährige Schauspielerin pendelt gerade zwischen Deutschland und der Türkei, dreht für eine türkische Serie und für die ARD-Reihe Mordkommission Istanbul an der Seite von Erol Sander. „Ich bin gerade dabei, die internationale Brücke zu schaffen“, sagt sie. Beide Länder sind schließlich auch ihre Heimat: In Ankara wurde sie geboren, in Berlin wuchs sie auf. Schon mit fünf Jahren stand sie als Ballett-Tänzerin vor Publikum und spielte im Schultheater mit. Den Traum, später auf der Bühne zu stehen, hatte sie schon früh, sagt Bagriacik.

Wie so viele andere wurde auch ihr Traum durch einen Zufall wahr. Während eines Konzerts einer türkischen Rock-Band im legendären Club SO36 in Berlin-Kreuzberg wird ein Fotograf auf sie aufmerksam und lädt sie zu einem Casting für das Ehrenmord-Drama „Die Fremde“ ein. Bagriacik bekommt die Rolle – und viele weitere folgen: in Fernsehserien wie „Notruf Hafenkante“, „Soko Leipzig“ und „Großstadtrevier“, aber auch beim Tatort und auf der Berliner Theaterbühne. Nebenbei macht sie ihr Abitur und studiert Regie an der Dekra-Hochschule Berlin.

Ihre erste Hauptrolle spielte sie in dem Kinofilm „Hördur – Zwischen den Welten“. Bagriacik stellt darin ein türkisches Mädchen dar, das in der Schule gemobbt wird und auf einem Pferdehof ihr Glück findet. Klingt nach Pferdefilm-Klischee, ist es aber nicht. Der Film spielt zwar mit den altbekannten Rollen – ist aber vor allem ein leidenschaftliches Porträt einer jungen türkischen Migrantin, die ihren Weg findet. „Ich denke schon, dass es von Vorteil ist, wenn man aus dieser Kultur kommt und die Sprache beherrscht. Bestimmte Dinge kann man nicht lernen, bestimmte Dinge fühlt man oder fühlt sie nicht“, ist Bagriacik überzeugt.

Dennoch: Dass sie selbst Türkin in Deutschland ist – darüber hat sie privat lange nicht nachgedacht. Bis zu dem Tag, als sie sich mit der wahren Geschichte von Semiya Simsek auseinandersetzte. Sie war 14 Jahre alt, als ihr Vater Enver, ein türkischstämmiger Blumenhändler, 2001 in Nürnberg das erste Opfer des rechtsradikalen NSU wurde. In der kürzlich ausgestrahlten ARD-Reihe „Mitten in Deutschland“ über die Opfer des NSU spielt Bagriacik Simseks Rolle. „Ich musste mich mit ihrer Identität auseinandersetzen, mit dem Rassismus und dem Fakt, dass Menschen deshalb ermodert wurden, weil sie Türken sind. Das war nicht einfach.“ Die glaubwürdige Identifikation mit ihrer Rolle ist ihr gelungen. „Eine echte Entdeckung“, heißt es einstimmig in den Filmkritiken über Bagriacik. Bitter, dass am Ende nur 2,34 Millionen Zuschauer einschalteten. Bagriaciks Karriere tut das keinen Abbruch – im Gegenteil. Die junge Schauspielerin ist gefragt, bei türkischen wie deutschen Produktionen.

„Ich liebe ja Berlin und kann mir ein Leben ohne diese Stadt nicht vorstellen“, sagt Bagriacik kurz vor dem Aufruf zum Boarding. Aber das besonders Schöne an Istanbul sei eben: das Meer, „dass man mit der Fähre von der asiatischen Seite zur europäischen Seite kommt, dabei einen Tee trinken und die Möwen beobachten kann. Das ist eine unglaublich schöne Freiheit.“

 

Kein Meer, aber ganz viel See: Am 23. April kommt Almila Bagriacik zum Open-Air-Kino des Kinderkulturzentrums nach Konstanz (Reiterhalle Trab, Litzelstetter Straße 90).

Auf dem Programm steht ihr Film „Hördur“.