Die Diagnose kommt völlig unerwartet. Ihr Mann sei im Oktober zum Arzt gegangen, weil er sich schlapp und nicht leistungsfähig fühlte, er habe nachts geschwitzt und nicht gut geschlafen. Das berichtet Silke Baumgartner und es klingt ein wenig als wäre es ein Bericht aus einem früheren Zeitalter.

Der Arzt vermutet zunächst, dass Alexander Baumgartner an Pfeifferschem Drüsenfieber erkrankt ist. Er nimmt dem Patienten Blut ab und schon wenige Tage später äußert der Arzt den Verdacht auf Leukämie. An diesem Tag ändert sich alles im Alltag der Familie: Die Diagnose wird bestätigt, Alexander Baumgartner ist an akuter myeloischer Leukämie erkrankt. Er ist heute 39 Jahre alt und Vater von drei Kindern: Pepe, sechs Jahre, Juli, vier, und Ebba, ein Jahr alt.

Chemotherapie an der Uniklinik Freiburg

„Am Freitag morgen kam mein Mann gleich in die Uniklinik Freiburg und musste dort die nächsten fünf Wochen bleiben. Er bekam die erste Chemotherapie“, berichtet Silke Baumgartner. Es folgt eine Stammzellentransplantation im Januar 2019, Baumgartner bekommt die Stammzellen seines Bruders. Die Hoffnung der Ärzte ist, dass sie den Krebs erfolgreich bekämpfen.

Stammzellen greifen den Körper an

Die Rechnung geht nicht auf. Im Mai wird bei einer regulären Knochenmarkpunktion 100 Tage nach der Transplantation festgestellt, dass sich wieder Krebszellen gebildet haben. Hinzu kommt, dass die darauffolgende Behandlung vermutlich eine Gegenreaktion ausgelöst hat: Die Stammzellen greifen den Körper des Transplantierten an, weil sie diesen als Fremdkörper erkennen.

Zu Besuch an der Uniklinik in Freiburg: Alexander Baumgartner trägt Mundschutz, um sich nicht an einer Infektion anzustecken, links Pepe und Juli, rechts von ihm Silke mit Ebba.
Zu Besuch an der Uniklinik in Freiburg: Alexander Baumgartner trägt Mundschutz, um sich nicht an einer Infektion anzustecken, links Pepe und Juli, rechts von ihm Silke mit Ebba. | Bild: privat

Gekündigt und neue Stelle nicht angetreten

Zu den Sorgen um den Partner kommt für seine Frau die Existenzangst. Alexander Baumgartner war Dozent an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Winterthur. Im Juli kündigt er, zuvor hat er sich an der Fachhochschule St. Gallen beworben und wird dort eingestellt. Der Vertrag mit dem Kanton Zürich läuft bis Ende Dezember.

Zunächst zahlt die FH St. Gallen weiter

Das, was ein ganz normaler arbeitsrechtlicher Vorgang ist, wird nun zum Problem. Baumgartner ist krankgeschrieben, bis Ende Dezember stellt das kein Problem dar. Ab Januar wird er weiter krankgeschrieben, nun will die Fachhochschule St. Gallen wissen, wie die Therapie weiter verlaufen soll. „Sie haben ihn aber von Januar bis April weiter finanziert und seine Stelle freigehalten“, berichtet seine Frau. Zunächst gibt es das volle Gehalt, danach einen Teil davon. Eine individuelle und, wie es die Familie empfindet, sehr faire Lösung, die der Arbeitgeber angeboten habe.

Die Hochschule muss ihrem Mitarbeiter kündigen

Im Mai hätte Alexander Baumgartner die Stelle antreten sollen, in diesem Monat erlebt er einen Rückfall, der Krebs ist wieder da. Für die Hochschule bedeutet es, dass sie ihrem Mitarbeiter kündigen muss, da sie die Stelle nicht länger unbesetzt lassen kann.

Die Krankenkassen sind nicht zuständig, der deutsche Staat auch nicht

In diesem Moment wird es beim Einkommen der Familie kritisch. Krankentagegeld bekommt Baumgartner vom neuen Arbeitgeber nicht, weil ihn die Krankentagegeldversicherung Visana nicht aufnimmt. Die deutsche Techniker Krankenkasse ist nicht zuständig, da er in der Schweiz versichert ist. Auch über die deutsche Arbeitslosenversicherung bekommt die Familie kein Geld: Arbeitslosengeld I gibt es nur, wenn man dem Arbeitsmarkt zur Verfügung steht, Arbeitslosengeld II (Hartz IV) nur, wenn jemand mittellos ist und ebenfalls dem Arbeitsmarkt zur Verfügung steht.

Auch Anwälte haben Schwierigkeiten mit der Situation

„Das war eine Schocksituation für uns“, sagt Silke Baumgartner. Das Ehepaar kontaktiert Anwälte, um sich Hilfe zu holen. Viele antworten ablehnend und begründen dies damit, dass der Fall zu komplex sei. Ende Mai meldet sich überraschend die Pensionskasse des Kantons Zürich. Die Kasse sei zuständig, so der Inhalt des Schreibens, da Baumgartner zum Zeitpunkt, als die Erkrankung auftrat, dort versichert war. Nun ist die Kasse bereit, eine Invalidenrente zu zahlen. Die finanzielle Ungewissheit löst sich damit für die Familie.

Von wem die Familie Hilfe bekommt

Silke Baumgartner ist eigentlich in Elternzeit. Durch die monatelange Unsicherheit, wie es finanziell weitergehen soll, hat sie sich entschieden, einen Tag pro Woche beim SÜDKURIER, ihrem Arbeitgeber, zu arbeiten. „So kann ich jederzeit aufstocken, wenn es nötig sein sollte“. An den anderen Tagen versorgt sie die Kinder und besucht ihren Mann in der Freiburger Uniklinik. Unterstützer habe die Familie viele, berichtet Silke Baumgartner. Jeden Tag kommt eine Familienpflegerin der Caritas und kümmert sich mit Silke Baumgartner zusammen um die Kinder. „Ohne die Unterstützung könnte ich gar nicht arbeiten gehen“, sagt sie. Außerdem gibt es Hilfe von Freunden und aus der Nachbarschaft. Tanya Geyer hat einen „Meal train“ organisiert: Mehrere Familien wechseln sich dabei ab, der Familie Baumgartner ein Mittagessen zu kochen und stellen dieses regelmäßig vor die Tür. Silke Baumgartner weiß das sehr zu schätzen: „Die Übergabe der Taschen mit liebevoll zubereitetem Mittagessen darin ist für mich jedes Mal ein Lichtblick. Es ist ein schönes Gefühl, nicht allein zu sein und umsorgt zu werden von Menschen, die wir zum Teil persönlich nicht mal kennen. Zudem ist es eine große Entlastung, nicht jeden Tag selbst kochen zu müssen“.

Wie es weiter geht

Vor wenigen Tagen hat Alexander Baumgartner eine zweite Transplantation erhalten, dieses Mal mit Stammzellen eines Fremdspenders. Die Stammzellen müssen anwachsen, alle übrigen Krebszellen beseitigen und gesundes Blut bilden. Im Moment ist der Patient auf der Station isoliert, um eine Infektion zu verhindern. Seine Familie hofft mit ihm, dass die Transplantation ihren Zweck dieses Mal zuverlässig tut.

Wer einspringt, wenn der Hauptverdiener nicht mehr arbeiten kann

Thomas Unger, tätig für den Sozialdienst bei den Schmiederkliniken, erläutert, welche staatliche Stellen helfen, wenn ein Arbeitnehmer oder Selbstständiger vorübergehend oder dauerhaft nicht arbeitsfähig ist.

  • Krankengeld: Das Krankengeld der gesetzlichen Krankenkassen kann bis zu 78 Wochen lang gezahlt werden, berichtet Thomas Unger. Allerdings prüfe jede Krankenkasse die Zahlungen regelmäßig und dränge dann darauf, dass der Patient einen Rentenantrag stellen möge. Privatversicherte wiederum haben Anspruch auf Krankentagegeld, sofern das in ihren Leistungen enthalten ist. Sowohl die Auszahlungszeiträume als auch die Höhe des Krankentagegeld sind privatvertraglich geregelt.
  • Arbeitslosengeld II/Hartz IV: Schwieriger wird es für den Patienten, wenn er keinen Anspruch auf Krankentagegeld hat, weil er zum Beispiel selbstständig ist. „Dann fällt er aus dem Leistungsbezug heraus“, sagt Thomas Unger. Diesen Patienten bleibt nur, Arbeitslosengeld II zu beantragen. Allerdings bezieht sich diese Leistung auf die jeweilige Bedürftigkeit. Wer eigenes Vermögen hat, muss erst dieses einsetzen, bevor er Arbeitslosengeld II bekommt.
  • Was passiert bei einer Kündigung? Auch wenn man in Deutschland seinen Job gekündigt hat und den neuen wegen einer Krankheit nicht antreten konnte, bezahlt der alte Arbeitgeber das Gehalt zunächst weiter bis zum Vertragsende. Danach wird in der Regel Krankengeld gezahlt, bis der Patient wieder arbeitsfähig ist oder die Krankenkasse ihn auffordert, einen Rentenantrag zu stellen.