Mit der Absicht, den öffentlichen Nahverkehr zu ergänzen, planen die Stadtwerke und die Stadt Konstanz seit mehr als einem Jahr, ein Fahrradmietsystem einzurichten. "Mit dem Rad kann man Wege erschließen, die nicht mit dem Bus oder anderen öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sind, sogenannte tote Flecken", erklärt Josef Siebler, Pressesprecher der Stadtwerke. Die Idee war bis vor kurzem schon fast in trockenen Tüchern, doch dann stimmte der wichtigste Partner, die Vertreter der Studierendenschaft, gegen die Finanzierung.

Rückblick: Mit einem Fahrradmietsystem möchten die Stadtwerke das Radfahren fördern, um den Stadtverkehr und die Umwelt zu entlasten. In der Stadt sollen Bürger, Studierende, Pendler und auch Touristen an verschiedenen Stationen Fahrräder ausleihen und wieder abgeben können. Mit dieser Idee kamen die Stadtwerke 2015 auf die Studierenden zu. Diese sind eine wichtige Zielgruppe, da sie häufig das Rad nutzen. Ähnliche Konzepte gibt es zum Beispiel in der Stadt Mainz bereits. Es gab Treffen und Verhandlungen über die Finanzierungsentwürfe. Das erste Ergebnis: Der Semesterbeitrag, den die Studierenden jedes halbe Jahr zahlen, soll um zwei Euro erhöht werden. Somit kämen für die Finanzierung jährlich etwa 60 000 Euro von den Studierenden der Universität und der HTWG zusammen. Im Gegenzug könnten diese das Leihrad die erste Stunde kostenlos nutzen. Im Juni veröffentlichte der allgemeine Studierendenausschuss (AStA) der Universität Konstanz dann eine Übersicht zum Fahrradmietsystem. "Stadt und Stadtwerke wollen den Studierenden die Nutzung des Systems besonders schmackhaft machen, indem sie die Nutzungsgebühren für den einzelnen Studierenden auf einen Bruchteil des Normalpreises senken", heißt es darin.

Auf das Informationsschreiben folgte die Online-Umfrage, an der alle Studierenden der Universität teilnehmen konnten. 3425 Studierende, also etwa 33 Prozent, haben abgestimmt. Das Ergebnis: Knapp 74 Prozent befürworteten das Mietsystem. Konkret heißt das, dass sie zustimmten, pro Semester zwei Euro zu zahlen, um das ausgeliehene Fahrrad die erste Stunde kostenlos nutzen zu dürfen. Die Umfrage war jedoch nicht bindend.

Die endgültige Entscheidung lag im Oktober beim sogenannten Legislativen Organ, dem obersten beschlussfassenden Organ der Verfassten Studierendenschaft. Es umfasst 46 Mitglieder, die von den Studierenden gewählt werden. In der Haushaltsdebatte stimmte das Gremium gegen die finanzielle Beteiligung am Fahrradmietsystem – entgegen der Ergebnisses der Online-Umfrage. In der Pressemitteilung heißt es: "Bei den Mitgliedern des Gremiums gab es vor allem rechtliche Bedenken. Die Mehrheit sah es als nicht gerechtfertigt, dass die Studierenden die Hälfte des Systems finanzieren, obwohl 85 Prozent der Studierenden schon ein Fahrrad besitzen und somit nicht wirklich Bedarf besteht."

"Natürlich ist es schade, dass wir dem Abstimmungsergebnis zum Fahrradmietsystem mit unserem Beschluss nicht entsprochen haben", erklärt Maxiliam Schrumpf, Vorsitzender des Legislativen Organs. "Aber wenn 85 Prozent der Studierenden ein eigenes Fahrrad haben, sind 22 000 Euro mit unseren wirtschaftlichen Grundzügen nicht vereinbar." Das Problem sahen sie vor allem darin, dass alle Studierenden den Beitrag zahlen sollten, auch wenn sie bereits ein Fahrrad besitzen. "Seitens der Stadtwerke war von Anfang an kein freiwilliges Modell vorgesehen und da wir die Vertreter aller Studierenden sind, haben wir dagegen entschieden", sagt Schrumpf zum Beschluss. "Außerdem war die Rede von 100 oder 150 Rädern an der Uni. Das steht in keiner Relation zu mehr als 10 000 Studierenden", so Schrumpf.

Warum aber hatte sich das Verkehrsreferat des AStA schon zu Beginn des Jahres für das Fahrradmietsystem stark gemacht und mit den Stadtwerken verhandelt? "Es hatte eigentlich zu wenig Rückhalt und im Laufe des Jahres wurde klar, dass der wirtschaftliche Nutzen zu gering ist. Außerdem war immer klar, dass die endgültige Entscheidung beim Legislativen Organ liegt", erklärt Schrumpf weiter. "Nach der Entscheidung gab es relativ großen Unmut bei einigen Vertretern, die sich dafür eingesetzt haben."

Die Stadtwerke sind von dem Rückzug überrascht: "Wir sind davon ausgegangen, dass es klappt", sagt Siebler. "Es ist schade, denn wir haben viel Zeit verloren." Die Stadtwerke halten aber weiter am Fahrradmietsystem fest. Noch in diesem Jahr soll der Aufsichtsrat entscheiden, wie es mit dem Thema weitergeht. "Das kriegen wir hin", ist Siebler überzeugt. Sie suchten jetzt eine Lösung ohne die Beteiligung der Studierenden. In der Pressemitteilung des AStA wird die Realisierung des Mietsystems weiterhin begrüßt: "Trotz Ablehnung der Finanzierung durch die Studierenden fordern wir die Stadtwerke und die Stadt Konstanz dazu auf, die Realisierung des Fahrradmietsystems zügig voranzubringen." Für die Studenten wird es allerdings keine Sonderkonditionen mehr geben.

Masterplan Mobilität

Im Dezember 2013 beschloss der Gemeinderat den Masterplan Mobilität 2020+. In dem Plan werden für die Gesamtstadt Aussagen getroffen, in welcher Weise sich Konstanz in den nächsten Jahren verkehrlich entwickeln soll. Bezüglich des Radverkehrs findet sich darin unter anderem das Ziel, den Radverkehrsanteil "am Binnenverkehr der Konstanzer Bevölkerung von 24 Prozent auf 28 Prozent" zu erhöhen. Ein Bestandteil, dieses Ziel zu erreichen, ist die geplante Einführung eines Fahrradmietsystems. Die Stadtwerke wollen damit einerseits den oft dichten Verkehr in der Stadt entlasten und das umweltfreundliche Radfahren fördern. Mit der Absage der Studierenden fällt jetzt der wichtigste Mitfinanzierer weg. Die Stadtwerke wollen das Projekt trotzdem verwirklichen. (anf)