Konstanz Abfuhr für Sanierungsprojekt: Gestaltungsbeirat fegt Entwurf für Villa im Musikerviertel vom Tisch

Pläne für eine mächtige Villa im Musikerviertel fallen beim Gestaltungsbeirat durch. Die Eigentümer, Gideon und Benjamin Nissenbaum, und der planende Architekt, Martin Bächle, sind verärgert.

Mit diesem vernichtenden Urteil hatten Gideon und Benjamin Nissenbaum, und auch ihr Architekt Martin Bächle nicht gerechnet. Der Gestaltungsbeirat fegte ihren Gesamtentwurf für eine Sanierung einer Stadtvilla vom Tisch. In erster Linie störten sich die Fachleute an einem geplanten Neubau an dem herrschaftlichten Haus. Damit orientierten sie sich voll und ganz an einem derzeit entstehenden Leitfaden, mit dem Konstanz den Charakter des Musikerviertels erhalten will.

Benjamin und Gideon Nissenbaum hatten gehofft, es mit dem Engagement von Martin Bächle einfacher zu haben, einem in Konstanz angesehenen Architekten, der weiß, auf was es bei Projekten in der Stadt ankommt. Im Gestaltungsbeirat ist er kein Unbekannter, stellte er in dessen jüngster Sitzung nicht zum ersten Mal einen Entwurf vor. Doch es kam anders, als von den Brüdern Nissenbaum gedacht. Mehr als 3,5 Millionen Euro wollten sie in die zwischenzeitlich wenig schmuckvolle Villa an der Neuhauser Straße 19 investieren. Nachbarn hatten im Jahr 2014 gegenüber dem SÜDKURIER bereits eine umfassende Sanierung gefordert, weil das Gebäude ihrer Ansicht nach verfalle.

Nach langer Zeit des Leerstands, nach großen Investitionen in den Erhalt, wie Gideon Nissenbaum den Fachleuten gegenüber erklärte, wollten er und sein Bruder dem Gebäude nun Leben einhauchen. Es steht unter Denkmalschutz, auch wenn in den vergangenen Jahrzehnten leichte Veränderungen stattgefunden haben. So war das Grundstück einst mit der nördlich angrenzenden Parzelle verbunden. Nach der Trennung in zwei Flächen gewährte die Stadt in den 1990er Jahren auf der nördlichen Fläche einen Neubau, der seither die Sichtbeziehung zu einer dahinter stehenden Villa unterbricht.

Die Pläne der Nissenbaums sahen eine Sanierung und Umbau ihrer Villa an der Neuhauser Straße vor, um bis zu sechs Mietwohnung darin unterzubringen. Zudem sollte eine Tiefgarage entstehen und im Norden des knapp 1200 Quadratmeter großen Grundstücks ein solitär stehendes, schmales Haus, in das Gideon Nissenbaum einziehen wollte. Nein, sagte das Gremium und sah es wie das Landesamt für Denkmalpflege, "der Neubau steht dem Grundtypus der Villa vollständig entgegen", erklärte Beiratsmitglied Bärbel Hoffmann. Die Nordfassade "schreit nach Freiraum", ergänzte die Architektin. Sie und ihre Kollegen "können einen Neubau in dieser Situation nicht mittragen". Der Eingriff in den Charakter des Musikerviertels sei zu groß. "Wir sind der Meinung, das geht ganz gut", erwiderte Martin Bächle. Der Norden sei "nicht Schaufassade". Der Architekt konnte die ablehnende Haltung des Gestaltungsbeirats nicht nachvollziehen, zumal in den 1990er Jahren jener Neubau auf dem nördlichen Grundstück genehmigt worden sei.

Bei dieser Kritik des Gestaltungsbeirats blieb es nicht. Er forderte auch einen anderen, einen denkmalgerechten Umgang bei der Sanierung der Jugendstilvilla. Eingriffe in die Fassade und manche Gestaltung im Innenraum passten den Experten nicht. Ein sichtlich verärgerter Benjamin Nissenbaum wollte die Kritik nicht gelten lassen: "Wir müssen rechnen." In Konstanz werde dringend Wohnraum gefordert, doch dann gebe es bei der Umsetzung solche Auflagen. Nissenbaum sprach auch die Forderung von Denkmalschützern an, das mächtige Treppenhaus zu erhalten, das zu viel Fläche bei der Gestaltung der Wohnungen schlucke. "Wir leben nicht mehr im 1920, sondern 2017", sagte Benjamin Nissenbau. Die ablehnende Haltung des Beirats trage nicht zur Wirtschaftlichkeit bei. Ein stets wiederholtes Totschlagargument, erwiderte Peter Müller-Neff, er sitzt als politischer Vertreter für die FGL im Gestaltungsbeirat. Während Benjamin Nissenbaum durchblicken ließ, dass angesichts dieser Reaktion die Villa so bleibt, wie sie ist, dachte sein Bruder Gideon laut über eine Vermietung an Studenten als Wohngemeinschaft nach. Es sei bereits in Vergangenheit nicht gelungen, bei Umplanungen die Wirtschaftlichkeit darzustellen.

Heinrich Fuchs (CDU) versuchte sich an versöhnlichen Worten: "Sehen Sie es nicht ganz so pessimistisch. Bleiben Sie dran." Jörg Aldinger, Vorsitzender des Gestaltungsbeirats, schloss sich an: "Wir würden Sie freundlich bitten, dranzubleiben." Dann gebe es gute Möglichkeiten, die Sanierung und Neunutzung in Abstimmung mit der Denkmalbehörde zu entwickeln. Sollten Benjamin und Gideon Nissenbaum sowie Martin Bächle erneut den Rat des Gremiums wünschen, stehe dieser gerne bereit. Danach sah es nicht aus – zumindest vorerst nicht.

Das Gebäude

Die Jugendstilvilla, die die Architekten Friedrich Bauer und Hans Dahme im Jahr 1910 im Auftrag des Fabrikanten Eugen Blank errichteten. Sie ist ein Zeugnis für die erste und bis etwa 1914 dauernde Ausbauphase des Musikerviertels durch das gehobene Bürgertum. In Tradition der älteren Landsitze umgibt viel Grün den Komplex. Vor rund 30 Jahren lebte noch eine alleinstehende Dame in dem Haus, die an die Familie Nissenbaum verkaufte.

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