Was für die einen ein ganz normaler Kindergarten ist, ist für Briam Daga-Leon und Angela Valdez Ramos das Abenteuer ihres Lebens.

Die beiden Peruaner verbringen gerade ein Jahr als Freiwillige am Bodensee – mehr als 10.000 Kilometer von der geliebten Heimat entfernt. Der 25-jährige Daga-Leon arbeitet im Kinderhaus Heilige Dreifaltigkeit im Konstanzer Stadtteil Stadelhofen, die fünf Jahre jüngere Valdez Ramos in der für sie wohl schier unaussprechlichen Kita namens Käppele auf der Insel Reichenau.

Wobei die Psychologiestudentin erstaunlich viel versteht, wenn man bedenkt, dass sie zum ersten Mal in Europa ist und bei ihrer Ankunft im September noch kein Wort Deutsch sprach. „Die Kinder können alle kein Spanisch“, sagt die 20-Jährige, die daher dazu gezwungen ist, mit dem Reichenauer Nachwuchs in deren Sprache zu kommunizieren.

Angela Valdez Ramos puzzelt mit einem Kind in der Kita Käppele auf der Insel Reichenau.
Angela Valdez Ramos puzzelt mit einem Kind in der Kita Käppele auf der Insel Reichenau. | Bild: Oliver Hanser

Etwas anders sieht es da in Konstanz aus. In der Einrichtung von Daga-Leon sind einige spanischsprachige Kinder. Und wenn der Maschinenbaustudent einmal allein oder mit Fremden unterwegs ist, dann muss er sich eben mit Händen und Füßen verständigen. Als der junge Mann im Herbst mit dem Hausmeister des Kindergartens auf dem Oktoberfest war, da sei eben das Bier der gemeinsame Nenner gewesen, erklärt er lachend.

Und so freuen sich alle, Kinder wie Eltern und Kollegen, wenn wieder einmal Gäste aus Südamerika da sind.

„Wir haben zum vierten Mal in Folge das Glück, jemanden bekommen zu haben. Vielfalt ist Teil unseres Geschäfts, wir haben Kinder aus verschiedenen Nationen mit unterschiedlichen Sprachen.“
Timo Venedey, Leiter des Kinderhauses Dreifaltigkeit

Die Freiwilligen kommen aus ganz Peru, einige davon wie Briam Daga-Leon und Angela Valdez Ramos aus der 400.000-Einwohner-Stadt Huancayo in den Anden, etwa 250 Kilometer östlich der Hauptstadt Lima. Für sie ist das fremde Leben in Deutschland eine ganz besondere Erfahrung.

„Konstanz ist ein schöner Ort mit viel Geschichte.“
Briam Daga-Leon

Der Fußballfan Daga-Leon lebt im Studentenwohnheim und isst besonders gerne Pfannkuchen und Bratwürste. Vom Bodensee ist der 25-Jährige beeindruckt. Etwas leise sei es in seiner vorübergehenden neuen Heimat, ergänzt er schmunzelnd: „In Peru hört man überall Musik.“

Angela Valdez Ramos, die gerne spazieren geht und von der deutschen Mülltrennung schwärmt, hat das kulinarische Angebot auf der Insel Reichenau schnell schätzen gelernt.

„Ich helfe gerne beim Mittagessen machen. Hier gibt es viel Gemüse und Salat. Das schmeckt richtig gut. Und besonders mag ich die Desserts.“
Angela Valdez Ramos

Nur an eines können die Peruaner sich nicht recht gewöhnen: die vielen Klamotten. „Die Jahreszeiten sind ganz neu für mich. Einen Winter wie hier kannte ich nicht“, sagt Daga-Leon. „Normalerweise habe ich nicht so viel an. Hier musste ich mich so dick anziehen wie noch nie, mit Handschuhen oder einem Schal“, fährt er fort.

Neu ist für die beiden zudem die Art der Erziehung im Kindergarten.

„Hier haben die Kinder viele verschiedene Orte, an denen sie lernen und spielen können, wie sie wollen. In Deutschland ist alles viel spielerischer.“
Briam Daga-Leon

In Peru dagegen gebe es eine Art Klasse, in denen die Kinder Unterricht haben, ergänzt Angela Valdez Ramos.

So lernen die Gäste aus den Anden nicht nur eine neue Kultur kennen, sondern auch einen ganz anderen Umgang mit Kindern. „Meine Erfahrungen haben mir geholfen, die Pädagogik im Kindergarten zu lernen und zu sehen, wie man die guten Dinge auf mein Land reflektieren kann“, erklärt Angela Valdez Ramos.

„Die Kinder sind anstrengend aber lieb. Jeden Tag nach Feierabend habe ich die Schuhe voller Sand, oder ich bin verausgabt vom vielen Spielen. Denn in mir ist ja auch noch ein Kind.“
Briam Daga-Leon

Sein Chef Timo Venedey ist jedenfalls von der Nachhaltigkeit des Projekts „Vamos“, zu Deutsch: „Auf geht’s“, begeistert. „Viele ehemalige Freiwillige bleiben dabei und werden Paten für ihre Nachfolger, begleiten sie und geben Tipps“, erklärt er, „das trägt zur Verständigung zwischen den Kontinenten bei.“

Am Ende ihrer Freiwilligenzeit wollen die beiden Südamerikaner im Sommer ihren Urlaub auf dem fremden Kontinent genießen und durch Europa reisen. Briam Daga-Leon möchte noch mehr vom Bodensee sehen und nach München fahren.

„Paris, Italien – und natürlich Spanien.“
Angela Valdez Ramos möchte noch viel von Europa sehen

Dann wird es auch endlich wieder warm sein, und Handschuhe und Schals sind längst im Schrank verstaut. „Ich bin unfassbar dankbar, dass ich diese Möglichkeit habe und freue mich auf weitere Tage voller Freude und Erkenntnisse“, sagt .

„Deutschland und Konstanz werden mit Sicherheit einen Platz in meinem Herzen haben.
Briam Daga-Leon

Daga-Leon und Valdez Ramos sind zwei von zehn jungen Erwachsenen aus Peru, die derzeit ein Freiwilliges Jahr in Südbaden absolvieren. Organisiert wird der Auslandsaufenthalt von „Vamos“, dem Süd-Nord-Freiwilligenprogramm von Color Esperanza und der Erzdiözese Freiburg aus Deutschland sowie von Voluntades und Yanapachikun aus Peru.