Ein bisschen komisch oder eklig sei es schon, wenn ein Junge auf einen Jungen steht, sagt Tobias. Der 16-Jährige geht auf ein Gymnasium im Kreis Konstanz und kennt die Schimpfwörter, die über den Pausenhof hallen: "Schwuchtel" oder "Homo" zum Beispiel. Er selbst stehe auf Mädchen, eine Freundin hatte er schon, betont er. Einen "richtig Schwulen" oder eine Lesbe kennt er nicht. Rein theoretisch müsste aber mindestens einer in seiner Klasse sitzen. Fünf bis zehn Prozent der Menschen sind homosexuell, sagen die Statistiken. Und der Rest? Der ist jenen gegenüber oft negativ eingestellt, vor allem an den Schulen, lautete das Fazit einer Studie der Berliner Humboldt-Universität aus dem Jahr 2012. Auch deshalb, weil sexuelle Vielfalt kaum ein Thema ist, das in den Schulen angesprochen wird. Keine Zeit, kein Anlass, keine Materialien, wird überbewertet, heißt es von Seiten mancher Lehrer.

Burkhard Lehner will das ändern. Und zwar direkt in den Konstanzer Klassenzimmern. Das Bildungsprojekt, das er gemeinsam mit einer Gruppe von acht Personen initiiert hat, heißt "Schlau" und will den Jugendlichen in Workshops von zwei bis sechs Schulstunden einen Eindruck vermitteln, was es heißt, anders zu sein. Dass es andere Lebensformen und sexuelle Vorlieben gibt, dass "Schwule oder Lesben nicht völlig durchgetickt und schrill sind, sondern ganz normale Menschen", sagt Lehner. "Außerdem möchten wir Mut machen, sich zu outen. Nicht während des Workshops, aber vielleicht danach.

" Keine neue Idee, möchte man sagen, und vor allem: Ist das wirklich notwendig? "Leider ja", antwortet Lehner. "Das Verständnis bei Jugendlichen lässt wieder nach. Ich habe das Gefühl, wir waren da schon mal weiter." Vor ein paar Jahren hat der Informatiker deshalb in seiner Heimat Rheinland-Pfalz begonnen, solche Workshops ab der sechsten Klasse zu organisieren. Nach dem Umzug an den Bodensee versucht er jetzt, etwas ähnliches hier aufzubauen. Das Konstanzer Team, das aus Schwulen, Lesben, Bi – und Transsexuellen besteht, habe bereits einige Workshop im Kreis Konstanz geleitet, unter anderem auch in einer Klasse in Singen.

Dabei geht es nicht nur um Begriffsklärungen, was zum Beispiel "transsexuell" im weitesten Sinn bedeutet – sondern auch um alltägliche Erfahrungen der Ausgrenzung. Bei einem Spiel erfahren die Kinder beispielsweise, was es heißt, alleine auf einer Seite zu stehen. Die Lehrer sind bei den Workshops nicht dabei. "Wir wollen den Jugendlichen die Angst nehmen, dass sie bewertet werden könnten und eine vertrauensvolle Atmosphäre schaffen". Geleitet werden die Stunden überwiegend von Studenten aus Konstanz. Die Workshop-Leiter, die mindestens zu zweit sind, wollen auch alterstechnisch so nah wie möglich an den Jugendlichen dran sein. Selbst etwas sagen oder aktiv mitmachen müssen die Jugendlichen nicht, betont Lehner. "Wir wollen nur das Angebot machen."

Viele nehmen dieses Angebot an, weiß Burkhard aus Erfahrung. Manche aber auch nicht. So täten sich muslimische Schüler oft schwer mit dem Thema. Auch, wenn die Workshop-Leiter von ihrem eigenen Coming Out erzählen, von ihren Erfahrungen als Homosexueller oder den schwierigen bürokratischen Hürden von Transsexuellen, die sich umoperieren lassen möchten. Ein Workshop-Leiter ist zum Beispiel Leon. Etliche Behördengänge, Arztbesuche und schmerzhafte Operationen musste er auf sich nehmen, um seinem Ziel „ein ganzer Kerl zu sein“ näher zu kommen – und im Pass endlich nicht mehr "Sonja" zu heißen. Etwas, das man nicht einfach mal so macht – sondern weil er sich schon seit der Kindheit im falschen Körper fühlte.

Leon und das Team von "Schlau" beantworten außerdem Fragen, die die Schüler anonym auf Zetteln stellen können. Eine Frage, die immer kommt, sagt Lehner, ist diese: "Wie haben die Eltern reagiert?" Er selbst kann dann berichten, dass er seiner Mutter erst relativ spät sagte, er sei schwul. Zu dem Zeitpunkt war er schon ausgezogen, seine Mutter war aber doch zuerst irritiert. "Ich bin auf dem Land aufgewachsen, da ist das bis heute etwas anderes", sagt Lehner. "Jeder muss da seinen eigenen Weg finden. Aber in der Regel ist das Coming-Out nicht so schlimm, wie man es sich vorstellt." Auch die Frage, wie Schwule eigentlich Sex haben, ist dabei. "Wenn das Interesse da ist und unsere Workshop-Leiter das beantworten wollen, können sie das tun", sagt Lehner. "Aber es geht uns nicht um die Früh-Sexualisierung von Kindern", betont er. "Es geht vielmehr um die emotionale Ebene, um Mobbing und Gewalt zu verhindern."

Lehner und das Workshop-Team sind sich bewusst, dass das Thema auch Sprengstoff bietet. Sie alle kennen die Debatte über den neuen Bildungsplan, der das Thema "Sexuelle Vielfalt" anpackte und der im vergangenen Jahr tausende Eltern in Baden-Württemberg auf die Straße brachte. Sexualität solle Privatsache sein, kritisierten Vertreter des Bündnisses "Für Ehe und Familie – Stoppt Gender-Ideologie und Sexualisierung unserer Kinder". Der Entwurf für den neuen Bildungsplan wurde letztlich überarbeitet und die „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ wurde in eine allgemeine Leitperspektive „Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt“ aufgenommen. Deren Kernanliegen sei, „Respekt sowie die gegenseitige Achtung und Wertschätzung von Verschiedenheit zu fördern." Also eigentlich genau das, was Burkhard Lehner und sein Team von "Schlau" auch möchten.
 

Das Projekt

SchLAu („Schwul Lesbisch Bi Trans Aufklärung“) Konstanz ist ein ehrenamtliches Aufklärungsprojekt und Teil eines landesweiten Netzwerkes. Die Workshop-Leiter sind vor allem junge Menschen, die gezielt geschult wurden. In Schulen, Jugendeinrichtungen und Einrichtungen der Erwachsenenbildung wollen sie für Fragen der sexuellen Vielfalt sensibilisieren und sich mit dem Thema Diskriminierung auseinandersetzen. Das Projekt hat sich vor allem in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz etabliert. Lehrer, Schulleiter und andere Interessierte können sich bei dem Konstanzer Koordinator Martin Schneider melden per Mail an bildung@csd-konstanz.de