Konstanz „Es gibt auch die Alltagsrassismen“

Die Konstanzer Integrationsbeauftragte Elke Cybulla erzählt im Samstagsgespräch von Rassismus in Konstanz, Flucht und ihrer Methode, Menschen mit Migrationshintergrund in Konstanz zu integrieren.

Frau Cybulla, warum interessieren Sie fremde Kulturen? Wie begann das?

In Spanien. Da fängt der Faden an für Konstanz. Ich war ausgebildete Fremdsprachenkorrespondentin und Industriekauffrau und wollte zusammen mit meinem Lebenspartner auf Weltreise. Wir wollten nach Südamerika und ich dachte, ja okay, dann lern' ich erst einmal Spanisch. Wir sind in Spanien hängen geblieben. Da habe ich zwei Jahre ehrenamtlich für eine Organisation gearbeitet, die sich um Spanienrückkehrer kümmerte. Ich habe das Problem mit den halbsprachigen Kindern kennengelernt. Die konnten nicht genug Deutsch, aber ihr Spanisch war auch nicht ausreichend für einen Schulbesuch. Deswegen haben wir sie in Spanisch und in Deutsch unterrichtet. In Deutsch deshalb, damit die Kinder ihr Selbstbewusstsein stärken können und für die Identitätsbildung. So wie wir das auch für Migranten hier wollen.

Also die Muttersprache nicht verlieren, aber trotzdem die Fremdsprache trainieren?

Ja, unbedingt. Das ist ja das große Potenzial. Menschen, die über zwei Kulturen Bescheid wissen und sich ganz leicht darin bewegen können, das sind die Menschen, die wir brauchen in einer globalisierten Welt. Mir war klar, dass ich das Abitur nachholen muss, wenn ich auf dem Gebiet Sprache und Migration weitermachen will. Ich habe dann in Berlin das Begabtenabitur nachgemacht. Ich musste dazu nicht auf die Schule, sondern habe mich selbstständig auf die Prüfungen vorbereitet und sie vor Gremien aus Gymnasiallehrern und Uniprofessoren abgelegt.

Bei einem Professor, der mein Prüfer war, habe ich später hauptsächlich studiert. Er war Soziolinguist, also an der Schnittstelle von Soziologie und Sprache. Nebenbei habe ich für verschiedene Einrichtungen gearbeitet: Ich habe Deutsch unterrichtet in der jüdischen Gemeinde und für eine Fachschule für Altenpflege einen Umschulungslehrgang für Aussiedlerinnen wissenschaftlich begleitet. Nach dem Studium habe ich viel für die Volkshochschule gearbeitet, etwa in Alphabetisierungskursen für kurdische Frauen.

Diese Arbeit erfordert, sich immer wieder auf neue Kulturen einzustellen. Fällt Ihnen das leicht?

Ja. Das steckte immer schon in mir drin. Sprachen waren für mich der erste Zugang zu anderen Kulturen. Von der eigenen Familie gibt es nur einen Zugang. Mein Vater ist als Flüchtling aus Ostpreußen gekommen. Heute denke ich, die Themen Vertrieben sein, Heimat suchen, Heimat finden, waren als familiäre Themen in mir angelegt, ohne dass wir darüber gesprochen hätten. Das ging eher unbewusst. Mich hat es rausgedrängt aus dem bürgerlichen Milieu in Waldkirch bei Freiburg. Meine Eltern, rechtschaffene Handwerker mit eigenem Betrieb, waren erschrocken. Daraus sind Konflikte entstanden. Die sind aber längst beigelegt. Ich war 20 Jahre in Berlin, als Freiberuflerin mit Partner und zwei Kindern. Wenige Jahre nach dem Mauerfall gab es keine Stellen mehr. Es gab da ja viele Doppelstrukturen in Ost- und Westberlin. Dann habe ich die Ausschreibung der Stelle in Konstanz gesehen. Es war die Traumstelle.

Waren Sie vor zehn Jahren als Integrationsbeauftragte die Frau mit dem Orchideenfach?

Damals war es noch so: Alles was mit Integration zu tun hatte, landete bei mir. Ich hatte damals sehr viel Publikumsverkehr. Die Idee, dass alle Abteilungen sich überlegen müssen, wie sie mit ihren Angeboten alle Menschen erreichen, war noch nicht sehr ausgeprägt.

Wie haben Sie damals das Klima in der Stadt gegenüber Flüchtlingen und Ausländern wahrgenommen?

Ich habe Konstanz zunächst als tolerant und aufgeschlossen erlebt, auch mir gegenüber. Aber ich habe schon bemerkt, dass nicht alle Menschen im selben Maß willkommen geheißen werden. Ein Gastschüler lateinamerikanischer Herkunft zum Beispiel, der in einer Konstanzer Familie untergebracht war, kam nicht in eine Diskothek hinein. Die Kinder der Familie und deren Freunde dagegen schon. Wir haben damals was unternommen und das ist dann abgestellt worden. Oder da war ein Mann afrikanischer Herkunft, der immer von der Polizei kontrolliert wurde, wenn er mit seiner Sporttasche unterwegs war. Die Polizei durchsuchte die Tasche, wühlte in seiner schmutzigen Wäsche. Die Leute wurden aufmerksam und starrten ihn an. Ihm war das peinlich und er fragte sich, warum immer ich? Andere laufen auch mit Sporttaschen herum und werden nicht kontrolliert. Es ist die Hautfarbe, die das auslöst. Ich denke, das sind diese Alltagsrassismen, die es auch gibt. Viele sagen, es gäbe sie in Konstanz nicht. Aber diese Leute bewegen sich nicht in diesen Milieus, sie sind nicht mit den Menschen unterwegs, denen das passiert. In den Anfangsjahren gab es gefühlt mehr solcher Vorfälle. Konstanz präsentiert sich an der Brücke mit internationalen Flaggen. Aber es gehört auch dazu, Flagge zu zeigen und für andere einzutreten. Ich wünsche mir eine größere Aufmerksamkeit. Guter Dinge bin ich, wenn ich an die Schulen denke. Ich bin da regelmäßig zum Thema Integration, ich werde dazu von Lehrkräften gern eingeladen. Da mache ich mit den Jugendlichen Sensibilisierungsübungen. Wir stellen dann fest, die haben eine größere Toleranz und Offenheit gegenüber Mitschülern mit Migrationshintergrund als Erwachsene. Jugendliche schauen erst einmal, was das für ein Mensch ist. In den Klassen haben inzwischen etwa 30 Prozent der Schüler Migrationshintergrund. Und je jünger die Schüler werden, desto höher ist der Anteil. Man kann und sollte das Konzept der Integration langsam auflösen. Es geht dann neu um Internationalität und die Frage, wie man mit einer internationalen Stadtgesellschaft umgeht. Was kann ich dafür tun, dass alle sich hier wohl fühlen können?

Die Asylbewerberzahlen steigen wieder – haben Sie Angst, dass eine neue Welle der Intoleranz auch nach Konstanz schwappt aus Angst, das Boot könnte eben doch zu voll werden?

Dazu muss man eine ordentliche Öffentlichkeitsarbeit machen und deutlich machen, wann das Boot wirklich voll ist. Es sind doch gar nicht so viele, die kommen. Das ist verkraftbar. Wir haben hoch gebildete Menschen, die als Flüchtlinge gekommen sind. Man hätte mit ihnen leicht eine Nachschulung machen können, in den Berufen, in denen sie schon etwas geleistet haben. Doch das hat man versäumt. Das soll sich jetzt ändern. Die Anerkennung der Berufe ist vereinfacht worden. Das ist eine Chance für unser Land.

Was sagen Sie Menschen, die sich in Konstanz vergeblich um einen anständig bezahlten Job und eine günstige Wohnung bemühen? Warum sollten in dieser Stadt dann noch Kapazitäten für Flüchtlinge sein?

Man muss sich auch um die Leute kümmern, die schon hier sind oder immer waren. Und das geschieht auch. Finanzschwache Familien bekommen Hilfen. Die Teilhabe ist erleichtert worden, etwa durch den Sozialpass.

Was soll mit Menschen geschehen, die sich gar nicht integrieren wollen?

Es wird immer Menschen geben, die sich nicht integrieren. Das gibt es auch in der deutschstämmigen Gesellschaft. Übrigens, auch die ganz Reichen wollen unter sich bleiben und lassen niemanden rein. Wir müssen akzeptieren, wenn Gruppen nicht teilhaben wollen. Wenn sie niemandem schaden und nicht kriminell sind, dann muss man sie lassen. Das ist ein freies Land. Aber man muss schon hinschauen: Ist es wirklich gewollt? Oder fehlt etwas? Mir wurde schon unterstellt, ich hätte keinen Kontakt mit Menschen, die sich nicht integrieren wollen. Das stimmt nicht. Oftmals steht hinter scheinbarem Desinteresse auch schlicht eine Kapitulation. Bei Elternabenden beispielsweise. Viele Menschen mit Migrationshintergrund kommen einmal und dann nie wieder. Die Sprache, die Form der Debatte, die vielen Fachbegriffe, das ist ihnen alles fremd. Wir haben mit unserem inzwischen sehr ausgefeilten Netzwerk für Bildung Eltern mit Migrationshintergrund ausgebildet, die andere Eltern in den jeweiligen Muttersprachen informieren. Ich höre oft: Warum nicht auf Deutsch? Es geht nicht. Um das differenzierte Schulsystem zu verstehen, reicht ein Deutschkurs nicht aus.

Es gab ja Zeiten, da waren die Aufteilungen sehr deutlich. Wer Migrationshintergrund hatte, ging ganz selten auf eine der weiterführenden Schulen. Hat sich das geändert?

Das hat sich sehr verändert. Bei der Gruppe der Schüler mit Migrationshintergrund geht der größte Teil inzwischen aufs Gymnasium, gefolgt von der Realschule. Nur ein sehr kleiner Teil geht auf die Hauptschule. Viele Eltern mit Migrationshintergrund in Konstanz haben akademische Abschlüsse. Ich habe von einem Kind erfahren, das vor 1,5 Jahren aus Mittelamerika gekommen ist, ohne Deutsch zu sprechen. Und jetzt ist es Klassenbestes an seinem Gymnasium.

Mit was haben Sie in Konstanz aufgeräumt in den zehn Jahren Ihrer Tätigkeit?

Wir haben Integration aus der Schmuddelecke geholt. Es ist jetzt ein positiv besetzter Begriff in Konstanz. Man schaut und achtet auf die Schulkinder und macht ihnen Hilfsangebote. Die Kinder werden engmaschig begleitet. Das macht den Erfolg aus. Das Netzwerk für Bildung, das wir aufgebaut haben, ist wirklich großartig, weil jeder Einzelne ganz engagiert bei der Sache ist. Wir haben eine Schulberatungsstelle auf Projekt- und Honorarbasis. Über sie können wir die Integrationsangebote passgenauer machen.

Sie setzen sich für die so genannte Save-me-Kampagne ein. Warum sollte Konstanz zusätzlich zu den Asylbewerbern besonders gefährdete Flüchtlinge aufnehmen?

Im Namen der Menschlichkeit sollte man das tun. Wir haben Europa schon dicht gemacht.

Tragen die engen Sammellager für Asylbewerber zum schlechten Ruf von Flüchtlingen bei?

Ich war bei meinem ersten Besuch auch erdrückt und erschrocken über die Enge und wie ungepflegt es da aussieht. Man bekommt ein schlechtes Gewissen. Man will da nicht immer so genau hingucken. Sonst müsste man ja etwas tun. Ich glaube, das Thema Flüchtlinge ist ein Tabuthema. Ich möchte dazu beitragen, dass Menschen, die flüchten mussten, nicht ein zweites Mal traumatisiert werden, indem sie wieder nur Ablehnung erfahren.

Fragen: Claudia Rindt

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